Fritz Widhalm und Ilse Kilic © Das fröhliche Wohnzimmer

Avantgarde war gestern … was bleibt ist Arrière-goût #2

Der Arrière-goût ist der Nachgeschmack der literarischen Revolte, mit dem umzugehen heutige Literaturprojekte einen Weg gefunden haben. Wir diskutieren mit ihnen diesen Umgang in loser Folge. Diesmal mit Ilse Kilic und Fritz Widhalm von Das fröhliche Wohnzimmer.

Allzu gerne wird immer noch das Bild von Erfolg gezeichnet, mit Blick auf die Verkaufszahlen und den Verweis auf namhafte Verlage. Kaum etwas ist öder, wenig abgeschmackter. Tatsächlich gibt es viele interessante Kooperationen und Initiativen von Schriftsteller*innen und Literaturarbeiter*innen, die nicht nur das Schreiben praktizieren, sondern auch Publikationsorte, Netzwerke und ungewöhnliche Texte bauen. Sie sind der Nachgeschmack unserer Zeit. In dieser Serie werden unter diesem Gesichtspunkt in unregelmäßigen Abständen Kleinverlage und Literaturprojekte zu einem Interview gebeten.

Wer Punk und experimentelle Musik einmal lesen möchte, ist bei Das fröhliche Wohnzimmer genau richtig. In Wien gibt es zwei Künstler*innen (da sie nicht nur Autor*innen sind), die dank der Schrägheit ihres Lebens wunderbar andere Blicke auf die Welt produzieren und das quasi in Heimarbeit. Das fröhliche Wohnzimmer schreibt, liest und macht Bücher und Comics und das schon über 30 Jahre. Ilse Kilic und Fritz Widhalm folgten skug zur Gesprächseinladung.

skug: Könnt ihr zur Einstimmung ein bisschen was über Das fröhliche Wohnzimmer erzählen? Gründungsmythos, Highlights, Brüche, Gegenwart und Visionen was eben so zu diesen Erzählungen dazugehört.

Fritz Widhalm und Ilse Kilic: Die Edition Das fröhliche Wohnzimmer startete 1986 mit dem Buch »Rote Fäden« von Ilse Kilic. Es war eigentlich die logische Folge unseres Zeitschriftenprojekts »Drucksache«, wir wollten einfach die Sache mit dem Publizieren in die eigenen und auch in gemeinsame Hände nehmen – ganz nach dem Motto Do It Yourself, also durchaus in der Tradition des Punk. Wir waren auch nicht alleine, Klein- und Autor*innenverlage gab es ja durchaus. Die ersten fünf Bücher, die wir gemacht haben, waren kopiert, im Wohnzimmer gefaltet, geheftet und gebunden und sie hatten alle ein handgemaltes Cover, also jedes Buch war ein Unikat. Wir bastelten pro Buch zwischen 100 und 150 Stück, die wir dann im Handverkauf bei nächtlichen Runden durch sogenannte Szenebeisln verkauften. Das war sehr lehrreich, auch hinsichtlich Kontakte zu potenziellen Leser*innen. Lustigerweise wurde Ilse jetzt mal von jemandem angesprochen, die in dieser Zeit im Café Tunnel ein Buch von uns gekauft hat und Ilse wiedererkannte. Das erste Buch, das professionell in einer Druckerei gefertigt wurde, war 1989 die Anthologie »Buch« in einer Auflage von 1.000 Stück. Der Gründer der Herbstpresse, Werner Herbst, hatte uns noch gewarnt, er sagte, wir sollten lieber kleiner anfangen, das sei alles gar nicht so einfach. Aber wir waren wild entschlossen. Es hat bis 2021 gedauert, bis alle 1.000 Stück Leser*innen gefunden hatten. Dieses »Buch« hatte das System, dass die Namen der Autor*innen nicht bei den Texten standen, sondern man musste sie anhand zugeteilter Nummern im Inhaltsverzeichnis suchen. Das war schon die Idee, den Texten sozusagen ein bisschen Unabhängigkeit zu geben, also die Information, ob sie von einem oder einer bekannten oder eher weniger bekannten Autor*in stammten, nicht sofort zum Text mitzuliefern. Die ersten Autor*innen, mit denen wir eng zusammenarbeiteten waren Otto Grabner, Hansjörg Zauner, Christine Huber und Junki Wehrmann. Den Namen Das fröhliche Wohnzimmer gab es aber bereits vor der Edition, 1981 gründeten Fritz und Bernhard Kölbersberger die Punkband Magendarmtrakt. Nachdem ihre erste Kassette »Wurmfortsatz« in einer Rezension als »Musik aus dem fröhlichen Wohnzimmer« bezeichnet wurde, nannten sie das Kassettenlabel 1982 Das fröhliche Wohnzimmer. Durch Ilse, die 1985 in die Band einstieg, kam dann sozusagen die Literatur ins fröhliche Wohnzimmer – naja, Songtexte hat es natürlich immer gegeben. Die erste gedruckte und auch geförderte Einzelpublikation in unserem Verlag war 1990 »Geigerad« von Christoph Schwarz mit Textgrafiken von Christine Huber. Es erschienen dann an die 100 Einzelpublikationen, unser Schwerpunkt war experimentelle Literatur, sozusagen als weit gefasster Begriff. Ab 2007 beschlossen wir, nur mehr Anthologien zu machen, da sich inzwischen so viele interessante Autor*innen um uns gesammelt hatten, dass wir mit dem Vertrösten auf nächstes oder überüberübernächstes Jahr gar nicht mehr nachkamen. Und 2021 haben Ilse und Fritz schließlich beschlossen die Edition ihrem Alter gerecht zu betreiben, was immer das genau heißen soll. Das fröhliche Wohnzimmer lebt, solange Ilse und Fritz leben, mag erscheinen, was erscheinen mag.

