Das Nachleben des Schreibers: Schlingensief-Ausstellung

Wir haben mit Barthes den Autor umgebracht und mit Derrida den Ursprung, aber Christoph Schlingensief ist seit dreieinhalb Jahren tot und er fehlt, er fehlt. Was bleibt, versuchten die Berliner Kunst-Werke in eine Gesamtschau zu pressen. Buchstäblich.

Ausstellungsfotos: Uwe Walter

Christoph Schlingensiefs Tod erreichte mich an einem Abend in Berlin, ein Samstag im August, für eine Geburtstagsparty in die große Stadt gefahren, und abends flüsterte sie es mir zu und erzählte von banalen Begegnungen in der Kantine des Gorki-Theaters, während ich mich, zum ersten Mal, darüber wunderte, was für Second-order-Leute in dieser Stadt Kunst machen, bis mir dann klar wurde, dass das jetzt auch gar kein Scheiß ist, sondern dass Schlingensief wirklich tot ist, gleichzeitig mit Hegemann auf dem »spex«-Cover und trotzdem tot, halbe Lunge weg und trotzdem tot, dabei war der Krebs doch schon so schön Kunst und meta geworden, und schon war das ganze ein Smalltalkthema, eines, das die Smalltalker irgendwie insiderhaft bis verschwörerisch sich fühlen ließ. Da war Schlingensief wieder dieses Mensch gewordene Versprechen, von dessen seltsamen Wirken wir uns schon in der Schule zugeflüstert haben, ohne je von der Volksbühne gehört zu haben, dieser böse Wiener Container, die Arbeitslosenpartei und vor allem die »U3000«, das war nicht nur Feuilletonfutter, das war auch uns als Generation Jackass auf irgendeiner Ebene verständlich, die Frage ist bloß, auf welcher und ob und von wem so intendiert. Wir reden hier schließlich nicht nur von einem Künstler, der auch mit grauer Schläfe noch enfant terrible spielen durfte, sondern auch von einer integrativen Kunstgestalt, die sich von der CDU auf eine Kunstprofessur hat berufen lassen: Kann man Manns Figur Hendrik Höfgen in der bundesrepublikanischen Demokratie überhaupt näher kommen?

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Kleinster Nenner Lungenkrebs

Mir fällt es schwer, mir Schlingensief als Elder-Statesman-Arsch vorstellen, aber genau das hätte er doch eben auch werden können, er wurde es zum Ende hin immer mehr. Das Operndorf war ohnehin immer allzu nahe am Charity-Projekt, um noch als postkoloniale Feier des kolonialen Gigantismus durchgehen zu können (oder als was auch immer es geplant war), auf Krebs können sich eh alle einigen: Die kurz vor bzw. nach seinem Tod erschienenen autobiographischen Schriften tragen Titel, die eine gewisse Hape-Kerkeling-Wurschtigkeit kaum verhehlen, kurz: Ein Schlingensief mit spiritueller Kraft aus überstandener Krankheit, das könnte auch eine fragwürdige Persönlichkeit sein, eine, deren Ich, das persönliche Involviertsein in eine gesellschaftliche Situation, die wütend macht, die den Künstler Schlingensief dazu brachte, die verfluchte Metaebene auch einmal zu durchstoßen, zu einem hätte werden können, das Talkshows als Gast besucht, statt sie durch brutales Ausspielen zu dekonstruieren. Im Katalog zur Ausstellung ist viel die Rede von der Wirkweise, von der letztendlich den Betrachter befreienden Herrschaft der Schlingensief’schen Kunst über jenen, aber ich bin mir nicht sicher, ob das gewaltige Publikum, das diese Kunst, über welche Kanäle auch immer, erreicht hat, für ihn kontrollierbar oder seine Analytiker überschaubar geblieben ist. Da waren schon immer wir, die »U3000«, und ich fühle mich fast versucht, diesen Schlingensief zu verteidigen gegen den Schlingensief, den ich später kennenlernte, der nicht der spätere ist, sondern der für die Kenner, die Theatermenschen, die subkulturaffinen Splattermoviegucker, also: den Lowbrow-Schlingensief nicht als side effect eines, wie krass und trashy auch immer, Meta-Highbrow-Schlingensief zu verstehen. (Und das Miss-Verstehen damit gegen das Verstehen-Glauben zu verteidigen, den Leser gegen die Autorengläubigkeit, und den Schreiber Schlingensief dagegen, auteur zu werden.) Und mich dann trotzdem nicht zu ärgern über die Facebook-Posts, die mich von KW-Besuchern erreichen, nicht über die Kneipensgespräche von Berlin-Touristen, die die Chose wirken lassen wie das Blue-Man-Group-Substitut der Saison, schon gar nicht über die Eintragungen im Gästebuch, das neben einer Reihe mieser tags auch eine schöne Sammlung banaler Kalendersprüche über das Wesen der Kunst und sowieso des Schlingensiefs aufweist – Deutschland, Mitte eines Jahrzehnts, dieses Land selbstverständlich noch immer nicht.

