Robert Wolf © Karl Vollmann

Clubmusik aus der Sicht eines Punks – Teil 3

Robert »Räudig« Wolf im Interview über seine geheime Leidenschaft. Bei 5/8erl wird es ihm schnell zu viel, weil das Wienerlied meist ein betulicher Scheiß ist. Ingeborg Bachmanns Verletzlichkeit in der Stimme hat es ihm angetan und die richtigen Worte fand sie ohnehin.

Im dritten und letzten Teil unseres Interviews mit Robert »Räudig« Wolf (hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2) interessieren uns die Produktionsbedingungen der Clubmusik im Allgemeinen und die von The Good Force im Speziellen. Wir sitzen im Kleinen Café, trinken keinen Kaffee und im Hintergrund spielen die Talking Heads …

skug: Die Talking Heads sind auch eine Band, die sich um die Verbindung zu Tanzrhythmen bemüht hat.
Robert »Räudig« Wolf: Talking Heads, Gang of Four, das sind so Bands … Bei Talking Heads weiß man gar nicht, ob man das sagen kann, dass das Post Punk ist, weil die sind ja … Also das erste Mal hab’ ich von denen 1974 gehört. Da ist einer zurückgekommen aus New York und in einem Club hat er eine tolle Band gesehen, mit einer Frau am Bass. Das war ja damals auch noch was.

Spannend in Bezug auf die Clubkultur das Side-Project: Tom Tom Club, wo es wirklich nur um die Beats geht.
Na ja, »Wordy Rapping Hood« zum Beispiel ist auch eine Single, die ist Wahnsinn. Also die ist bei uns auf und ab gelaufen. Und da gibt’s und, und, und … Ja, und mittlerweile geh ich nicht mehr so viel fort in Clubs wie früher. Das frühere U4, die waren ja auch teilweise Pioniere, was Musik betrifft. Wo man auch so Sachen hören konnte wie Geile Tiere, was überhaupt keinen Tanzrhythmus gehabt hat. »Alle sind sie geile Tiere, nur vom Vögeln wird gequatscht …« Gar kein Rhythmus und man ist halt dort gesessen und hat sich das in voller Lautstärke reingezogen, diese elektronischen Sounds.

Aber es ist ein beständiger Loop, sogar der Gesang.
Ja, ja, Wahnsinn, wirklich gut. Aber auch da war ich selten auf der Tanzfläche zu finden. Und wie wir die »Tausend Takte Tanz« rausgebracht haben, haben wir die Nummern im U4 auf der Anlage getestet. Bevor es aufgesperrt hat, durften wir die Platte auf der Anlage testen und hören, wie es klingt.

Der Titeltrack ist auch eine Tanznummer.
Die »Tausend Takte Tanz« war halt ironisch gemeint, weil wir der Meinung waren: Zu der Musik kann man eigentlich überhaupt nicht tanzen. Aber die Nummer »Tausend Takte Tanz«, die funktioniert schon sehr gut. Oder »Zu Klug für diese Welt«. Ich mein’, abgesehen davon, dass sie zu kurz ist. Aber zu der kann man natürlich gut tanzen. Aber wir haben’s halt eher ironisch gemeint. Mir ist ein Notenheft aus den Dreißiger-Jahren in die Hände gefallen, das genau dieses Design hatte, und das hat »Tausend Takte Tanz« geheißen. Da waren halt für so Nummern zum Fünf-Uhr-Tanz-Tee die Noten drinnen. Und das Cover haben wir dem nachempfunden. Aber wie gesagt, den Begriff Club nicht als Club, wo man Livemusik hört, sondern als Club, wo man Musik vom Band oder vom Plattenspieler oder von Kassette damals gehört hat und primär nicht getanzt hat. Um 1977 herum sind die in Wien entstanden, die ersten Clubs, eben wie das Schoko, das Blitz, dann später die Blue Box. Das waren so die ersten Lokale, wo man halt primär nicht zum Tanzen hingekommen ist, sondern zum Unterhalten, soweit das halt bei der Lautstärke der Musik möglich war. Und wo halt leiwande Musik gespielt worden ist. Und mittlerweile sind die Clubs jetzt so Hybride: Man kann sehr wohl tanzen, man hat aber auch die Lounges, wo man sitzen kann, und man hört die Musik halt über eine mördergute Soundanlage.

Auch bei deiner persönlichen Musikgeschichte: Chuzpe, zuerst Punk, dann dieser klassische NDW-Sound von »Tausend Takte Tanz« und dann – ich war sehr positiv überrascht – mit »Vor 100.000 Jahren war alles ganz anders« die nächste Entwicklung. Und jetzt: The Good Force, nochmal ein weiterer Schritt.
… und der nächste Schritt wird wieder ein bisschen anders: Ein paar ganz harte Elektronik-Nummern drauf, aber teilweise auch ein bisschen was mit Gitarren und psychedelisch.

