David Berman © YouTube

»All my happiness is gone« – Zum Tod von David Berman

Der große Singer-Songwriter, Dichter und Comiczeichner David Berman ist von uns gegangen. Sein politisches Engagement mag letztlich unfruchtbar geblieben sein, seine Kunst aber bleibt als ein leuchtendes Fanal.

In einem seiner Gedichte erzählt David Berman, wie er mit seinem kleinen Bruder an einer Stelle vorbeikam, wo Kinder diese bekannten Abdrücke hinterlassen hatten, die entstehen, wenn man auf dem Rücken liegend mit Armen und Beinen im Schnee rudert. Engelssilhouetten. Dies sei eine Stelle, an der ein Engel gestorben sei, spricht das lyrische Ich Bermans unvermittelt und ohne besonderen Grund. Der kleine Bruder ist entsetzt. Warum ist der Engel gestorben? Weil ihn ein Farmer abgeknallt hat. Willkommen in Amerika und ja, tatsächlich sind die Leute entsetzlich. Aber es tut auch gut, welche zu kennen, die so sind wie David Berman. Wenn man seine Texte las oder seinen Songs lauschte, überkam einen zuweilen diese Lust, ihn einmal zu treffen. Sich in einem Flughafencafé zu verabreden und zu plaudern. Irgendwie nimmt man sich das dann sogar vor, obwohl man noch nie jemanden im Flughafencafé getroffen hat. Nur macht man das nicht so, mit den US-Indie-Helden? Blöd nur, dass die es meist nicht so übermäßig lang aushalten on this planet. David Foster Wallace, Elliot Smith und jetzt David Berman – es wird einsam in den Flughafencafés.

Aufreiben am Vater
Diese Art, selbstzerstörerisch zu leben, ist anscheinend eine ziemlich männliche Geschichte. Dabei wird sich – und David Berman war hier unnachahmlich – tief ins eigene Werk versenkt, bis man, dank Alkohol, Tabletten und sonstigem Substanzmissbrauch, daraus kaum mehr auftaucht. Zunächst könnte dies als eine Art Egoismus und Beziehungslosigkeit gedeutet werden. Das ist es aber nicht nur. Es geht ja gerade darum, eine anders geartete Beziehung zu finden. Berman war eine (wenn man so will) hoch moralische Erscheinung und er hat seinen Kampf sehr ernst genommen und sogar innerfamiliär ausgetragen. Sein Vater Richard Berman ist Washingtoner Lobbyist und trägt den hübschen Kosenamen »Doctor Evil«. Wer wissen will, wie man Gewerkschaftler, Umweltschützer und solches Geschmeiß erledigt, ist bei ihm an der richtigen Adresse. Sehr fein getunte Rabulistik, die oberschlau sich als Kämpferin des Guten gebärt und dann doch nur das eigene Gerstl und das der Kund*innen im Blick hat.

David Berman hat seinen alten Herrn nachweislich nicht ausgehalten und plante, einen Film über dessen Machenschaften zu drehen – oder sogar eine Fernsehserie. Der Sohn wollte, wenn vielleicht nicht wiedergutmachen, so doch zumindest teilweise korrigieren, was der Vater im Auftrage von Tabak-, Öl- und Waffenindustrie angerichtet hatte. Das hat natürlich nicht hingehauen. Aus so vielen Gründen, dass es müßig ist, die aufzuzählen. Aber dieses Gewicht der persönlichen Verantwortung, das er spürte, war richtig und fuckin’ vorbildlich. Berman sah, wie sein eigener Vater und ein verbrecherischer Haufen in der Republican Party immer rücksichtsloser agierten. Es zählte einzig der politische und letztlich monetäre Erfolg. Mit diesen Leuten ist kein Staat mehr zu machen. Aufhalten lassen sie sich aber auch nicht. (So sieht es zumindest derweil aus. Hallo, Trump ist Präsident …) Berman kehrte desillusioniert zurück an Schreib- und Zeichentisch und nach langer Abstinenz hängte er sich 2018 auch wieder die Gitarre um. Das Ergebnis war umwerfend. Dieses bestimmte und unbeirrbare Gefühl: »Hier läuft etwas komplett falsch« half ihm, die ganze verkrustete Scheiße aufzubrechen und in kluge Werke zu gießen.

