Performance »Die Kunst ist tot von A bis Z« gem. mit evaversum, bei »Wir sind die Goldene Revolution«, Semperdepot, Wien 2021, Foto: evaversum

Avantgarde war gestern … was bleibt ist Arrière-goût #5

Der Arrière-goût ist der Nachgeschmack der künstlerisch-literarischen Revolte, mit dem Künstler*innen, Aktivist*innen und Kollektive heute umzugehen einen Weg gefunden haben. Wir diskutieren mit ihnen diesen Umgang in loser Folge. Diesmal mit Dystopia und Utopia von united queendoms.

Allzu gerne wird bei feministischen DIY industries an Handwerkskunst und umwickelte Bäume gedacht. Weit gefehlt. Tatsächlich gibt es viele interessante Kooperationen und Initiativen von Künstler*innen und Literaturarbeiter*innen, die nicht nur schreiben, schnipseln, kleben, filmen und performen, sondern auch ein Geflecht aus Forschung, Intervention, Publikationsort und ungewöhnlichen Geschichten herstellen. Sie sind der Nachgeschmack unserer Zeit. In dieser Serie werden unter diesem Gesichtspunkt in unregelmäßigen Abständen Kleinverlage, Literaturzeitungen, Literatur- und Kunstkollektive zu einem Interview gebeten.

united queendoms (uq) bewegen sich seit viele Jahren gekonnt zwischen verschiedenen Genres, Stühlen und Disziplinen und ziehen ihre Fäden von Kooperation zu Kooperation. Im Gespräch erfahren wir von ihrer Suche nach dem fleischgewordenen Paradies, der Parole »queen yourself! unite!«, der Arbeitsweise von uq und warum sie keine Speerspitze, sondern der Stachel im Fleisch sind. Die Königinnen Utopia und Dystopia folgten skug zur Gesprächseinladung.

skug: Mit united queendoms (uq) habt ihr nicht nur ein Königinnenreich erschaffen, sondern auch mehrere Erzählungen. Bitte erzählt doch, was es damit auf sich hat. Gern auch, wie alles begann, also was eure Erzählung über euch ist.

uq: Eigentlich ist united queendoms radikale Autobiografie. Mit dem Patriarchat als Dorn im Auge sind wir jetzt schon seit 2007 als Königin Utopia und Königin Dystopia auf der Suche nach dem fleischgewordenen Paradies. Der ursprüngliche Name »Die Vereinten Königinnenreiche Gumpendorf und Ottakring« war uns schnell zu sperrig und wir sind schließlich als united queendoms zu unserer ersten performativen Forschungsreise aufgebrochen. »In crowns and gowns« waren wir zwei Monate lang unterwegs in Kalifornien, um den Mythos vom Goldenen Westen als hegemoniale europäische Idee zu ergründen. Sommer, Sonne, Glücksversprechen, diese Wucht medial eingeübter Bilder als Motor. Unsere Geschichte(n) haben wir von Bar zu Bar, im Austausch mit der Landschaft und den Menschen, die uns on the road begegnet und virtuell gefolgt sind, weitergeschrieben. Da ist unsere erste multimediale Serie in 22 Episoden entstanden – und alles außer Kontrolle geraten! Seither haben wir Berge versetzt, Sternbilder verschoben und bis ins letzte Wurmloch hinein Sehenswürdigkeiten errichtet. Wir sind auch schon mal als Heilige und Hure in einer Sideshow gelandet, haben Blut gehäkelt und unsere Seelen transplantiert. In den Garden of Eden Studios haben wir das Paradies in Originalgröße rekonstruiert, den Paradiesgarten abgefackelt, und aktuell sind Utopia und Dystopia irgendwo zwischen Zombies und Manyheaded Hydra verschollen …

Zinewerkstatt »queering the family album« gem. mit Evangelista Sie, WienWoche, planet 10, Wien, 2021, Foto: Carolina Frank

Was mir an eurer Arbeit so gefällt, ist euer Umgang und der grandiose Einsatz von verschiedensten Materialien und Techniken. Hier wird geschnipselt, geklebt, gehäkelt, gefilmt, performt, gelesen und alles Mögliche. Ihr selbst bezeichnet es als uq DIY industries. Eure Arbeit wirkt unglaublich lustvoll. Wie kam es dazu und welchen Impulsen versucht ihr zu folgen?