Wie gehst du an deine Songs ran? Bei Stücken wie »Grimms« zum Beispiel?
Bei »Grimms« ist Pate gestanden, dass ich so einen Motorik-Beat wollte, und dann wollte ich diesen Effekt von »Spoon«, der Can-Single. Dieses Gegenläufige, das ist ja auch bei »Spoon« das tragende Element, was es so aufregend macht. Und das andere ist dann mehr oder weniger durch Herumprobieren entstanden. Vor drei Jahren hab’ ich mir ein iPad gekauft und da war GarageBand drauf und mit dem hab’ ich angefangen. Die ersten Nummern sind auf GarageBand entstanden. Da hab’ ich herumprobiert mit Patterns und mit dem Sequenzer. Einfach einen Akkord gespielt und geschaut, was gibt der Sequenzer her. Dann hast du eine Melodie, die dazu passt. Oder eine Basslinie. Und dann schaust du, welcher Rhythmus könnte da dazu passen. Oder umgekehrt: Man hat den Rhythmus und ein Basspattern und schaut dann, was passt dazu. Das Stück »Die Nerven« zum Beispiel ist total vom Dub inspiriert. Da wollte ich was machen, was ein bisschen in Richtung Dub geht. Und »Cheezy Listening«, das sind eigentlich verworfene Chuzpe-Nummern, die ich zusammengefasst hab’. So ein Kinderlied, was uns aber damals irgendwie zu blöd, zu kindisch war. Deswegen auch das Video dazu mit den Kasperl-Figuren. Eine meiner absoluten Lieblingsbands – das passt da jetzt überhaupt nicht rein – sind die Beatles. Und auf der »Abbey Road« – also am vorletzten Album, weil eigentlich war’s das letzte, weil das »Get Back«-Album ist eigentlich vorher aufgenommen worden, aber nach der »Abbey Road« erschienen – da haben sie auch Nummern, die ihnen übriggeblieben sind, die halbfertig waren, auf der zweiten Seite von der »Abbey Road« quasi wie eine Suite zusammengehängt.

Ein Medley?
Ja, da hab’ ich mir gedacht: Das mach ich genauso. Da nehm’ ich diese Melodie-Fetzen, die ich hab’, schau, dass sie alle ungefähr den gleichen Sound haben, mach’ einen durchgehenden Drum-Track …

Das heißt, die Ideen sind also wirklich 20 bis 30 Jahre alt.
Teilweise, ja. 40 fast. So 35 Jahre. Anfang Achtziger. Aber die meisten sind schon von jetzt. Hier und da ist vielleicht eine Melodie dabei, die ich auch schon länger mit mir herumtrage.

Meine Lieblingsnummer auf dem Album ist ja die Bachmann-Vertonung.
Da hatte ich zum Beispiel lange schon den Titel »Ingeborg Bachmann Overdrive«. Weiß nicht, ob du die Band Bachman-Turner Overdrive kennst? Eine amerikanische Rockband. Und irgendwann hat man »Ingeborg Bachmann Overdrive«. Und dann haben wir mit Chuzpe in der Grellen Forelle gespielt und in einem Stück haben wir so eine längere Instrumentalpassage gehabt, wo der Stefan so einen Text vorträgt, von Karl Kraus, glaub’ ich, und ich hab’ dann dazu einen Refrain gemacht, der dann geheißen hat: »Ingeborg Bachmann Overdrive, alles tanzt den Chinese Jive.« Wo ich mich auf eine alte Chuzpe-Nummer bezogen hab’. Und dann hab’ ich mir irgendwann gedacht, nein, aus dem »Ingeborg Bachmann Overdrive« muss ich eine eigene Nummer machen. Da hab’ ich auch dieses Pattern gehabt und dann hab’ ich halt geschaut, auf YouTube, ob es von der Ingeborg Bachmann irgendwas gibt. Interviews oder so. Und dann gibt es ein paar Gedichte, die sie selber vorträgt, und das hat mir irgendwie am besten gepasst, weil das auch zur Migrationssituation irgendwie passt, weil‘s so aktuell ist. Wo ja quasi sie die Migrantin ist und auf die deutsche Sprache zurückgeworfen wird im Exil. Und der Gedanke hat mir gefallen und ich hab’ das dann so reingeschnitten und ich find’, das passt wunderbar.

Die eigene Sprache, die man so als Quasi-Aura mitnimmt.
Ja, genau, die man mitnimmt. Und quasi als Hindernis, weil du musst – du bist jetzt bei uns – du musst Deutsch lernen, weil ohne Deutsch … Die deutsche Sprache, dieses Haus … Nein, genial jedenfalls. Und auch wie sie es vorträgt nämlich, diese leicht zittrige, diese leicht verletzliche Stimme, also man merkt, sie ist ein bisschen aufgeregt beim Lesen und so. Und da musste ich um die Genehmigung ansuchen bei der Erbengemeinschaft und das war ein langes Hin und Her, bis die dann ihr Okay gegeben haben.

Wollten die zuerst hören, was damit passiert?
Nein, das nicht. Sie wollten nur genau wissen, was damit passiert. Und auch nicht, ob das jetzt eine Verarsche ist, das wollten sie natürlich nicht. Und ich hab’ ihnen dann erklärt, was ich damit vorhab’, dass ich das quasi als Prolog zu einem Musikstück verwende, dass nur dieser Text kommt und danach alles andere instrumental ist. Also es wird weder ihre Stimme verfremdet, noch gesampelt. Einfach nur als Einleitung.

