Zeichnung: Anna McCarthy

Brandsätze auf Löschpapier: Aboud Saeed

Während in Syrien Revolution und Krieg kaum Raum für real existierende Treffen lassen, schauen sich dort Blogger und Autoren via Bildschirm beim Schreiben gegenseitig über die Schulter. Die Worte des jungen Dichters Aboud Saeed sind nun in den deutschen Sprachraum gedrungen und dokumentieren die Entstehung einer verdichteten Dringlichkeit, in der man eine Poesía Povera vermuten könnte – wären die Umstände der Publikation nicht an die technisch wie ästhetisch zeitgemäßesten Mittel geknüpft.
Aboud Saeed ist im Oktober und November 2013 zu Gast in Münschen und Berlin.

Der Frühling kam und das Netz riss ab. Die Rede ist nicht vom Frühling 2011, der wie aus einem langen Winterschlaf gleich vulkanisiertem Blütenstaub quer durch den mediterranen Raum schoss, und schließlich am 15. März auch in Syrien die Zivilbevölkerung gegen ein starres Regime aufstehen sah. Ich meine dieses Jahr, 2013, als dort in der nordsyrischen Kleinstadt Manbidsch wie ausgemacht am ersten Frühlingstag der Stecker gezogen wurde, und wir ein wochenlanges Loch lang um das Wohl eines dort lebenden Metallarbeiters bangten. Wir, die wir uns als Netzkörper an den täglichen Satusmeldungen dieses jungen Mannes namens Aboud Saeed erfreut hatten. Tote hat es seit 2011 gegeben, Tausende, und parallel zu dem erschreckend abstrakt wie gesichtslos hochschnellenden Bodycount wuchs die Zahl der Intellektuellen oder irgendwie in Kommunikation befindlichen »Internetuellen«, die in dem so gar nicht intellektuell Gelehrten eine der lebendigsten Stimmen unserer Zeit entdeckten und zu Zeugen ihres fortlaufenden Schreibprozesses wurden. Zum Glück kehrten Netzanschluss und Aboud Saeeds Stimme nach ein paar Wochen wieder.

Die Bedeutung, die Aboud Saeed für die Region und über die syrischen Grenzen hinaus zukommt, wurde Ende Dezember 2012 in einer Ausgabe der »Annahar« bemerkt. Dort, in der größten libanesischen und in Syrien verbotenen Tageszeitung, war eines Morgens zu lesen gewesen: »Auf Facebook zu gehen, ohne Aboud Saeed kennenzulernen, ist wie nach Paris zu reisen, ohne den Eiffelturm zu sehen.« Manbidsch also, dieses Provinznest nordöstlich von Aleppo, ist nun Paris und der Eiffelturm ein Schmied, der tagsüber in einer Garage an Schraubenmuttern dreht und auf Metallstücke haut. Nach Feierabend übernimmt der Dreißigjährige die Rolle des Botschafters seiner kleinen Welt, in der er mit seiner Mutter und sieben Geschwistern haust. Ein karg möblierter Raum, aus dem Saeed seine großmäuligen Autodeklarationen und ironischen Betrachtungen schöpft, in raumerweiternden Liebeserklärungen an den Grenzen der Wahrheit schürft, und die Präsenz des flirrenden Bildschirms mit dem ,Treiben auf den Straßen vor seiner Tür zu einer dem eigenen Scharfsinn verpflichteten Schreibe verdichtet und in die Weiten des Facebook entsendet.