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Gegen das Beiseitelachen

Dass das Gästebuch in einer Nische des »Animatographen« untergebracht ist, na wo denn sonst. Setzt die Ausstellung auf eine schiere Masse von visuellen Schnipseln, alle Folgen »U-Bahn« parallel an langen Tischen, alle Folgen »Talk 2000« hintereinander auf drehenden Sofas, alle Folgen »Freakstars 3000« nebeneinander auf dem Boden, Theaterimpressionen an der Wand, ist die Halle im Erdgeschoss ein Ort, wo das scheinbar organisch wuchernde der Schlingensief’schen Ästhetik räumlich spürbar wird. Der »Animatograph« findet dort seinen Platz, neben den Pfählen der Säulenheiligen der »Church of Fear«, im Schummerlicht: Eine begehbare Drehbühnenkonstruktion, in der der Betrachter agiert, beobachtet, beobachtet wird, ein- und aussteigt, die Orientierung verliert, neue Winkel entdeckt, vollgestopft mit Requisiten, beunruhigenden und anheimelnden Szenarien, falschen und weiterführenden Andeutungen, ein lebendiger Abenteuerspielplatz, ein ernster, wütender Kirmes-Organismus, der aneignet und angeeignet wird. Unmöglich, alles zu betrachten, was hier gezeigt wird. Unmöglich auch, durch das Ausgewählte zu erfahren, was das Spezifische an Schlingensiefs Kunst war. Insbesondere, wo das Theaterschaffen ausgestellt wird, kommt die Ausstellung an ihre Grenzen, insofern nämlich, als dass sie nicht über das Dokumentarische herausgeht, herausgehen kann. Es bleiben Bilder, deren Wirkweise verständlich ist, aber nicht mehr unmittelbar erfahrbar. So gesehen funktioniert Schlingensief in der Rückschau am Besten, wo er nicht anwesend ist.

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In der Dokumentation der »Aktion 18« zum Beispiel, die auch die Pressekonferenz zeigt, die Jürgen W. Möllemann 2002 als Reaktion auf das Schlingensief’sche Hass- und Hexenritual vor der Liegenschaft seiner zwielichtigen Firma Web/Tec gab – ein ernsthaftes, empörtes Nacherzählen im Politsprech, das nicht weniger, vermutlich gar eher mehr Performance ist. Und noch etwas ist an Schlingensiefs Kommentar zum antisemitisch aufgepolsterten FDP-Bundestagswahlkampf 2002 bemerkenswert: Im Performer Schlingensief, der den persönlich involvierten, weil angeekelten Menschen Schlingensief gibt, der eine Performance durchführt, im faschistoiden Gestus und unter teilnehmender Beobachtung durch die Staatsmacht, der schließlich verhaftet wird, kommt eine seltene Haltung zum Ausdruck – das Erkennen des Bösen im Banalen und die einzige Reaktion darauf: Wut, Angriff, Verwirrung. In einer Zeit, in der vieles, was zu Schlingensiefs Hochzeiten vor einem Jahrzehnt undenkbar war, längst Realität und nicht selten eine offensiv faschistische ist, in der sich die Reaktion darauf zumeist auf gelangweiltes, pseudosarkastisches Beiseitelachen von lächerlichen Politanekdoten beschränkt, wäre das eine Position, die nach Schlingensief in dessen Kontexten kaum jemand einnehmen konnte. Nicht die Kunst leidet unter der Lücke, sondern das Leben: Er fehlt.

 


 

Die Ausstellung »Christoph Schlingensief« wurde vom 1.12.2013 bis zum 19.1.2014 im KW Institute for Contemporary Art in Berlin gezeigt. Der Katalog zur Ausstellung mit Beiträgen u. a. von Alexander Kluge und Elfriede Jelinek erschien bei Koenig Books London.