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Der Club ist tot, lang lebe der Club

Wir vermissen die Nacht, wir vermissen den Rave. Eine Hommage an eine Möglichkeitsmaschine im Rahmen unserer Serie »The New Normal«.

Es braucht keine gesamtgesellschaftlichen Krisen, um den Club anders zu denken. Um ihn neu zu denken, weil er weg ist, verschwunden, futschikato. Und doch existiert. Wir spazieren an ihm vorbei, blicken ihm ins Auge, sehen die verschlossenen Türen, die Graffitis an den Wänden. Da ist er, gleich vor uns, als wolle er uns zunicken und fragen, warum wir ihn verlassen haben. Wir kennen die Antwort. Trotzdem verblasst die Erinnerung an die letzte Clubnacht. Während Subwoofer schlummern und Dancefloors verstauben, denkt man zurück – an ein Jahr ohne das Gewummer, die Energie, das unerklärlich konzentrierte Gefühl, das hier und jetzt gerade alle dasselbe wollen: nur tanzen, immer weiter und weiter und weiter.

Ich bin mir sicher, wir alle haben eine andere Vorstellung, wenn wir »vom Club« sprechen, an ihn denken oder ihn anderen erklären. Wir erzeugen unterschiedliche Gedankenbilder, die an die gemachte und noch ausstehende Erfahrung, an durchgeschwitzte Nächte und das Runterkommen zum Sonnenaufgang geknüpft sind, aus ihr hervorgehen und sich nähren. »Weißt du noch, das letzte Mal?« oder »Oida, wann können wir wieder raven?« sind Sätze, die wie melancholische Bruchstücke einer Vergangenheit in der Gegenwart nachhallen und sich aus Spuren speisen, die langsam verwischen, bis nur noch Rauschen übrigbleibt.

»Ohne Bombast, Ballast oder Brimborium« – du stehst in der Schlange, der Beton vibriert, deine Pupillen zucken. »Am Türsteher vorbei« – du glühst, es ist kurz vor halb 2.

Der Club ist das, was man aus ihm macht – aber er kann auch das sein, was er ist. Ein Ort, ein begehbarer Raum, ein Soundsystem, eine Tanzfläche, eine Bar – die Summe seiner Teile. Der Name des Clubs steht dabei nicht nur für eine Örtlichkeit, sondern verortet ihn als Raum einer Einstellung, einer Überzeugung, und eines Angebots zur kontrollierten Überforderung, die unterfördert ist. Er kann der Geruch sein, der sich in die Decken gefressen und den man in den Boden gestampft hat; die Geschichte, die sich in vielen Nächten schreibt und ein Narrativ präsentiert, das sich im Raum bewegt; oder die krude Zusammensetzung eines dampfenden Menschenhaufens, bei dem sich die Unterscheidung zwischen »Ich« und den »Anderen« aufhebt und ineinander fließt, um in Gemeinsamkeit aufzugehen.

Gleichzeitig ist der Club so viel mehr, vor allem, wenn man ihn als »Raum« begreift. Nicht nur im ökonomischen, politischen, soziologischen oder anthropologischen Sinn, sondern als »Raum«, der diese Unterteilung nicht denkt und nur zeitlich temporär existiert: als Idee – für einen Möglichkeitsraum, der sich im Kollektiv offenbart; für einen Identitätsraum, der ihre Auslebung fördert und keinen gesellschaftlichen Restriktionen unterliegt; für einen Konsumraum, in dem man konsumiert und konsumiert wird; für einen Raum der Ekstase, der sich nicht selbst genügt, sondern durch den Rausch der Masse lebt; für einen Raum, den man nicht beschreiben, sondern nur erleben kann; für einen Raum der Illusionen, der eine Maschine ist, die irgendwo bei 130 Beats in der Minute stampfende, dialektische Bewegungen erzeugt.

»Harder, better, faster, stronger« – Beats prügeln aus Lautsprechern, irgendjemand schreit dir ins Ohr, du lächelst, schließt die Augen vor lauter Ecstasy. »We are the dreamers of dreams« – jede Snare schiebt.

Der Club existiert als Raum, weil er sich temporär von anderen Räumen abgrenzt: Möglichkeit statt Unmöglichkeit, Inklusion durch Exklusion, Drinnen im Draußen. Gegensatzpaare, die sich nicht auflösen, sondern Distanz schaffen, um sich trotzdem anzuziehen, weil die Unordnung der Dinge ein flüchtiges Chaos inmitten einer Konvention schafft, ohne das es nicht existieren könnte: Das Chaos inmitten einer fiktiven Ordnung, einer fiktiven Welt.