Ihr habt mir einmal erzählt, dass in einer der ersten skug-Ausgaben Anfang der 1990er-Jahre ein Beitrag über euch erschienen ist. Wisst ihr noch, worum es in dem Artikel ging?

Der Artikel erschien 1990 im skug #01 und wurde von Johnny Pichler geschrieben. »Hörbar, lesbar, betrachtbar Das fröhliche Wohnzimmer«. Johnny Pichler schreibt über die 1989/90 erschienenen Bücher der Edition und über die Kassette »Open Your Heart (Let The Elephant In)« der Band, die 1990 bereits Das fröhliche Wohnzimmer hieß und aus Ilse, Fritz, Stefan Krist und Sonja Wally bestand. Zitat: »Mit Geige, Schlagzeug, undefiniertem Blasinstrument, Bassgitarre (?), Geräuschen und Stimmen bewegt sich das, was die Band selbst als Psychedelic-Noise-Pop bezeichnet, so ziemlich am Grenzbereich der Musik. Interessant ist es allemal, sollte es jedoch nicht weh tun, so ist am Ziel vorbeigearbeitet worden, oder ich habe ein doch zu konservatives Ohr.«

Ihr beide kommt ja aus der Wiener Arena- oder Nach-Arena-Bewegung und der Wiener Punk-Szene. Und das brachte es mit sich, dass mit dem fröhlichen Wohnzimmer Ideen und Formen des Punk sich auch in der Literatur und dem Literaturbetrieb eingenistet und ausgebreitet haben. Wie waren die ersten Reaktionen auf euch und wie sind sie jetzt?

Also das mit dem Punk war eher etwas, das der Fritz jahrelang gelebt und erlebt hat, für Ilse war es einerseits durch die Musik nachvollziehbar, andererseits aber auch durch den Gedanken, sich selbst das Wort zu erteilen. Also nicht darauf warten, dass z. B. jemand deine Texte druckt, sondern selber was auf die Füße stellen, im Idealfall so, dass mehrere Menschen inklusive dir selbst davon profitieren können. Was die literarischen Formen betrifft, so befanden wir uns ja in einer Phase, wo die sogenannte experimentelle Literatur vergleichsweise sehr präsent war, also gerade unter den sogenannten Kleinstverlagen war das nichts Ungewöhnliches. Bei Lesungen hieß es gelegentlich, dass sich jemand bei unseren Texten nicht auskennt, dann diskutierte man das eben. Es gab also schon die Auseinandersetzung Sprache als Werkzeug, Sprache als Material, beziehungsweise Erzählen und Nichterzählen, das wurde viel diskutiert. Auch innerhalb der Grazer Autor*innenversammlung gab es eben die »realistisch« schreibenden Kolleg*innen und die »Experimentellen«, was natürlich unterschiedlich definiert war, also als spielerischer, auf Erkenntnisgewinn ausgerichteter Umgang mit Sprache, aber auch als Experiment im Sinne von Versuchsanordnung. Natürlich gab es da auch Überschneidungen und beide Standpunkte verstanden sich als politisch, sozialkritisch, sprachkritisch oder eben beides.

Eure Bücher und Texte sind ja etwas ungewöhnlich. Darunter finden sich »Romane« da haben die Figuren ihr Eigenleben und widersetzen sich der Autorin, in anderen Texten werden ausschließlich bestimmte Vokale verwendet und es wird mit formalen Konzepten experimentiert, die an »Hypochondrie und Zwangsneurosen« erinnern sollen. Dann gibt es Arbeiten. die recht direkt euren Alltag und euer Leben ver- und behandeln. Ist das dem eher konservativen und gemächlichen Literaturpublikum nicht zu schräg? Seid ihr nun die Noise- oder Free-Jazz-Bande der Literatur? Sofern es das überhaupt gibt.