Kühne poetische Postings

Aboud Saeed klingt nach dem Angebot eines Skeptikers oder Kynikers, dessen Säulenhalle seine Chatliste bildet, und der so gerne an den Westen glauben möchte. Sei es in seinen Bekenntnissen zum Atheismus, wenn er etwa schreibt:
»Während ich und meine Mutter zusammen rauchen, sage ich ihr: »Mama, zieh‘ mal richtig lange, zieh‘, dass dir der Rauch richtig im Herzen spielt.« Da zieht meine Mutter und lächelt zufrieden. »Mama, sag mal: Du willst doch ins Paradies, oder? Sprich mir nach: Scheiß‘ auf die Sunniten und die Schiiten und die Christen und die Drusen und die Juden und die Ungläubigen und die Muslime … allesamt.« Meine Mutter zögert, schaut mich an, ihre Augen ganz rot vom Rauch, und sie fragt mich: »Darf man sowas denn sagen?« »Klar, Mama, darf man das, was spricht denn dagegen!««
Oder auch in seiner Perspektive auf Gewalt: »Ich bin keine drei Groschen wert. Jawohl. Keine drei Groschen. Ich habe einmal an einer Demo teilgenommen, und als dann die Sicherheitskräfte kamen, bin ich abgehauen. Ein Bekannter von mir sah mich zufällig rennen. Am nächsten Tag sagte er zu mir: »Du bist keine drei Groschen wert. Sonst wärst du ja nicht weggerannt««. Das sind dann Statusmeldungen, die von dem kühnen Humor dieses Autors zeugen. So etwas auf Facebook zu schreiben erfordert Mut, wenn auch das Regime momentan kaum die nötige Zeit hat, sich um die Verfolgung von Bloggern zu kümmern.

Aus einem kurzen Gedicht wie »Gedränge: Ich fand eine tote Frau auf meiner Pinnwand und meine Facebook-Freunde versammelten sich spontan um sie herum« spricht ein Bewusstsein über das Medium, in dem man sich bewegt. Oder ist es das Medium, das diese Einträge bewegt?

Die in Berlin lebende Filmemacherin und Ûbersetzerin Sandra Hetzl sah in diesen Postings eine klare Linie mit wiederkehrenden Motiven, erkannte sie als dichterische Handschrift und übertrug sie ins Deutsche. Saeeds Linie unterscheidet sich von der anderer Facebook-User nicht zuletzt darin, dass er seine Timeline weder bebildert noch mit irgendwelchen Links unterfüttert, nicht von seinem Stil abschweift. In Hetzls Augen ist das Schreiben von Aboud Saeed »völlig mit Facebook verflochten« und Teil einer breiten syrischen Bloggerszene, die sich bereits vor 2011 zu vernetzen begann, in den letzten Monaten aber mehr und mehr auf Facebook versammelt hat. »Sogar etablierte syrische Autoren, wie Zakaria Tamer, dessen Bücher man in jedem Buchladen kaufen kann, schreiben heute oft Statusmeldungen oder Kolumnen auf Facebook«, erfahre ich von ihr. Aboud Saeed habe dabei eine »regelrechte Facebook-Schreibtheorie« entwickelt. »Er hat es sogar geschafft, eine zweite Erzählperson einzuführen, den Lehrlingsjungen Ibrahim, der mit ihm in der Werkstatt arbeitet und der ab und zu, wenn Aboud, der Schmiedemeister, kurz abwesend ist, etwas auf Abouds Profil postet, immer mit der Einleitung: »Ich bin Ibrahim …««.

Buch voller Facebook-Texte

Die Arbeit von Sandra Hetzl könnte als »erweitertes Ûbersetzertum« verstanden werden. Nachdem Hetzl in Abbas Khider einen etablierten Fürsprecher gefunden hatte, brachte sie die Idee auf den Tisch der Verlegerin Nikola Richter, die sich begeistert zeigte, das erste Buch, das zur Gänze aus Facebook-Texten besteht zu publizieren, wenn auch zunächst bloß als E-Book. So kam es, dass »Der klügste Mensch im Facebook« von Aboud Saeed parallel mit dem Essay »Die Entstehung einer Oase« von Alexander Kluge auf der Leipziger Buchmesse präsentiert wurde.
Der überstolze Titel ist selbstironisch einer Passage entlehnt, in der die Mutter, omnipräsentes Motiv, mit ihren Nachbarsfreundinnen schäkernd den Bekanntheitsgrad ihrer Söhne abgleicht und schließlich zu verstehen gibt, dass Aboud Saeed »«die anderen Nachbarskinder an »Likes« um ein Dutzendfaches übertrifft.
Die Angaben der »Likes« wurden für die vorliegende Ûbersetzung beibehalten und gliedern den Text, sie sind das Brot und der Motor dieser unentgeltlichen Produktion. Sie vermitteln uns beim Lesen ein Bewusstsein dafür, dass beim Schreiben bereits eine Beziehung zwischen Autor und Leser eingefädelt hat, ähnlich einem sich über Monate hinziehenden, zwischendurch abgedruckten Vortrag, Sympathiebekundungen und Zwischenrufe inklusive. Nie waren wir beim Lesen so nah dran an einem »Autor unserer Zeit«. Dran wie bei einem Konzert.

