Albrecht Schröder © Lorenz Seidler

Das Schnäppchen am Wiener Karlsplatz

Es war zu erwarten, dass das Wiener Künstlerhaus durch die Albertina-Direktion vereinnahmt werden würde – doch in einem solches Ausmaß sicher nicht. Hat die alte, ehrwürdige, autonome Künstlervereinigung aufgegeben?

»Die Albertina eröffnet ihren zweiten Standort«, steht riesengroß in der Kassahalle der Albertina, quer über einem Foto des Künstlerhauses. Riesig steht »Albertina modern« vorne auf dem Haus drauf. Nur wer ganz genau schaut, kann oben sehr klein die goldenen Buchstaben »Künstlerhaus« erkennen. Am 12. März 2020 soll schon Eröffnung sein. Doch wurde Albertina-Chef Albrecht Schröder nicht von Ex-Minister Ostermayer allein als Kurator der ehemaligen Sammlung Essl bestellt? Wieso widerspricht niemand, wenn er sich jetzt wie der alleinige Eigentümer des Künstlerhauses aufführt?

Es stand zu befürchten, dass der riesige Albertina-Apparat die Künstlerhaus-Künstler*innen überrollen und ausbooten würde. Dabei wurde das Künstlerhaus bereits 1861 gegründet und hat gerade erstmals eine Frau als Präsidentin, die Kärntner Slowenin Tanja Prušnik. Aber schon jetzt sieht man deutlich, dass es an Respekt fehlt, die eigenständige Künstler*innen-Organisation wertzuschätzen und zu fördern. Ständig ist unwidersprochen die Rede vom »zweiten Albertina-Standort« – niemals vom Künstlerhaus selbst, gar von einer Kooperation.

Nein, Direktor Albrecht Schröder scheint der Meinung, Milliardär Haselsteiner habe sich, und ihn gleich mit, durch seine Baukostentragung erfolgreich in das Gebäude am Wiener Karlsplatz eingekauft und Schröder selbst sei durch einen Ex-Minister beauftragt, die ehrwürdigen Künstlerhaus-Hallen kannibalistisch für die Albertina zu reklamieren. War Schröder ursprünglich nicht nur als Kurator der Essl-Sammlung gedacht? Vornehme Zurückhaltung ist seine Sache nicht. Nun also: Albertina modern statt Künstlerhaus. Das geht so einfach durch?

Albrecht Schröder © Lorenz Seidler

Eine Anti-Politik
Eine ganz pragmatische Frage zeigt das extreme Ungleichgewicht der beiden beteiligten Parteien: Werden die vereinigten Künstler*innen für das obere Stockwerk, in dem ihre Ausstellungen gezeigt werden, extra Eintritt erheben? Wie wird das sein: Unten Vienna Card, Touristenschlangen und EUR 17,90 Eintritt, oben bei günstiger Eintrittspolitik gähnende Leere? So schöne Ausstellungen wie die politische zu den Kinderheimen werden eventuell nicht mehr möglich sein.

Oder werden die vereinigten autonomen Künstler*innen bewusst Anti-Programm machen? Performances, Aktionen, Videokunst, Konzerte – eine Art Störprogramm gegen den kommerziellen Betrieb unten? Der mit widerspenstigen, störrischen Charakterkünstler*innen wie Maria Lassnig auffahren kann? Maria Lassnig, zerquetscht im Großbetrieb? Werden oben ihre Schüler*innen mit- und dagegenhalten? Einen Gegensatz zur heiligen »Ein Bild, ein Heiligenschein«-Politik im Erdgeschoß kreieren? Wird oben offener, demokratischer kuratiert werden? Ohne Milliardäre und Minister im Hintergrund? Werden die durchhalten?

Albrecht Schröder erhielt vor Kurzem eine Verlängerung seiner Amtszeit bis Ende des Jahres 2024 durch Ex-Kulturminister Gernot Blümel genehmigt. Er soll die zwei weiteren Bewerber »niedergebügelt« haben, stand im »Kurier«. Man kann den Künstler*innen des Wiener Künstlerhauses nur einen extrem langen Atem und viel künstlerischen Mut wünschen. Die Lage bleibt ein extremes Armutszeugnis des Bundes und der Stadt Wien, nämlich dafür, dass die Restaurierung nicht ohne Einverleibung durch Milliardäre organisiert werden konnte. Mitten im Herzen der Stadt Wien.

Link: https://www.k-haus.at/