uq: Es ist auch unglaublich lustvoll! uq ist ein Raum für Wellness und Selfcare. Und das hat viel mit DIY zu tun! uq ist Holidays. Da lohnarbeiten wir nicht. Wir suchen auch schon lange um keine Förderungen mehr an und machen einfach, was uns freut und was sich ausgeht. Oft mit anderen. Mit unserer eigenen Privilegiertheit darin versuchen wir einen Umgang, wo wir uns zwar »on the edge« bewegen, aber nicht zynisch Machtverhältnisse wiederholen wollen. Überaffirmation ist da ein wichtiges Tool für uns. Deshalb haben die Königinnen, die ja eine ziemlich monströse Selbstermächtigung sind, immer eine gewisse inhaltliche und formale Schräglage. Im gemeinsamen Tun stärken wir uns gegenseitig und lernen die ganze Zeit miteinander, wir als Kollektiv united queendoms, als die Kunstfiguren Utopia und Dystopia und als Ulli und Claudia. DIY ist für uns Möglichkeit und Freiraum, uns Dinge anzueignen und auszuprobieren – und auch an einer anderen Stelle möglicherweise festzustellen, dass es sich nicht oder nicht mehr ausgeht. Wie sich zum Beispiel »queen yourself! colonize!« zu »queen yourself! unite!« entwickeln musste. Die Stationen unserer Beziehung und auch alle möglichen und unmöglichen Alltagserfahrungen schreiben sich wirklich radikal in die Abenteuergeschichten ein und werden in den Zines und Echtblut-Häkelschnüren, Comics und Foto-Lovestorys, Videos und Performances lesbar. Mit unserer Arbeitsweise und unseren Produktionsmitteln können wir auch gut unterwegs sein. Die Orte, wo wir produzieren, und unsere Körper, die sich durch diese Räume bewegen, spielen immer eine zentrale Rolle. Das sind die Impulse und »Verheißungen«, denen wir folgen.

S. 22+23, Saint and Harlot »Grande Finale«, sin NO7, 2018

Für mich seid ihr auch Königinnen der Kooperation. Vor allem in den Queen-Zines, die von euch produziert wurden. Wie wichtig war euch der starke Bezug auf und die Einbeziehung von anderen Personen (egal ob Künstler*innen oder nicht)? Ist uq ein Gegenmodell zu K&K, also Kapitalismus und Konkurrenz?

uq: Ohne die vielen Kooperationen, gegenseitigen Einladungen und Beiträge von »real queens of the world and the like« würde bei uq DIY industries rein gar nichts gehen! Auf unserem Baustellenschild leuchtet die Parole »queen yourself! unite!«. Wir folgen diesem Glücksversprechen, wenn wir gemeinsam mit vielen anderen paradiesische Landschaften bauen und immer weiter wuchernde glamouröse Geschichten erzählen. Je mehr Königinnen, desto süßer der Brei!

In dieser skug-Serie geht es unter anderem auch um eine Reflexion über das Selbstverständnis, das es in der Kunstwelt gab oder immer noch gibt, die Rolle der Avantgarde innezuhaben. Braucht es noch eine Vorhut (Avantgarde) oder sind wir der Nachgeschmack (Arrière-goût) einer Zeit? Wo würdet ihr euch sehen? Oder beginnt der Weg des Glücksversprechens, das ihr so schön schildert, nicht sowieso von einem ganz anderen Punkt?

uq: Es gibt halt diesen Starkult um Utopia und Dystopia. Und wer könnte diesen Bildern widerstehen? Üppige Landschaften, die es zu finden gilt, voll Gold und Überfluss. Und die dunklen Abgründe von Lust und Laster. Verlockung, Gesang der Sirenen, berauschende Gefahr. Aufbruch ins (N)irgendwo. Wir machen Fanzines für Utopia und Dystopia! Dabei folgen wir mit vielen ironischen Brüchen der Erzähltradition von Utopien und Dystopien als moralische Lehrstücke. Die entwerfen eine perfekte Welt oder die verderbteste aller möglichen Welten und demonstrieren damit die Unvollständigkeit oder die Abgründigkeit des Eigenen, halten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Wir sind keine Speerspitze, sondern der Stachel im Fleisch. Und wir haben nicht das Programm »wir bringen die Welt voran«. Wir verwenden Versatzstücke der »großen Erzählungen« und Ismen als Schnipselmaterial für unsere Collagen. Wenn, dann ist es eine feministische Avantgarde, auf die wir uns beziehen.

Was sind eure nächsten Pläne? Welche Geschichten und Landschaften würdet ihr gerne bauen?

uq: Was wir genau als nächstes machen und in welcher Konstellation, wissen wir noch nicht. Es ist gerade viel los. Wir haben im Moment auch weniger Zeit miteinander, als wir gewohnt sind. Wir wollen aber auf jeden Fall wieder ein Zine machen! Zuallererst müssen wir herausfinden, wo Utopia und Dystopia stecken. Dann sehen wir weiter. Im Juli und Oktober sind wir in Klausur. Wir sind selber gespannt.

Ins united queendom geht’s hier: http://www.unitedqueendoms.com/