Belp

»Belp Feat. Becky Reynolds Band«

Schamoni Musik

Edward Olson Hulburt, der Entdecker der blauen Stunde, hätte diese Platte so erklärt: »Der nichts- ahnende Hörer, der während des Sonnenuntergangs vor leuchtender Mattscheibe auf dem Sofa sitzend in die Schallplatte hört, sieht nur, dass die Scheibe, die vor dem Sonnenuntergang blau war, vor ihm dasselbe leuchtende Blau beibehält, während die Sonne untergeht und es draußen während der Dämmerung immer dunkler wird.« Vor seinem inneren Auge laufen derweil Filme ab, die, vom glasklar kontrastiven Klang der Platte erweckt, mit der Formel Humor & Härte wie ein Weichzeichner heftig haftender Zeiten wirken. »Kamikaze 89« aus dem Jahr 1982 wäre so ein Film, »Blue Moon – Atemlos durch die Nacht« von 1986 noch so einer, am Ende sogar Fellinis letzte Trickkiste »La Voce della Luna«: Zauberei im Twilight einer großen Gartenparty. Style, Coolness und ein Sarkasmus, der über sich selbst lacht, ohne auch nur ansatzweise lächerlich zu wirken. Wie ein Sportwagen im Stand- bild, sich selbst zweimal überschlagend, ohne den geringsten Kratzer in der letzten Rille landend.

So wie »200 D« von Christopher Roth 1982 mit der Vorbemerkung ein kleines sauberes Buch ganz glattrot in die Läden kam, als Autodeklaration der Münchener Oberfläche (nicht Oberflächlichkeit, wohlgemerkt), so könnte diese innen wie außen blau schimmernde Musikscheibe als eine kleine, saubere Platte etikettiert ausgeliefert werden, und jeder halbwegs bei Verstand nach Musik stöbernde Mensch würde ahnen, dass hier Lichter gesetzt und Messer geschliffen wurden von einem Autor, der, sich selber den Kopf abhackend, unsere kleinen, sauberen Etiketten einmal als Konfettimusik in die Luft geblasen mit einer fiktionalen Band auffängt, um im Wunschpunsch gewonnenen Ûberschwung die Cocktailparty unserer Träume ins Rollen zu bringen.

Und jetzt, wo der Sekt perlt, möchte auch mal eine Empfehlung ausgesprochen werden: Diese Platte ist eine wunderschöne Wundertüte, ein Meisterwerk der Miniaturen und ein erhabenes Enigma. Was wissen wir denn schon über Autor und Werk, außer dass uns nicht nur der Titel, sondern auch Verpackung und Inhalt an die erste Publikation von Schamoni Musik erinnern: Jene nonchalant charmante, unbetitelte 10⬝ vom Reinhold Wagner Orchester, die, wer sie hat, sich noch heut’ dran freut. Und Belp, ja, Belp heißt der Flugplatz von Bern. Und vielleicht ist jetzt ja Riem der Berner Belp von Oberbayern?

Was dann auch nichts daran ändert, dass diese köstliche Bolero-Bossa-Latin-Jazz-Platte klingt, als würden wir Bert Kaempfert, Dieter Moebius, Donald Fagen und Paulchen Panther auf dieser einen Party beim beschwingten Plausch belauschen, kurz vor Abflug oder Absturz in die New Wave Retrofuture Disco.