Attwenger | Foto: Gerald Foris

Der Club der coolen Stoiker

In »Clubs« sampeln sich Attwenger selber und gehen in die Verlängerung: Nach der Spielzeit der letzten zwölf Jahre folgt der Soundtrack für die Fans: Eine Spiegelschau mit großen Miniaturen und kleinen Zeitsprüngen.

Attwenger haben Amerika entdeckt. Die Kunde davon überbringt uns Markus Binder in einem der beiden Filme, die der neuen CD von Attwenger beiliegen. Als Tourbegleiter von Texas über New Orleans bis New York City findet sich da der Zuschauer wieder, darf den Blickwinkel der Entdecker einnehmen. Bekommt von Attwenger all die Musiker gezeigt, denen sie unterwegs begegnet waren.
Das passt gut zu der Musik-CD, die als Collage und Reise durch die Jahre eigentlich wie ein Mixtape daherkommt. Keine neue Studioproduktion liegt da also vor, sondern ein virtuelles Attwengerkonzert, aufgebaut wie ein Dokumentarfilm. Gewissermaßen führt das Musikdokument dann über den Atlantik und weist den Weg zum Film, denn deutlich wird beim Hören, wie überfällig die Entdeckung Amerikas schon lange war. HipHop und Polka, das sind die zwei Säulen, könnte man sagen, auf denen die Musik von Markus Binder und Hans-Peter Falkner steht. Steht und wandelt, denn Attwenger sind Stoiker, die ihre Kreise fern von allen Säulenhallen ziehen. Cooler als die letzten Cowboys. Und die hören und spielen in Texas bekanntlich immer noch die böhmische und alpine Polka, wie sie die Urururgroßväter aus Europa importiert hatten. Attwenger in Austin hat also was von einem Homecoming. Nah dran an den Rekontextualisierungen von F.S.K., die ja auch zum Polkaspielen nach Texas fuhren, mit dem Unterschied, dass Attwenger einfach das tun, was sie schon immer taten. Dazu gehören ja eben auch die österreichisch-amerikanischen Doppelungen in den Lyrics und Albumtiteln: »Sun« steht für die Leit, die in der Sonne gstand’n »san« und g’schaut haben. Der »Dog« ist der »Tag«. Und nun »Clubs«. Ein kleiner »Klapps«? Oder eher ein ganz imperatives »Glaub’s!« In jedem Falle bedienen Attwenger keinen Club der angeglichenen Ûbergangslösungen, sprich: »Clubs« steht hier nicht für fein getunte Clubversionen mit Dancefloor-Kompatibilität. Dazu ist die Klangästhetik der Live-Mitschnitte aus ganz unterschiedlichen Situationen zu rough und zu heterogen.

Selbstironischer Liebhaberclub mit Punk-Gestus

Thomas Meineckes Idealbild eines Clubs, der sich allein durch das Vorhandensein einer Bassdrum konstituiert und auch nur durch dieses Element gehalten wird, welches im Moment seines Aussetzens den Club wie einen salomonischen Tempel kollabieren lässt, halten Attwenger ganz lässig den uramerikanischen Gedanken von einem Club entgegen: Eine Gruppe von Liebhabern einer speziellen Sache, die sich trifft, um »likes« auszusprechen. Gruppen, Räume, Situationen. In der Summe lauter Clubs. Ganz kurz und klein sind viele der hier versampelten und dicht aneinandergereimten Schnipsel, was zum Einen den Charakter eines Roadtrip-Sketchbooks verstärkt und wunderbar dem großen Faible von Attwengers Münchener Label Trikont für Compilations, die als inhaltlich assoziative Strecke funktionieren, entgegenkommt. Zum Anderen mittels Selbstironie und Punk-Gestus punktet. Etwa, wenn ein Kommentator eingeblendet wird, der bemerkt, dass Attwenger mit ihrer Herangehensweise gewiss ein kleiner Club, den »very few understand«, bleiben würden. Dieser Club der very few ist über die Jahre doch ganz schön groß geworden. Wie heißt es in dem Track »Hänger«: »Alles wird verlängert. Statt einer Lebensversicherung gibt’s jetzt eine Lebensverlängerung. Und die ganze Lebensverlängerung verlängert sich dann nochmal. Und nochmal, und …« ganz klar: Attwenger sind cooler als der Tod.

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Attwenger: »Clubs«

(Trikont/Lotus Records)

Attwenger live:

22. & 23. März, Wien, Radiokulturhaus
5. April, Perg, Club Jederzeit
6. April, Club Stiege, Trostberg
19. April, München, Milla
20. April, Saalfelden, Nexus
26. April, Regensburg, Mälzerei