It’s like Christmas in a submarine
Lauscht man seinen Machenschaften in der 1989 mit u. a. Stephen Malkmus (Pavement) gegründeten Band Silver Jews überrascht einen zuallererst die Wärme, die einem aus seiner Art zu erzählen, zu singen entgegenkommt und das Herz vor lauter Herzlichkeit fast zu sprengen droht. Die Wärme, die man verspürt, die eigentlich nur aus der Nähe entsteht, die einem der Musiker durch seine Offenheit ermöglicht. Wie auch viele andere dieser »charming loners« (Jackson C. Frank, Chris Bell, Nick Drake) war es ein entscheidender Teil von Bermans Persönlichkeit, sich dem Publikum (zumindest in seinen Texten) völlig zu öffnen, sich von der verletzlichsten (oder halt bereits verletzten) Seite zu zeigen, eine Intimität zu ermöglichen, die bei ihm im Besonderen noch durch eine Art Comic-haften Humor, also eine etwas überzeichnende Ausdrucksweise geprägt war, die ja nur jemand mit etwas Abstand zu sich selbst annehmen kann. Kennt man seine persönliche Geschichte nicht, nämlich die eines mit harten Drogen kämpfenden, immer wieder an der Welt scheiternden Menschen, so mögen einem die lässig gespielte Musik und die Sarkasmen vor allem aufmunternd erscheinen. Und das sind sie auch. In Zeilen wie »You can’t change the feeling / but you can change your feelings about the feeling / in a second or two« spricht zu einem ein guter Kumpel, der sich auskennt mit sich selbst, der etwas zu sagen hat, das hilft. Jemand, dessen Ratschläge man gerne annimmt, denn er weiß, wovon er spricht. Da spricht ein Optimismus aus ihm, daraus resultierend, dass die Welt doch ab und zu irgendwie rational anzugehen ist, auch die tiefsten Tiefs irgendwann ein Ende haben können.

Was vielleicht am Alltag scheitern mag, was zu unbestimmt blieb, wenn es darum ging, »jetzt endlich im Leben etwas anders zu machen« und die doch recht erfolgreiche Band Silver Jews aufzugeben, das wurde dann spät in seiner Karriere nochmals großartig. David Berman hat schließlich seine Rübe hingehalten, er hat wirklich versucht, etwas zu ändern, es hinzubiegen, bis irgendwann klar war, dass das alles viel zu mächtig ist. Die US-amerikanische Chamber of Commerce konnte er nicht ändern. Er hatte sich auf dem Weg zu dieser Einsicht viel politologisches Wissen angelesen und das undurchdringlich feingewebte Netz der Kapitalinteressen aus nächster Nähe begutachtet. Das Anprangern, dass die Konzernpropaganda die Demokratie untergräbt und die Lebensmöglichkeiten einer immer größeren Vielzahl von Menschen mindert, war in der Kunst zumindest möglich. Nur vollzog die politische Bewusstseinshöhe vereint mit seiner künstlerischen Reife eine Volte. Berman machte keine Agitprop, sondern schuf betont intime Werke. Fast nur Nahsicht, bei der auf Armeslänge plötzlich Schönheit greifbar wird. Und zugleich seltsam abgeschlossen bleibt. Es ist, als lernte er die angenehme Atmosphäre aus Klängen, Lichtern und Begegnungen genießen, zwischen den stählernen Wänden einer feindlichen und zerstörerischen Welt. So als würde man am Grunde des Ozeans mit guten Freund*innen eine Weihnachtsfeier in einem U-Boot abhalten. Klar, kann man sagen: Berman hat sich kaputt gemacht und konnte doch nichts ändern. Nur, ohne Leute wie ihn würden wir intellektuell und emotional komplett im Dunkel tappen. All the happiness is gone now. Möge es dir gut ergehen, zurück im Urzustand, im perfekten Zustand. Thanx.