Das Trojanische Pferd: Von der Gewaltgeburt zur friedlichen Hausgeburt

Das österreichisch-deutsche Musikerduo Hubert Weinheimer und Hans Wagner präsentierte im Februar diesen Jahres sein neues Album »Wut und Disziplin«. An Bekanntheit gewonnen, durch den Hit »Wien brennt«, der von der österreichischen Studentenschaft als Protestsong auserkoren wurde, beginnen die beiden eine musikalische Spielart des Chansons-Punk zu prägen, was so viel hei&szligt wie alles ist erlaubt. Zu diesem Anlass gaben sie skug zwischen Jam Session und Arbeitsalltag ein kleines Stelldichein.

Ohne Wut und Ohne Disziplin bei einem Bier im Alt-Wien

Die Frage nach der Entstehungsgeschichte des Pferdes bricht etwas los, das einen in weiterer Folge gar entfernt an eine Liebesgeschichte erinnert. Der kunstbegeisterte Soziologiestudent und Singer-/Songwriter Hubert Weinheimer begegnet dem Tontechniker und Musiker Hans Wagner bei einem Konzert seiner damaligen Band Feinstaub, trifft ihn unverhofft wieder und spricht ihn an. Sie gehen auf ein Bier ins Alt-Wien und hier nimmt die Geschichte ihren Lauf. Wenig später treten sie bei einem von Hubert ursprünglich als Solo angedachten Konzerts gemeinsam auf. ?ber die Wahl für den Namen der gemeinsamen Schöpfung ist man sich schnell einig. Nicht weil es so überraschend klingt, sondern weil dieser Name Weinheimer schon länger im Kopf herumgeisterte. Es ist der Beginn einer etwas heterogen wirkenden Partnerschaft musikalischer Kunst.

»Triebe in alle Richtungen«

Nach der Wohnzimmerproduktion des ersten, selbstbetitelten Albums, wurde aus dem lauten, renitenten, aber recht unterhaltenden Kleinkind der beiden Künstler ein wütender Teenager, der gelernt hat Wut charmant zu verpacken. »Mit wütendem Text wütende Musik zu machen ist too much.« Nach diesem Motto von Hans Wagner wurde die inhaltliche Wut musikalisch abgeschwächt und mit vielen verschiedenen Elementen aus Klassik, Punk, Rock, Jazz etc. gestreut. Aufnahmen und Remixing wurden diesmal in Studios ausgelagert, was beiderseits Erschöpfungszustände und Aggressionspotential gesenkt hat.

Sichtlich erleichtert und gelöst wirken die beiden über das Release ihres aktuellen gemeinsamen Brainchilds. »Wir haben nicht den Standpunkt versetzt, sondern Triebe in alle Richtungen ausgebildet.« Was im ersten Album nur angedacht wurde, wurde im zweiten extremer und facettenreicher ausformuliert. »Im Endeffekt ist alles lächerlich – ein reiner Lovesong ist lächerlich – jemanden anzuklagen ist lächerlich, weil die Dinge nun mal komplexer sind. Was die Leute teilweise glauben wie man Lieder schreibt ist langweilig, weil man einfach viele Dinge nicht auf einen Punkt festnageln kann. Ich hab noch nie erlebt, dass eine einzige Sache auf einen Punkt festzunageln ist – aus diesem Grund sind auch die Lieder facettenreich und nicht eindimensional.« Fade Gleichförmigkeit kommt also gar nicht in Frage und wenn sie nix mehr zu sagen haben, dann machen sie eben keine Musik mehr. Schlie&szliglich machen sie das nicht weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen und zwar zu ihren eigenen Regeln. Kontraste setzen und Gegensätze zu provozieren ist sozusagen ein Stilelement. Manchmal machen sie sich auch einfach einen Spass draus und wechseln in einen 5/4 Takt, damit es eben nicht nur sprachlich sondern auch musikalisch unrund wird.

»Sepp trifft Susi und alles ist eben nicht super«

Und weil Weinheimer es gerne verruckelt, verzerrt und verstörend mag, formuliert er bewusst so, dass man sich daran sto&szligen kann, auch wenn er dann und wann schon mal an den »Grenzen der political correctness« kratzt. »Nur provozieren ist blöd, immer nur brav sein ist fad.« Daher will er die perfekte musikalische Linearität nicht um jeden Preis, wenn er auch ein Freund von Versma&szlig und gut gesetztem Text ist. Deutlich wird das am Song »Romy Schneider«. Es wäre langweilig nur eine Geschichte zu erzählen, weil sie eine spektakuläre Figur war. Darum packt Hubert verwirrende Elemente wie »kratzen an der Tür« und »Blut an der Hand« mitrein, damit es eben nicht zu stimmig wird, was den gewünschten Spielraum für individuelle Interpretation lässt und zwischendurch sicherlich auch schon mal verwirrend wirken kann. Inspiriert wird er von traurigen, mühsamen Situationen. Sein Vorsatz fürs zukünftige musikalische Schaffen: » … mal ein entspannteres Album schreiben wäre interessant, bei dem man sich selbst nicht so fertig macht, sondern eher so wie eine friedliche Hausgeburt. So wie bisher will ich nicht mehr. Dieses Album hat mich an meine Grenzen gebracht.« Wagner empfiehlt darauf eine Wassergeburt in der Badewanne.