Nein, wir glauben, Schrägheit ist in gewisser Weise einfach unser Leben. Noise, ja es ist vielleicht wirklich noisy, was wir machen, in einem weiteren Sinne, also quasi Organisation verschiedener Stimmen. Was die »Romane« betrifft, so ist es halt immer die Frage, was bedeutet das Erfinden von Personen, sie auszustatten mit Schicksal und Problemen, damit sie als Exempel auftreten für etwas, was ich sagen möchte? Ja, das mit dem Regelwerk, also das Buch ohne E und ohne U, das bezieht sich ja auch auf eine Tradition, Ouvroir de Littérature Potentielle, Werkstatt für potenzielle Literatur. Ein Buch ohne E und U möchte ich, Ilse, aber nicht mehr schreiben, das hat sozusagen meine eigene Sprachwahrnehmung, also mich selbst, verändert und das war eine Weile richtig seltsam, ich konnte gar nicht mehr sprechen, ohne auf E und U zu achten. E generell ist ein Vokal, der sehr fehlt, der der Sprache im Deutschen ein Stück Verbindlichkeit und Herzlichkeit gibt. Ohne E wird es schroff, es gibt kein Herz, keine Begegnung und kein Begehren, allerdings auch kein Ende des Lebens. Naja. Der Verwicklungsroman, der unser Leben (be)schreibt, ist schon was anderes, er ist selbst Teil unseres Lebens und da wir ihn gemeinsam schreiben, ist er auch ein Versuch, Erinnerung zu teilen, beziehungsweise immer wieder neu zu gewichten. Ein Stück Zeitdokument ist er natürlich auch. Eben die Verwicklung des Lebens, das ja nicht geradlinig von A nach O führt, im Sinne von Entwicklung, sondern sich verwickelt und erst in der Rückschau Kausalitäten aufzeigt.

In dieser skug-Reihe geht es auch um ein Spiel mit der gegenwärtigen Avantgarde. Ich denke mir, dass sich der Begriff überholt hat und es dieses Selbstverständnis unter Künstler*innen kaum mehr gibt. Es gibt auch nicht mehr den mehr oder weniger optimistischen Ansatz, die Gesellschaft mit Kunst in eine emanzipatorische Richtung verändern zu können. Was bleibt ist so ein Art Nachgeschmack – der wir sind. Wie seht ihr das?

Avantgarde hat als Begriff jetzt keine prägende Wirkung auf uns und wohl auch nie gehabt. Andererseits ist das, was wir oft lesen oder auch betrachten, wenn wir jetzt von der Bildenden Kunst sprechen, wohl der historischen Avantgarde zuzuordnen oder zumindest davon geprägt. Was aber den Ansatz betrifft, die Gesellschaft zu verändern, so müssen wir sagen, dass wir uns davon nicht verabschiedet haben. Es ist aber wohl zu einfach gedacht, dass jetzt ein Buch ein Problem aufzeigt und dann sagen die Leser*innen, aha, da liegt ein Problem und da müssen wir jetzt etwas ändern. Also so geht es wohl eher nicht. Als ich (Ilse) den Antikriegsroman »Catch 22« gelesen habe, da war ich noch jung, also da dachte ich mir, wie kann es nach einem solchen Roman noch kriegerische Auseinandersetzungen geben, wie können sie überhaupt in Erwägung gezogen werden, aber trotzdem, der Roman bezieht Stellung und ich will nicht glauben, dass es vergeblich ist. Das betrifft also nicht nur die Avantgarde, das ist ja kein Avantgarde-Text. Wir denken aber auch, dass die Kunst eine, wie sollen wir sagen, tröstliche und ermutigende Wirkung haben kann, sie kann uns zeigen, dass eine andere Welt möglich ist, besser gesagt wäre. Oder müssen wir schon sagen »gewesen wäre«? Es geht bei der Kunst für uns nicht um Handlungsanweisung, sondern einfach um einen anderen Blick auf die Welt, den kann man als Künstler*in anbieten. Ob der jetzt das Verhalten einzelner Mitmenschen ändert, das kann man von der Kunst nicht verlangen, das müssen schon die Mitmenschen tun. Es ist schwierig, wenn der Kunst vorgeworfen wird, sie hätte die Welt nicht verändert, also das könnte man dann vielen Bewegungen vorwerfen und der Anspruch ist vielleicht etwas hoch gegriffen, also gleich die ganze Welt verändern. Die Literatur kann für sich in Anspruch nehmen, dass sie den lesenden Menschen verändert, den schreibenden Menschen natürlich auch, und ja, dieses Tätigsein in eine Richtung, die an der bestehenden kapitalistischen Ordnung der Dinge rüttelt, das soll allen Menschen offenstehen. Insofern können wir alle gemeinsam eine Avantgarde sein.

Online zu finden ist das fröhliche Wohnzimmer unter: https://www.dfw.at/