Aus Nichts Kapital schlagen

Ein Autor, der es versteht, aus dem Vorhandensein des Nichts Kapital zu schlagen, indem er das Nichts verdoppelt, es in Texten spiegelt. Ein alter Trick! Seit Aboud Saeed seinen Raum voller Spiegel gehängt hat, lebt er in einem virtuellen Grand Palais, mit Aussicht auf einen weiten Marktplatz.
Und wir, die wir uns auf dem Platz davor versammelt haben, erfahren alles über die Abwesenheit der Dinge: »Meine Freundin sagte: »Ich würde gerne mal dein Bücherregal sehen.« Ich sagte ihr: »Ein Bücherregal habe ich nicht, nur ein paar Bücher die hier und da herumliegen.««
Wir blicken in diesen engen Raum und sehen darin einen jungen Dichter, der schreibt, als würde er »in einem menschenleeren Saal Klavier spielen«, dabei die Leere und all dies Nicht-Vorhandensein an materiellen Gütern oder Zeugnissen von Kultur zu seinen Gunsten umkehrt und unsere Vorstellung von der Beschaffenheit von Passierscheinen unterminiert, die angeblich nötig sein sollen, um sich gesellschaftliche Akzeptanz zu verschaffen, Grenzen zu überschreiten und Zugang zu »besseren Kreisen« zu erlauben.
Als ihn im Mai der Journalist Alexander Bühler wegen Filmaufnahmen für das ZDF besucht, begegnet Saeed dem deutschsprachigen Fernsehpublikum mit den Worten: »Ich unterwerfe mich nicht der Gesellschaft. Ich folge nur meinem Instinkt. Tugenden gebe ich für den albernsten Grund auf. Dieses Interview verlasse ich sofort, wenn ein Mädchen anruft« – und erhält über Nacht hunderte Freundschaftsanfragen aus Deutschland.

Vorsichtshalber schreibt er: »Für den Fall, dass mein Computer und ich von einer Bombe getroffen werden, wird eine im Ausland lebende Person mein Facebook-Profil weiterführen. Alles wird beim Alten bleiben. Mein Profilbild wird so bleiben, wie es ist, mit Muttermal und Zigarette.« Der Stoff brennt noch.

Aboud Saeed: »Der klügste Mensch im Facebook. Statusmeldungen aus Syrien«
cover_02_saeed_692x1039_fertig_240x360.jpgAus dem Arabischen von Sandra Hetzl, mit Nachwort und Glossar. Mikrotext 2013, ca. 250 Seiten, versch. digitale Formate, ca. EUR 3,-

www.mikrotext.de

Aboud Saeed ist zu Gast:

am 15.10. im NO COUNTRY FOR ODD POETS,
im Kunstverein München, Galeriestr.4, 20:00 Uhr
www.kunstverein-muenchen.de
www.facebook.com/NoCountryForOddPoets

am 19.10. im Ballhaus, Naunynstr. 27, Berlin, 21:30 Uhr
www.ballhausnaunynstrasse.de

am 10.11. im taz-Café, Rudi-Dutschke-Str. 23, Berlin
www.taz.de/Café

www.mikrotext.de/oktobernovember-2013-lesetour-aboud-saeed