Bravouröser Avantgarde- Blues

Bill Orcutt hat ein neues Album gemacht und gastiert beim diesjährigen donaufestival in Krems. Zeit für eine Revue.

Pussy is a pussy is a pussy is a pussy: Allerorts sind heute Pussy Riot angesagt, während (nennen wir es verkürzt) Pussy Pop die konstitutiv maligne Popwelt dominiert und hairy pussy von Fashion-Magazinen back-in-style feilgeboten wird. Aber steckt uns doch gefälligst noch einmal den winner-of-all-times, Harry Pussy, zu!

Harry Pussy spielt nicht mehr
Doch es kommt alles wieder einmal anders, wie Ex-Harry-Pussy Bill Orcutt in einer E-Mail- Konversation mit skug festhält: »Adris und ich haben uns bereits ein paar Jahre vor dem Split der Band getrennt, und so war es an der Zeit, was anderes zu machen.« Von 1992 bis 1997 tobte das Duo noch als radikale Miami-Formation. Bill Orcutt als atonaler Gitarrist und gewiefter Songschreiber sowie Adris Hoyos als gänzlich ungeübte, brachiale Non- Schlagzeugerin und Sängerin, aus der, à la Yoko Ono, der Urschrei wie bis dato kaum aus einem anderen weiblichen Wesen herausbrach. Kompromisslos jagte man einer eigenen Version des Free-Form-Avantgarde-Blues nach, demolierte und dezimierte sein Publikum und stellte dabei eines der letzten Refugien dar, das sich insistent gegen Kommodifizierung sowie co-optation durchzusetzen verstand. Und der schmunzelnde Captain Beefheart schlackerte in der Mojave-Wüste, blabber’n’smoke, gewiss erfreut mit den Ohren.
Aber auch Harry Pussy konnte den Zeitläuften nicht trotzen und musste dem Untergang der Independent-Welt Tribut zollen. Nach der Auflösung der Band zog Bill Orcutt von Miami nach San Francisco, kehrte der Musik den Rücken und heiratete – seine beiden Kinder sind bereits schulpflichtig. Sein täglich Brot verdient Orcutt am Computer. »In den vergangenen siebzehn Jahren habe ich für verschiedene Internetfirmen als Software- Ingenieur gearbeitet. Im Moment programmiere ich zumeist auf Java.« Aber auch künstlerisch war Orcutt in dieser Zeit nicht untätig, was er online auf seiner Website, im Abschnitt »Photography Of Art Works«, überzeugend belegt.

Bill Orcutt is back
Als dann, nach einer Dekade musikalischer Absenz, im Jahr 2008 das Load-Record-Label an Bill Orcutt mit dem Anliegen herantrat, er möge Aufnahmen seiner Band für eine Veröffentlichung auswählen, war diese erneute Beschäftigung mit Musik, die im Album »You Never Play This Town Again« resultierte, zugleich Auslöser für Orcutts überraschendes Soloprojekt. Auf seinem Label Palilalia (ein psychologischer Begriff für den »krankhaften Drang, ein selbstgesprochenes Wort oder einen Satz zu wiederholen«) veröffentlichte Orcutt im Jahr 2009 seine erste 7″, »High Waisted« b/w »Big Ass Nails«, für dessen Cover-Rückseite er das Mash-Foto »Obama/ Hendrix« kreierte. »»High Waisted« war die erste Platte nach meinem Wiederbeginn. Zuerst hatte ich ein anderes Cover, das aber zu preziös war, darum verwarf ich es, denn ich wollte etwas Schnoddrigeres. Ich sah mich um, erblickte das Bild von Hendrix, das ich über meinem Schreibtisch hängen habe, und entschied mich dafür.« Orcutt verwendet immer wieder Fotos bekannter Musiker für seine Covers: Eric Clapton, Muddy Waters, Mick Jagger u. a. Wer bislang allerdings noch nicht abgelichtet wurde, ist Bob Dylan, für den Orcutt ein Faible hat. Phasenweise lässt er sich den ganzen Tag lang von dessen Musik inspirieren, und zuletzt coverte er Dylan auch. Orcutt war Feuer und Flamme von Peter Rehbergs Idee, auf dessen Label Editions Mego zu veröffentlichen, da er bereits zu Harry Pussys Endzeit Mego und Load Records als seine All-time-favourite-Labels bezeichnete. Nach der Wiederveröffentlichung von »Let’s Build A Pussy« wartet Mego nun bereits mit drei CDs von Orcutt auf.