Also die waren besorgt um den redlichen Umgang mit dem Text …
Genau. Dann: Wundern, was alles geht. Das ist eh klar, das wird dann durchs Video nochmal unterstützt, die Message.

Hart ist der letzte Track. Der Gabalier-Track … die volle Ladung volkstümliches Geschunkel.
Ja, ja, aber doch auch immer mit so einem bedrohlichen Unterton in den Zwischenteilen. Da hab’ ich eben auch dieses Grundriff gehabt und auf einmal spiel’ ich so herum, mit so einer Einstellung halt, Brass, was es am Keyboard so gibt, und auf einmal hab’ ich dieses Ding … und dann halt das Gelächter dazugeschnitten. Aber ich hab’ ihn auch ganz bewusst ans Ende der Platte gelegt, dass jemand, der das überhaupt nicht goutiert, vorher …

War ja auch die letzte Nummer im Rhiz. War das mit Absicht?
Ja. Ich find’ halt da diese ganze volkstümliche Kultur, wenn g’standene Wiener mit Trachtenjacke oder Dirndl herumrennen, Wiener Wiesn und so, schrecklich. Also für mich ist das der blanke Horror. Und das ist quasi der Kommentar dazu.

Ich bin ja vom Land in die Stadt geflüchtet …
Oder was glaubst, wie es mir geht mit diesem Wienerlied-Revival, oder wo jeder sich aufs Wienerlied bezieht und das neue Wienerlied. Also Wienerlied war für mich immer reaktionäre Scheiße! Und das lass ich mir nicht nehmen! Ich kann Leute wie den Nino aus Wien, also das kann ich akzeptieren. Teilweise Sachen, die der Molden macht, das ist mir dann schon wieder zu betulich. Aber eine Band wie 5/8erl in Ehr’n, also die find’ ich sowas von zum Kotzen. Äußerlich und musikalisch. Ich bin mit Austropop aufgewachsen, vieles davon hat mir damals natürlich gefallen. Früher Ambros, Danzer und so. Da waren schon gute Sachen dabei, aber auch viel Scheiß.

Ich find’ ja auch die Titel der Tracks auf deinem Album sehr spielerisch gewählt. Du hast ja zu jedem Titel auch einen passenden Untertitel gewählt. Und zu jedem Track gibt es auch zumindest einen Cover-Entwurf.
In der iTunes-Version gibt‘s sogar zu jeder Nummer ein Cover. Und in der LP auf dem Poster sind auch alle drauf.

Das Café Industrie, das namensgebend für einen Track war, hat ja leider zugesperrt.
Ich muss zu meiner Schande gestehen: Ich war nie drinnen. Ich hab’ zwar um die Ecke gewohnt, aber ich war nie drinnen. Aber mir hat der Name gefallen. In den 1930er-Jahren hat es einmal einen Film gegeben, der hat geheißen »Café Elektric«, der Name hat mir schon sehr gut gefallen. Ich glaub’, den hat sich auch der Nino aus Wien schon für eine Nummer ausgeborgt. Und Café Industrie, der Name hat mir einfach getaugt und da hab’ ich halt diese Piano-Sounds, wie halt ein Klavierspieler im Kaffeehaus sitzt und diese Melodie spielt und im Hintergrund aber die Geräusche vom Spielautomaten und so elektronische Geräusche, die halt die Industrie symbolisieren sollen und die drohende Abrissbirne. Ich weiß natürlich nicht, ob das so rüberkommt. Aber ich hab’ die Titel deswegen so ausführlich gemacht, weil halt kaum Gesang vorkommt und das Instrumentalmusik ist.

Quasi der Kommentar zum Song im Titel.
Genau.

Und dann auch noch bei jedem dieser Cover-Entwürfe Referenzen zur Clubmusik. So wie bei »Datenautobahn« zu Kraftwerk.
Neben der Musik ist die Grafik mein zweites großes Hobby und da kann ich mich ausleben bei den Platten. Vor allem beim Vinyl. Ich mag auch die Behäbigkeit des Vinyls, da kommt mir das Revival grad recht. Weil CD interessiert mich nicht, das ist ein Wegwerfprodukt. Da hab’ ich 50 machen lassen für die Promos, so zum Verschenken. Die 50 Stück haben 200 Euro oder so gekostet.

Für die Clubkultur ist ja die Platte auch das Handwerkszeug, während da die CD schon vom haptischen her ausscheidet. Mit der Platte im Club passiert ja nochmal das gleiche wie im Produktionsprozess dieser Musik. Die wird auch zerschnitten, zerhackt, okay, von dem nehmen wir nur den Beat, da drehen wir bis auf die Höhen alles zurück und mischen es wieder mit dem anderen.
Eine Zeit lang haben sie es eh auch mit CDs versucht. Wo du mit CDs jetzt scratchen kannst …

Puristen vertrauen halt noch immer der Platte.
Da hast du was in der Hand. Da liegt es nicht unerreichbar in einem Gerät drinnen.