Illustration © Pe Tee

Beschäftigungstherapie #1

Jetzt ist es also soweit. Die ganze Welt schottet sich ab und soziale Kontakte werden auf ein Minimum reduziert. Folglich befinden sich skug-Leser*innen wie -Autor*innen in der gleichen Lage: Daheim sitzend. Nutzen wir diese (hoffentlich) einmalige Gelegenheit und lassen keine Langeweile aufkommen.

Eigentlich ist das Überraschendste, wie normal alles erscheint. Die Ankündigungen der Regierung, nur mehr eingeschränkt das Haus verlassen zu dürfen, die Schließung nahezu sämtlicher öffentlicher Einrichtungen oder die Absage buchstäblich aller Events, ob Sport oder Kunst, war eine Sekunde später schon neue Normalität. Welche nichtswürdigen Lappalien haben vor einer Woche noch als Nachrichten gegolten? Heute hingegen können die extremsten Einschränkungen und Änderungen des Lebens nahezu aller Menschen auf diesem Planeten nicht mehr wirklich überraschen. Gleichwohl sind wir erst am Anfang dieses größten sozialen Experiments der Menschheitsgeschichte. Manche könnten beim Blick auf die menschenleeren Straßen und Plätze diese düstere Orchesterfanfare im Ohr haben und das Insert vor sich sehen: »Day 1«. Nur die Lage eignet sich nicht wirklich zum Horrorschinken, denn eigentlich muss nichts anderes getan werden, als zu Hause zu sitzen und sich die Hände zu waschen. Das ist doch machbar, Herr Nachbar.

Was machen wir jetzt?
Halten genügend Menschen diese Restriktion eine Weile durch, dann wird die Spitze der Erkrankungen nicht existenzbedrohend für das Gesundheitssystem und viele Menschenleben können gerettet werden. Eigentlich klasse, man braucht kein Superman-Cape und muss nicht durch die Luft fliegen, um Leben zu retten. Nie war Heldentum leichter. Einfach nur vor dem Computer sitzen bleiben. Damit das nicht langweilig wird, fragen wir in der skug-Redaktion nach Tipps ohne jede Beschränkung. Jede*r macht ja jetzt irgendwas, nachdem den lieben Arbeitgeber*innen gemailt wurde, dass das Home-Office leider aus technischen Gründen nicht richtig funktioniert. Aus diesen Beschäftigungen liefern wir das Filtrat des Guten. Die einen lesen endlich Rilke (»Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr«), andere hören wieder die alten Joni-Mitchell-Platten oder schauen Film. Übrigens: Natürlich kann es gegen das Trapperfieber helfen, jetzt endlich selbst kreativ zu werden. Beim Romanschreiben aber aufpassen, »All work and no play makes Jack a dull boy« ist kein guter erster Satz und er wird auch nicht besser, wenn man ihn tausend Mal hinschreibt. Also, wir stecken in der Sache gemeinsam und jetzt heißt es anschnallen, denn hier kommen Tipps, wie man sich in Zeiten von Corona sinnvoll die Zeit vertreibt:

Filmtipp von Frank Jödicke: »Us« (2019) von Jordan Peele
»Us« ist der 2019er-Horrorfilm des Übertalents Jordan Peele, der jüngst mitgeholfen hat die »Twilight Zone« zu rebooten (wäre auch ein Tipp) und dabei diese altehrwürdige Fernsehserie tatsächlich auf neue Höhen bringen konnte. Die Serie ist neben dem milden Horror und den existenzialistischen Abgründen nun sogar in einem politischen Sinn ergreifend. Und nein, natürlich ist »Us« nicht so gut wie »Get out«. Der 2017er-Horrorstreifen von Peele wird nicht zu Unrecht als Instant Classic gelabelt. »Us« ist gut, spannend und in einer aushaltbaren Weise inkonsistent. Die Gefahr, das Filmvergnügen zu spoilern, besteht deswegen kaum, weil das Ende des Films nur relativ lose mit der Handlung verknüpft ist. Das ist vielleicht ein handwerklicher Fehler, aber die Grundkonzeption des Films ist so frisch und ungewöhnlich, dass das Publikum durch den Film getrieben wird, ohne groß nachdenken zu müssen. Ideal für die Corona-Epidemie somit.

Im Zentrum des Films ist das Motiv des*der Doppelgänger*in. Ein altes und anerkanntermaßen gruseliges Thema. Weniger allerdings, wenn man sich mit dem eigenen Abbild allzu bald in einer Art Wirtshausprügelei befindet. Peele merkt sehr wohl, wie früh er in den (wie heute üblich sehr brutalen) Actionmodus startet und deswegen ziemlich viel Grusel herschenkt. Er deichselt dies allerdings geschickt mit Humor. Einer der schönsten Sätze des Mainstream-Kinos der letzten Jahre springt dabei heraus. Die Familie sitzt auf ihrem Sofa und ihr gegenüber ihre bedrohlichen, gewalttätigen Doppelgänger*innen. Jemand überwindet seine Fassungslosigkeit und fragt: »What are you people?« Antwort in gehauchter Zombiestimme: »We are Americans«. Yeah, einfach geil. Dann wird losgemetzelt und am Ende gibt es eine sehr überraschende und zumindest teilweise überzeugende Erklärung dafür, weshalb die killenden Doppelgänger*innen die wahren Amerikaner*innen sind und wo sie herkommen. Einen eher überflüssigen Plot-Twist gibt es dann sogar noch obendrauf, der endgültig belegt, dass die Story etwas messy ist. Das wohlige Gefühl eines guten Horrorstreifen stellt sich am Ende ein: »Ach ja, so im Oasch wie die sind wir noch lange nicht.« Viel Spaß!

Ihr habt selbst Tipps für Daheimgebliebene? Schickt uns eure Vorschläge mit Betreff »Beschäftigungstherapie« per E-Mail an mitarbeit@skug.at – die besten Beiträge werden in den kommenden Wochen als Teil dieser Serie veröffentlicht.