Bobby Conn

»Recovery«

Tapete Records

»Hat es überhaupt einen Sinn, von Genesung zu sprechen, wenn wir noch nie wirklich gesund waren?« Auf Bobby Conns nicht-rhetorische Frage am Beginn seiner Presseinfo kommt in diesen pandemischen Tagen und bevorstehenden Wochen eine vielleicht unerwartete Antwort: Ja, hat es. Wir sehnen uns danach. Aber hat es überhaupt einen Sinn, sich von Bobbys erstem Album in acht Jahren einen Genesungsbeitrag zu erwarten? Von einem, der sich visuell als abgewrackter Glamrocker inszeniert (Das Cover! Der letzte Liberace-Jünger hinter David Hasselhoffs K.I.T.T.?), musikalisch-textlich aber einen fokussierten, klaren Kopf bewahrt? Ich meine doch, es hat Sinn. Zugegeben: »Recovery« ist kein »Rise Up«. Ob sich eine ähnliche Bindung wie zu »Macaroni« ergeben wird, das über die Jahre eine enorme persönliche Hitdichte entwickelt hat, bleibt abzuwarten. Denn Songs wie »Good Old Days« und »No Grownups« fangen u. a. »die nostalgischen Gefühle für die Lügen alter, weißer Männer« ein, indem sie selbst etwas von der faulen Langeweile eines mit den falschen Leuten verbrachten Sonntagnachmittags reproduzieren.  Richtig euphorisch hingegen »Disposable Future«. Bobby, Monica BouBou – auf deren Songwriting-Credits nie vergessen werden sollte – und die neue Band begeben sich (wieder einmal) zurück in die Zukunft der 1980er: »Do you remember the future?« Gerne betrachtet Bobby seine Glam-Disco-Funk-Rekonstruktionen durch die Linse seiner Jugenddekade. Und ich wage, zu behaupten, dass niemand außer ihm so lässig, frei von Imitations-Perfektionsanmaßungen das Prince-like Falsett beherrscht. Wenn die Eighties-Referenzen von, sagen wir, Bilderbuch und Ankathie Koi bei jüngeren Hörer*innen so hoch im Kurs stehen, dann sollten sich diese auch zu Bobby tanzklar machen können. Ein weiteres Juwel ist »Bijou«. Bereits auf der Single »Hollow Men« (2017) erschienen, geht diese kleine Ode an die Freude(n) des mittlerweile geschlossenen ersten Gay-Cinemas in Chicago in die Beine – und alles was dazwischen liegt. Nicht unbedingt lendengesteuert fällt Bobbys Kommentar zum letzten Track aus: »Aus einer Fehlinterpretation von Derrida, Marx und Foucault entsteht eine nihilistische Hymne. Sorry, Lionel Ritchie.«