Big Thief

»Dragon New Warm Mountain I Believe In You«

4AD

Eigentlich sollten Big Thief momentan durch Europa tingeln. Letzte Woche ein Konzert spielen in München, am Wochenende nach Zwischenstopp Prag in Berlin, weiter nach Hamburg und Köln, dann über Holland nach Großbritannien. Nichts da – Pandemie, eh schon wissen: Tournee gecancelt beziehungsweise »rescheduled«. Zum Trost gibt es ein Doppelalbum, dessen Titel man sich beim zehnten Mal schon fast gemerkt hat: »Dragon New Warm Mountain I Believe In You«. 20 Nummern enthält der Fünftling der Band aus Brooklyn, ein paar Lückenfüller auf hohem Niveau mögen dabei sein, gleichwohl: Big Thief manifestieren ihre Best-Practice-Stellung in der Branche Indie-Rock/Psychedelic-Folk. Highlights sind einerseits die melodisch mitreißenden Stücke, etwa »Little Things« und »Sparrow«, die bereits seit einem halben Jahr als Vorab-Singles zirkulieren, oder das von einer struppigen Gitarre geprägte »Love Love Love«; andererseits jene, in denen Big Thief ungewohnt klingen: »Blurred Lines«, mit Tendenz zu Trip-Hop; »Wake Me Up to Drive«, bei dem sich der Gesang anhört, als wäre ein Wattebausch auf das Mikro geklebt, Schifferklavierklänge treffen auf sich überschlagende Beats aus dem Drumcomputer: ein wilder, betörender Mix! Auch sonst stößt man auf etwas, sagen wir, rätselhafte Stücke: »Red Moon« und »Spud Infinity« sind waschechter Country, sogar mit Fiddle und Maultrommel, doch wie ernst ist das gemeint? »Dragon New Warm Mountain I Believe In You« beeindruckt durch diesen Facettenreichtum, durch den Rest an Undurchschaubarkeit und nicht zuletzt dadurch, dass man hört, welch Freude Big Thief daran haben, frei von Zuschreibungen und Genrekonventionen aufzuspielen.