Der 360° UnS-Exzess

Mark Z. Danielewskis »Only Revolutions« entführt den Leser in ein Road-Movie der anderen Art, wo er in einer ewigen Kette von Verweisen – inhaltlicher und typographischer Natur – der Geschichte der Teenager Sam und Hailey folgt, die von zwei Seiten beginnt, um sich dann in der Mitte zu treffen.

Sam und Hailey, derb und ewige Sechzehn, jagt Autor Mark Z. Danielewski in seinem Roman »Only Revolutions« mit wahnwitzigem Tempo quer durch die USA und ladet damit auch die Leserschaft zu einem Abenteuer der besonderen Art ein. Dieses vollzieht sich nicht im stärkstem Ausma&szlig auf inhaltlicher Ebene, auf der die Liebesgeschichte zweier Teenager in Road-Movie- Manier geschildert wird. Allerdings soll der Inhalt nicht geschmälert werden, denn Danielewski erzählt vom alltäglichen Leben, vom allzumenschlichen Handeln, und jeder, der in den Genuss der ersten Liebe gekommen ist, wird mit den Erzählungen von Sam und Hailey warm werden. 

Die unterschiedlichen Perspektiven in »Only Revolutions«, die sich wie ein Lichtstrahl durch ein Prisma brechen, sind es gerade, mit denen Mark Z. Danielewski ??UnS?? die Unleserlichkeit von Liebe buchstäblich vor Augen führt: »Only Revolutions« kann von zwei Seiten her gelesen werden, von der Sams und von der Haileys, d. h. das Buch muss stets umgedreht werden, um beide Versionen lesen zu können, da immer eine auf dem Kopf steht. Dies ist allerdings nicht die einzige typografische Raffinesse, die sich Danielewski ausgedacht hat: Das Werk verfügt über exakt 360 Seiten – in Analogie zu den Graden eines Kreises, dessen 180°-Hälften Sams und Haileys gegenläufige Sichtweisen aufzeigen; auch jede Doppelseite setzt sich aus 360 Wörtern, die sich in eine Art Kreisgesang formieren, und einer Zeitchronik, die sich über knapp zweihundert Jahre (1863-2063) erstreckt, zusammen. Den optischen Eindrücken aber noch nicht genug: Der Buchstabe O wird, der Kreisanalogie weiterfolgend, stets der Augenfarbe – bei Sam grün, bei Hailey golden – entsprechend hervorgehoben, und auch die beiden Lesebändchen fügen sich diesem Farbkanon ein.

Danielewskis Text ist durchzogen von neuartigen, botanischen Begriffen, die sich in bildgewordener Form auf dem Cover abzeichnen, zudem wird in der englischen Version »wir«, also »us«, stets gro&szlig geschrieben und verweist somit auf die Zugehörigkeit zu den Verein(ig)ten Staaten, die in Versen wie: »Der Westen entwächst dem Westen, aber wir erwachsen UnS nie« deutlich zum Tragen kommt. In der deutschen Version wurde diese Gro&szligschreibung durch »UnS« veranschaulicht. Danielewski bricht mit seiner typografischen Detailverliebtheit aus jedem konventionellen Rahmen aus, eröffnet dem Leser ein neues Begriffsspektrum und verleiht zudem dem Medium Buch eine eigene Sprache. »Only Revolutions« ist eine Wortlandschaft, die es zu betreten und zu erkunden lohnt, selbst wenn das eigene Leseergebnis in Verwirrung mündet.

Mark Z. Danielewski: »Only Revolutions« Aus dem Amerikanischen Englisch von Gerhard Falkner und Nora Matocza. Stuttgart: Tropen bei Klett Cotta 2012, 360 Seiten, EUR 24,95