Foto © Jazz Fest Wien

Bryan Ferry und sein Orchester auf Zeitreise

Als Poser zeigt sich Bryan Ferry immer noch. War er einmal Avantgarde? War er Glam oder Art? Die unterschiedlichsten Szenen haben jedenfalls über die Jahre Bryan Ferry gehört. Und zumindest Roxy Music war mehr Art als Glam. Eine kritische Reflexion, wozu Ferrys Auftritte beim Jazzfest Wien und in München Anlass gaben.

Way back with Bryan Ferry
Die Ursprungsbesetzung der 1971 gegründeten Band Roxy Music war: Bryan Ferry, Brian Eno und Andy Mackay. Es kamen und gingen diverse weitere Musiker. Und die nach der Bandauflösung folgenden Soloalben von Ferry waren teils doch sehr im Kommerz. Wenn auch das, natürlich, nicht ohne Niveau. Nun taucht der Sound einiger von Bryan Ferrys früheren Aufnahmen in ein Styling ein, das ein Jahrhundert alt ist. In die Jahre der Roaring Twenties und des Dixieland-Jazz. Merkwürdig mutet das an beim ersten Hören. Irgendwie dezent cool aber schon. Cool muss sein, was Ferry tut. Schon immer. Der mittlerweile 67-Jährige hat als jüngste Aktivität im vergangenen Jahr die Musik zur Baz Luhrmann-Verfilmung von »The Great Gatsby« mit dem formierten Bryan Ferry Orchestra eingespielt – und in dieser Besetzung auch Songs seiner früheren Jahre zu »Yellow Cocktail Music« verfremdet und auf dem Album »The Jazz Age« transformiert. Ebenfalls lässt er auf Tonträger und zudem live auf der Bühne Teile seines Werks in einem Sound vom Anfang des 20. Jahrhunderts verschwinden – denn man erkennt die Songs manchmal kaum. Man rätselt beim Hören das eine oder andere Mal, welches Stück das nun ist und fragt sich, ob man das also tatsächlich gut finden soll. Aber das Bryan Ferry Orchestra hat das, was man Klasse nennt. Und Ferry hat sich dafür entschieden, seinem Werk teilweise gerade diesen Touch zu geben. Eigenartig daran ist auch, dass zahlreiche interpretierte Stücke rein instrumental sind und die Lyrics nun dabei fehlen. Die altbekannten Songs verwandelten sich merkwürdigerweise in gute alte Jazznummern. Sie klingen als wären sie mit einer Dixieland-Jazzband eingespielt, wenn ein Banjo mit im Orchester ist. Und teils auch recht swingend, mit einer Geste wie zu Zeiten einer Big Band, als der Cotton Club in New York ab den 1920er Jahren bekannt wurde. Der Cotton Club spielte jedoch mit Südstaatenklischees und hatte dabei eine reaktionäre Attitüde, muss man wissen. Schwarze Besucher bekamen keinen Zutritt. Obwohl es um den Jazz ging, die Musik, deren Wurzeln bei Schwarzen liegt und die auch von Afroamerikanern gespielt wurde – auch im Cotton Club der High Society. Weiße machten sich damals zunehmend den Sound der Schwarzen zueigen und verbreiteten ihn.

Bryan Ferry live 2013
Beim Konzert in der Tollwood-Arena in München am 3. Juli eröffnet das Bryan Ferry Orchestra mit einem Set, der nun also an die Zeit des Cotton Clubs erinnert. Ferry selber ist dabei erst mal nicht mit auf der Bühne. Das Bryan Ferry Orchestra spielt gekonnt Instrumentalinterpretationen aus Ferrys Werk. Von »Do The Strand« über »Avalon« und »Just Like You« gibt es mal mehr Dixie, mal mehr Swing. Erst bei der siebten Nummer des Abends klinkt Brian Ferry sich in den Sound ein. Er wirkt etwas zurückhaltend. Und seine Stimme hat auch tatsächlich nicht mehr die schneidende Kraft wie früher, aber er kann ihr immer noch, wenn auch anders als in seinen jüngeren Jahren, den Moment Erotik geben, den sie haben soll. Alles ist durchinszeniert bei der ganzen Show, jede Geste, mit Ferry im Anzug, großem Orchester und glitzernden Background-Sängerinnen. Ferry hat sich das genau überlegt. Er hat tatsächlich Teile seiner Vergangenheit in die Zeit vor seine Vergangenheit verlegt. Eine seltsame Entscheidung. Bei »Love Is The Drug« und »Back To Black« wird Ferry eigenwilliger und beginnt schließlich einen Sound aus Pop, Rock, Funk und Jazz zu bieten, der nicht mehr in der Vergangenheit des Jazz liegt und nichts anderes als aktuell zeitgemäß zu sein hat. Souverän integriert Ferry auch »Knockin‘ On Heaven’s Door«, zeigt bei Songs wie » Crazy Love« und »Chain Reaction« souveräne Pop- und Rockform. Insgesamt bringt Ferry mit Band und dem Bryan Ferry Orchestra einen Mix aus 25 Stücken einschließlich Zugaben auf die Bühne.

»I thought«
Was ich noch sagen will? Warum ich überhaupt hingegangen bin: Es war einfach so, dass ich einmal eine zeitlang Roxy Music anhörte. Deren Alben bildeten bei mir nicht selten den Backing Sound im Alltag. Ich kannte so gut wie jeden Song bis ins Detail. Obwohl ich Roxy Music nur ganz nebenbei hörte. Aber ständig wieder. Als ich meinen Fokus auf Free Jazz und Improvisation zu legen begann, klinkte ich mich gleichzeitig bei Bryan Ferry aus, ohne das bewusst entschieden zu haben. Rückwirkend kann ich sagen, dass ich auf einmal nicht mehr Roxy Music und Brian Ferry wahrnahm und diese regelrecht plötzlich vergaß. Weder die Aufnahmen von Roxy Music, noch Bryan Ferry solo nahm ich mehr zur Kenntnis. Er verschwand völlig aus meinem Leben. Jetzt, im Juli 2013, wollte ich einfach mal wissen, was mich eigentlich eine Weile mit Ferry verband, warum ich ihn dann ignorierte und ob seine Arbeit mich wieder interessiert. Die Antwort ist ganz einfach: Bryan Ferrys Musik gehört nicht mehr zu meinem Leben. Und ich nahm ihn auch nicht wieder mit rein. Roxy Music war einzigartig. Bryan Ferry erinnert heute live auf der Bühne irgendwie nur noch daran. Und die derzeitige Entscheidung für den Weg in die 1920er und 1930er des vergangenen Jahrhunderts bleibt etwas strange. Man kann gleich Cap Calloway und Duke Ellington auflegen und Cocktails trinken. »Move On Up« gibt Ferry zum Abschluss mit auf den Weg. Aber hübsch klingt das Bryan Ferry Orchestra schon. Oder soll man gelegentlich mal Bryan Ferry hören, etwa »Can’t Repeat The Past?«?

Erstveröffentlichung auf www.kultur-extra.de