Der Club wird damit zum Raum, in dem keine Klarheit, keine Ordnung und Benennbarkeit herrscht; kein Anfang und kein Ende ausmachbar ist, sondern im Moment der rhythmischen Bewegung zur wummernden Klangkulisse eine maximale Ausfransung von Grenzen aller Art stattfindet. Wenn Wände vibrieren und der Körper zur Resonanzfläche wird, verlieren sich die Bewegungen im Schein der Unkenntlichkeit, gehen unter, steigen ab in ein Zwielicht, das uns die Eindeutigkeit des Alltags nimmt. Man geht aus sich heraus, vertraut auf die eigenen Sinne, verliert sich in ihnen, bis das Licht angeht und die Übriggebliebenen, die Willigen und flüchtigen Bekannten applaudieren, um sich für eine Reise zu bedanken, von der alle zehren.

Denken wir für einen Moment, dass jeder Raum seine eigene Zeit hat und diese Zeit sich als Atmosphäre zeigt. Sie umhüllt und verhüllt den temporären Charakter, die endlichen Bewegungen des Raumes, der sich für eine kurze Dauer, eine Weile, einen »Zeitraum« zusammensetzt, aber nie fixiert ist, sondern sich irgendwann enthüllt. Die Grenzen, die das Innen vom Außen bewahren und das Außen vom Innen, verflüssigen sich, sobald man sie denkt. Man könnte auch sagen: Wir nehmen den Raum als solchen nur wahr, wenn wir uns in ihm bewegen – und er zerfällt, sobald die Bewegung aufhört, Bewegung zu sein. Hier merken wir: Der Club ist Möglichkeit zur Reise und Bereister. Er bietet keine Pauschalangebote, dreht uns keine All-Inclusive-Ausflüge an, sondern arrangiert Entdeckungen des Zufalls, gesteuert von der Bereitschaft, sich einzulassen auf alle Umwege und Abzweigungen, die sich auftun. Die Reise wird zur Möglichkeit, die Nacht zu ihrer Verbündeten.

»You need the drugs to make the stars come down« – jemand hämmert mit der Faust an die Toilettentür. »Let the beat control your body« – Blitze zucken, Kiefer mahlen, Techno ballert.

Der Club ist Möglichkeitsraum. Das ist schnell gesagt. Aber was macht einen »Raum« zu einem Möglichkeitsraum, zu einer Möglichkeitsmaschine, zu einer fragilen Konstellation, die man nur »umschreiben« und niemals »beschreiben« kann, weil jede Fixierung, jede Definition, jede »Zuschreibung« der Erfahrung seiner Wahrnehmung widersprechen würde? Vielleicht ist es die unbeschreibbare Tatsache, dass der Club die Zeit aussetzt, sie ritualisiert und in »Science Fiction« verwandelt, nicht aber, um bedingungslos nach vorne zu blicken oder sich in utopischen Szenarien zu verlieren, sondern um die Gegenwart zu verzerren, den »present shock« aus einem immanenten Moment des Gegenwärtigen zu provozieren und damit ein Feedback zwischen bevorzugter Zukunft und werdender Gegenwart zu produzieren, es gleichzeitig zu konsumieren und damit zu »erleben«. Genau, der Club ist das gelebte Entstehen im Zeitraum, ein Zusammenprallen von Bewegungen, Geschwindigkeiten und Intensitäten, die aus sich heraustreten, um nie wieder zu existieren, aber empirische Ereignisse erzeugen, denen ein immanentes Potenzial, die Möglichkeit eines räumlichen In-der-Zeit-Seins genauso zukommt wie ein zeitliches In-den-Raum-Treten. Das lässt sich nicht beschreiben. Wie auch, wenn sich die Vernunft im Trockeneisnebel löst und aufsteigt wie verlorene Seelen, bevor sie sich auflöst wie Kristalle im Magen?

In dem Moment, in dem sich die Clubnacht materialisiert, ist sie vorbei. Sie verschiebt Grenzen, die sie zu überschreiten vorgibt, und zieht sie neu. Dadurch gibt der Club seinen eigenen Rhythmus vor, der antreibt, nach vorne stampft und marschiert, nicht zurückblickt. Die Wiederholung der Wiederholung, »tick, tock, fuck the clock«. Immer gleich, niemals dasselbe.