Aus Sätzen die Weinheimer ärgern und nicht aus dem Kopf gehen, muss er etwas machen. »Selten kommen Lieder aus einem positiven Anlass – Bewegung ja, aber oft im Kreis«. So wurde auch ganz bewusst »Nicht wichtig« auf diesem Album positioniert um ihm ein Wenig die Aggressivität rauszunehmen und den Hörern eine Pause zu gönnen. »Ich freu mich, wenn es den Leuten etwas bedeutet. Die Leute sollen reinlegen was sie wollen – was ich denke ist scheissegal. Dass es mir etwas bedeutet ist eh klar.«

»Manchmal steckt mehr drinnen als man im ersten Moment sieht«

Für Wagner ist das unterschiedlich interpretiert werden zu können gerade das spannende an der musikalischen Arbeit. Textsache ist Weinheimers Ding. Wagner macht die Musik. Das Spiel mit der Lyrik hat ihn noch nie so interessiert. »Ich habe das Gefühl das schöne an der Musik ist in einem anderen Gewand eine eigene Farbe geben zu können.« Texte von anderen zu verrei&szligen, oder so zu tun als ob man sie »total gecheckt« hätte, ma&szligt er sich nicht an, weil manchmal eben mehr drinnen steckt als man im ersten Moment sieht. Wagner braucht, mehr als Weinheimer, ein Gefühl für eine nicht fokussierte Aussage. Er ist, obwohl er für seine zahlreichen Projekte selbst auch textet, nicht text-, reim- und silbenpedantisch. Wo Weinheimer im Zweifelsfall ein verstörendes Bild genügt, braucht er einen Sinn und Dramaturgie damit es sich gut anfühlt. »Es geht ja auch um die Bilder, die man miteinander verknüpft … man fängt an und endet irgendwo.« Zuerst muss ein Anknüpfungspunkt vorhanden sein dann kann man beginnen Worte dafür zu finden. »Ich bin ein Typ der es mag, wenn er schon im Kopf ca. wei&szlig was da passiert und was man damit vor hat.«

»Von manchen Ideen wusste ich erst als es fertig war«

Jeder tut was er am Besten kann. Da sich Weinheimer sicherer auf der Textseite sieht, wird beim Zusammenwirken schon klar, dass da das Erfolgrezept des guten Miteinanders schlicht weg Arbeitsteilung ist. Jeder hat seinen abgesteckten Bereich in den man sich gegenseitig nicht dreinpfuscht. Die Beziehung der beiden ist von bedingungslosem Vertrauen geprägt. »Ich wei&szlig was der Hans anfasst das passt und er muss es nicht mit mir abstimmen – genauso wenig wie ich meine Texte mit ihm abstimmen muss.« Und so werden auch die Protagonisten die mit dem Duo spielen dürfen ausgewählt. Durch Vertrauen, dass da etwas draus wird und einem gewissen Ma&szlig an Spontaneität, mit dem sich Weinheimer ein Bisschen einfacher tut als Wagner. So kamen zum Beispiel Meaghan Burke und der Chor des Wiener Stephansdoms mit auf das Album. Dafür kann es schon mal passieren, dass Weinheimer von manchen musikalischen Arrangements erst erfährt wenn die Lieder schon fertig sind. Interne Spannungen werden dementiert. Und wenn es sie gäbe, wo gibt es diese denn nicht? Zum Friseur gehen die beiden jedenfalls nicht gemeinsam und so hat jeder seine Distanz. Weinheimer empfindet das Zusammentreffen mit Wagner als eine »grandiose Erleuchtung, vor allem auf künstlerischem Level«.


»Mehr eine Attitüde als ein Stil«

In Punkto Stil wollen sie sich nicht in eine Ecke drängen lassen. Da es dem trojanischen Pferd um Kontraste geht braucht es eben auch einen dementsprechenden Begriff. Wenn also schon ein Genre dann soll es ein widersprüchliches sein, wie das des vielzitierten Chanson-Punks. »Eng gefasst wäre blöd – nur Chansons oder nur Punk wäre furchtbar und in Wahrheit sagt Chanson-Punk, alles ist erlaubt.« Die Zeiten wo man sich in eine Richtung versteifen muss sind vorbei und es interessiert sie halt auch einfach nicht. »Musikstile sind schnell breit gefächert und Begriffe sind eher dafür da Attitüden zu beschreiben als ne konkrete Musikrichtung.« Es geht demnach um die Nuancen und wie man es macht, sonst könnte man der Einfachheit halber sagen alles ist einfach nur mehr cross-over. Als das wichtigste Element sieht die Band sicherlich den Text und dessen aufwendige Gestaltung. Zu Beginn ihrer musikalischen Partnerschaft gab es noch nicht viele Bands wo im Verhältnis der Text so wichtig war, weil die Musik tendenziell im Vordergrund stand. Als hätte es um 2006 eine astrologische Besonderheit gegeben ist das heute anders und die Anzahl der Gegenspieler grö&szliger. Warum das trojanische Pferd im Band Scout Ranking Üsterreich hinter Ja, Panik und Kreisky verweilen kann an ihrer Verdaulichkeit liegen und daran dass sie eben keine Geschichtenerzähler sind, deren eigener Anspruch woanders beheimatet ist. Einen Stilbegriff in der österreichischen Musikwelt zu prägen ist aber schon mal eine ganz gute Leistung.

»Ich brauche ein Idee, die mich irgendwie selbst überrascht«

Die Pläne für die Zukunft halten sie sich offen. Weinheimer ist keiner, der sich hinsetzt und einfach einen Song schreibt, er braucht eine Idee, die ihn selbst überrascht und an dieser wird dann gefeilt. Nach den Gewaltgeburten der letzten Jahre wünschen sich beide ein fröhlicheres Album. Das soll es vielleicht in den nächsten zwei Jahren geben, wenn es genug zu erzählen gibt. Eines ist allerdings jetzt schon fix: Es wird neun Nummern haben, weil es sich einfach rund anfühlt.

Das Trojanische Pferd live am Popfest Wien, Samstag 28.7., 18:30, Seebühne/Karlsplatz