»A New Way To Pay Old Debts«, sein erstes Soloalbum, nahm Orcutt im eigenen Wohnzimmer mit Akustikgitarre auf. Nicht zuletzt aus praktischen Gründen, denn mit ihr gebe es, des geringeren Lautstärkepegels wegen, keine Probleme mit den Nachbarn, wie mit einer elektrischen. Wie er die veränderte Situation beim Solospielen empfand? »Zu Hause ist es natürlich angenehm, alleine zu spielen. Vor Publikum war es anfangs etwas scary und es dauerte einige Shows, bis ich es als ok empfand. Ich war es gewohnt, an einem Rand der Bühne zu stehen, doch nun hatte ich zudem die Herausforderung, ein Programm von 45 Minuten alleine auszufüllen. Aber mit der Akustikgitarre sind mehr Dynamikunterschiede möglich, sie klingt schärfer und fokussierter als eine laute elektrische, die oft auch matschig dröhnt.« Und damit er keinesfalls in Versuchung kommt, Power-Chords zu spielen, entfernte Orcutt, wie schon bei Harry Pussy, zwei Saiten (A und D) seiner Gitarre. Das nähme den Akkorden das Fleisch weg und lässt lediglich Knochen und etwas Haut zurück, wie Orcutt es bildhaft formulierte.

Verschwendung für alle
Sein jüngstes Werk ist das Coverversionen- Album »A History Of Every One« (Editions Mego). Dazu inspiriert wurde Orcutt von der Schriftstellerin Gertrude Stein – bekannt vor allem durch den Satz »Rose is a rose is a rose« -, die in ihrem Buch »The Making Of Americans« zur Erkenntnis gelangte: »There is no such thing as repetition. Only insistance.« Orcutt beharrte folglich darauf, so unterschiedliche Songs wie »When You Wish Upon A Star« (Disney), »Black Snake Moan« (Blind Lemon Jefferson), »Spanish Is The Loving Tongue« (Dylan) oder »White Christmas« (Irving Berlin) zu bearbeiten. »Ich wollte eines von allen/jedem: Holiday Songs, Blues, Marches, Union Songs, Pop Songs, Cowboy Songs, Patriotic Songs, Minstrel Songs. Das Album ist »A History Of Every One«, so ergab es einen Sinn, so viele verschiedene Genres wie möglich draufzuhaben.«
Ob diese Coverversionen auch ohne Titel erkennbar wären, oder nicht, was Kritiker schon behaupteten, sei dahingestellt. Auch ob es sich bei Orcutt wirklich um Bluesmusik handle oder nicht. Außer Zweifel steht jedoch, dass in seiner Musik eine bluesige Grundstimmung dominiert und er eine unbändige Verweigerungshaltung gegenüber der Disziplinierung der Musikgenres Blues, Jazz und Avantgarde an den Tag legt. Orcutt weigert sich, den Blues als enggesteckten Musikstil aufzufassen, und er weigert sich, herkömmliche, auf Jazz-Hochschulen gelernte Skalen virtuos abzufeuern bzw. durchgewetztes Avantgarde-Regelwerk anzuerkennen; Kompositionslehrgänge ade. Perfiderweise heißt dies jedoch nicht, dass Orcutts Musik omnipotent wäre – geniegläubige Kritiker sind passé. Nein, no more heroes anymore gilt nach wie vor. Aber Bill Orcutt zählt zu jenen überaus bemerkenswerten Vorreitern, die den Umbruch, der gegenwärtig auch in der Musikwelt stattfindet, zu reflektieren, musikalisch zu gestalten und zu manipulieren verstehen. Blues is a blues is a blues is a blues.

Bill Orcutt: »A History Of Every One« (eMEGO 173)
Bill Orcutt: »How The Thing Sings« (eMEGO 128)
Bill Orcutt: »A New Way To Pay Old Debts« (eMEGO 119)
Bill Orcutt: »High Waisted« (12″; Palilalia)

Bill Orcutt live beim donaufestival: 3. 5. 2014,
Minoritenkirche/Klangraum Krems

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