Projektion am »Heldentor« © Frank Jödicke

Auf der Suche nach Zeichen gegen den Krieg

Die Kurator*innen Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer haben Künstler*innen aus der Ukraine, Belarus und Russland dazu eingeladen, Statements gegen die Besetzung der Ukraine an die Fassade des Leopold Museums in Wien zu projizieren.

Die letzte Woche war für viele in Wien sehr belastend, weil auch für die in westlicher Sicherheit lebenden Menschen kaum eine Stunde vergeht, ohne nagende Gedanken an den Krieg in der Ukraine. Im Dezember, mit Beginn des russischen Truppenaufmarschs, stieg bereits diese unbestimmte Wut auf. Kann es sein, dass während der längst noch nicht überwundenen Pandemie, den großen weltwirtschaftlichen Problemen und den immer deutlicher werdenden Folgen des Klimawandels, tatsächlich auch noch ein großer Krieg vom Zaun gebrochen wird? Dabei dürfte allen klar sein: Die Probleme, die wir im Moment haben, betreffen uns als Weltgesellschaft. Sie sind weder von einzelnen Akteuren verschuldet, noch von einzelnen Ländern allein zu lösen. Und statt sich dies bewusst zu machen, soll nun ein Angriffskrieg »Freiheit« bringen?

Projektion im Eingangsbereich Museumquartier © Frank Jödicke

Wut, Angst und Frust

Lange Zeit ließ sich die Bedrohung noch als ein »Machtpoker« verdrängen, aber mit dem Überfall russischer Truppen auf die Ukraine am 24. Februar ist es nun ernst geworden. Eine Angst steigt auf. Ist es wie zu Beginn der Pandemie, als man noch insgeheim über die Eindämmungsmaßnahmen lachte und annahm, die Notsituation würde bald vorüberziehen? Ist das jetzt der »große Knall«, der sich über Jahre ziehen wird und dessen Folgen bald kaum mehr einzugrenzen sein werden? Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass alles auf dem Spiel steht. Der russische Diktator, der sich durch Wirtschaftsembargos und Waffenlieferungen aus dem Westen in auswegloser Lage wähnt, droht bereits mit atomarer Vergeltung. Aber welchen Spielraum konnte man Putin noch lassen, nachdem er wohl absichtlich die diplomatischen Bemühungen scheitern ließ?

Nur wenige Lichtblicke gibt es. Die Stimmung in Russland, die zu Beginn des Krieges gegen die Ukraine vor acht Jahren noch nationalistisch aufkochte, ist heute anscheinend ruhig. Begeisterung gibt es keine für den Überfall und nicht wenige Russ*innen beweisen sogar den großen Mut, protestierend auf die Straße zu gehen und sich verhaften zu lassen. Die ukrainischen Kernkraftwerke werden von mutigen Menschen vor dem Zugriff der russischen Truppen geschützt, indem die Bürger*innen sich in großer Zahl und vollkommen gewaltfrei den Konvois in den Weg stellen. Aber das wenige Gute ist wackelig. Ein bisschen gesellt sich zu Wut und Angst nun auch schon die frustrierte Selbstanklage. Die Friedensbewegung ist offenkundig vorerst gescheitert. Unzählige Male wurde gewarnt, vor Waffenhandel und Machtpoker um Einflusssphären. Gehört wurde man nicht. In Moskau ohnehin nicht, aber auch nicht bei den Regierungen des Westens. Es wurde allseits fleißig verdrängt, was leicht vorhersehbar war, es wurden weiter Geschäfte mit Oligarch*innen und Kriegstreiber*innen gemacht. Und nun sind die Pfade schmal, die noch zu einem vergleichsweise friedlichen Ausweg führen könnten.

Projektion auf dem Leopold Museum © Frank Jödicke

Wie auf den Krieg reagieren?

Neben der solidarischen und aktivistischen Dimension, die zunächst mitzuhelfen versuchen sollte, so viele Menschen wie möglich aus der Schusslinie zu bringen, stellt sich die Frage, wie auf die neue Weltlage zu reagieren sei, auch für die Kunst. Das Kurator*innenteam Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer setzt ein gutes und wichtiges Zeichen, indem es im Wiener MuseumsQuartier Künstler*innen aus allen drei beteiligten Länder zu einer Kunstaktion einlädt. Die allermeisten Russ*innen sind schließlich ebenso Opfer dieses Krieges. Die beteiligten Künstler*innen kooperieren im Feld der Kunst, wo sie Haltungen zu Identität und der aktuell viel zu stark und unkritisch bemühten Geschichte ihrer jeweiligen Länder friedlich zusammenführen und gemeinsam zur Diskussion stellen können. Allein das ist ein hilfreicher und lobenswerter Schritt.

In einem Loop sind künstlerische Beiträge von maximal zwei Minuten zusammengeschnitten, die an die große, weiße Fassade des Gebäudeblocks des Leopold Museums projiziert werden. Die Künstler*innen konnten unmöglich in den letzten Tagen neue Werke produzieren, deswegen spießt sich manches mit dem Anspruch, Solidaritätsaktion zu sein. In einem durchaus guten und kuriosen Video ist ein Putin-Imitator zu sehen, der sich mit Passant*innen fotografieren lässt. Gleich neben ihm in weißer Uniform Josef Stalin und etwas zerknirscht ein Lenin-Darsteller. Lustig die russische Geschichte und die Vorlagenlieferanten der beliebten Matrjoschka-Püppchen, bei denen es mit dem Zaren anfängt und mit Putin endet. Tourist*innen in Moskau kaufen die Dinger gern. Das passt auch seltsam gut zur Wiener Eventzone MuseumsQuartier, wo es gelangweilte Tourist*innen gewöhnt sind, irgendwelche »beeindruckenden« Projektionen zu sehen.

Zufriedene Initiator*innen © Frank Jödicke

Auch ist es eine knifflige Sache, Nationalfarben zu projizieren, wie es im Eingangsbereich des Museumsquartiers und vor dem gegenüberliegenden »Heldentor« der Hofburg passiert. Der vielleicht ödeste Teil der Stadt, mit dem ganzen Habsburg-Plunder, wirkt dadurch noch einmal abschreckender. Imperiale K&K-Repräsentationsarchitektur (Ach ja, man hätte damals Fischer von Erlachs Pferdestall beim Bau des MuseumsQuartiers einreißen sollen …) trifft auf Museumsevent-Lightshow, die Besucher*innen in die Kunsttempel ziehen soll. Das passt alles irgendwie nicht so ganz und wirkt latent verzweifelt. Nur, was hätte man machen können? Es sollte nun schnell ein großes Zeichen her und groß sind die Projektionen. Und wenn Zar Putin meint, das russische und ukrainische Volk sei eigentlich eines – was sicherlich viele beiderseits der Grenze überrascht – dann muss jetzt einfach ein gelb-blaues Band in Wien daran erinnern, dass dem nicht so ist. Ein besseres, von den Widersprüchen nationalistischer Territorialisierung freies Bild für die Solidarität mit den Menschen in der Ukraine, in Belarus und in Russland gibt es bis jetzt nicht. Da hat die Kunst demnächst eine große Aufgabe, dies zu finden.