Der Soul der Zeros

Vom Jungle zum Cinemascope-Schlager: Musterbeispiel 4hero. Zuerst Underground, dann 15 Minuten im Mainstream, und jetzt?

Zum Auftakt erinnern erhebende Orchesterarrangements unsereins beinahe an die kolossalen Schlager der goldenen Ära, wie z.B. die Originalversion von »Er gehört zu mir« (1975), die eine richtige Ouvertüre hat. Tatsächlich ist es kein großes Orchester, sondern nur eine gut aufgenommene und geschickt eingeflochtene Streichergruppe, und sicherlich haben weder Dego noch Marc Mac viel von Marianne Rosenberg gehört. Dennoch ist diese Klangparallele ebenso erstaunlich und logisch zugleich wie die Entwicklung von 4hero, deren Ursprünge in genredefinierende Urzeiten von Jungle und Drum’n’Bass zurückreichen.

Früher waren 4hero (auf) Reinforced, dann auf Talkin‘ Loud. Heute haben Dego und Marc Mac ihre Sporen lange verdient, releasen auf ihrem neuerem Label Raw Canvas, mit der Hand auf dem Reinforced-Back-Katalog. Genug Szene-Anekdoten, um ein Buch zu schreiben. Sie selber sehen sich und Reinforced wie »die klassischen Disco- und Funklabels« (vgl. »De:Bug« 108) – eine interessante Positionierung für Leute, die Drum’n’Bass-Geschichte geschrieben haben.

4heros Karriere ist typisch für die 1990er und folgt verschiedenen Szenelinien: Aus der Club- und Elektronikwelle ins Zentrum der Aufmerksamkeit gespült, plötzlich den Trends unterworfen, an deren Entstehung man vorher noch selbst mitgewirkt hatte. So stellten die Producer aus der Subkultur anscheinend fest, dass sie dort nicht sein wollten. Ihre Vorstellungen von der Umsetzung ihrer Ideen, ihre Liebe zur Musik war vielleicht nicht mit Marktgesetzen vereinbar. Oder es reichten ihnen zwei Alben im Majorvertrieb für ausreichend Lizenzierungen und Tantiemen, um in Zukunft auf gemütlichem Niveau und auch eigenen Vorstellungen leben und arbeiten zu können.

Diese Geschichte ist typisch für die Unmöglichkeit der totalen Verbindung von Producer- und Majorbusiness, heute mehr denn je: Wo das Geld nur mehr schnell mit Instant-Popstars gemacht werden will, ist kein Platz für Künstler, doch versierte Producer können immer wieder punkten und sich einbringen. Ein Remix hier und da, damit man im Geschäft bleibt. Und der Backkatalog, aus dem man alle möglichen Sampler bestückt. Trotzdem sollte man das neue Album nicht falsch verstehen: Auf »Play With The Changes« findet sich kein Track, der hervorsticht wie »Hold It Down«, auch keine Clubkracher. In heutigen Parametern ist das Album mehr Soul als Funk, trotz seiner HipHop-Einsprengsel. Kurios: Die Verbindung des Clubs mit der geschmäcklerischen Acid-Jazz-Szene lässt Musik entstehen, die sich wie guter Wein entwickelt. Beim ersten Mal sofort guter Geschmack und vor allem guter Nachgeschmack, mit der Zeit wirds immer schöner. Für den US-R&B sind 4hero etwa so relevant wie Tom Tykwer für Hollywood. Aber man denke an die Crunk-Kollegenschaft: In der Verbindung der verschiedenen Zugänge, US-Futurismus und UK-Klassik, liegt eine Menge Black/Club-Potenzial.

http://www.de-bug.de/texte/4615.html

http://en.wikipedia.org/wiki/4hero