Seit Jahrhunderten beobachten Menschen die Schwingungskommunikation bei Tieren. Die Vorstellung, dass Schwingungen Informationen übertragen können, entstand jedoch erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Der schwedische Entomologe Frej Ossiannilsson leistete 1949 mit seiner Forschungsarbeit »Insect Drummers, a Study on the Morphology and Function of the Sound-Producing Organ of Swedish Auchenorrhyncha« Pionierarbeit auf diesem Gebiet. Er vermutete, dass durch Pflanzen übertragene Schwingungen eine Rolle bei der Kommunikation von Insekten spielen. Seine Arbeiten, die diese Vermutung belegten, fanden bei seinen Zeitgenoss*innen jedoch keine Beachtung, da viele Zoolog*innen der Ansicht waren, dass derart kleine Tiere physikalisch nicht in der Lage seien, Informationen durch feste Substrate zu übertragen.Â
Hinter dem lateinischen Namen Auchenorrhyncha verbergen sich übrigens die wohlbekannten Zikaden, gut hörbar an heißen Sommerabenden und für den Menschen ungefährlich, für die Landwirtschaft aber sind die Pflanzensaftsauger ein Feindbild. Das Aufkommen zugänglicher Signalverarbeitungstechnologie vor einigen Jahrzehnten und die Arbeiten anderer Pioniere und Gruppen, wie beispielsweise des slowenischen Zoologen Matija Gogala, schufen schließlich die Grundlage für die sogenannte Biotremologie. Es handelt sich nach wie vor um eine relativ wenig erforschte Disziplin der Bioakustik, was zum Teil daran liegt, dass die meisten von Tieren erzeugten Signale für die menschlichen Sinne ohne zusätzliche Hilfsmittel nicht wahrnehmbar sind.Â
Das Festival Wien Modern schiebt auch heuer wieder urbane Hörgewohnheiten aus unserer Komfortzone und bringt uns ungeahnte (ökologische) Klangwelten »Im großen Ganzen« näher. Im Wiener Konzerthaus zum Beispiel erwartet uns von 30. Oktober bis 9. November 2026 jeweils ab 17:30 Uhr eine ungewöhnlich flirrende Combo: Bass, Schlagzeug und Insekten-Soundsamples formieren sich zu »Flight of the Bumblebee II. Installation für acht Lautsprecher« (2025) des Chuchchepati Orchestra. Der Bandleader des Chuchchepati Orchestra, Patrick Kessler, Kontrabassist, Komponist und Kurator, lebt in Gais, im Kanton Appenzell Ausserrhoden in der Schweiz und vertont die Schnittstellen von performativer Kunst und Improvisation, Installation und Komposition – oft ergänzt mit elektronischen Elementen, experimentell analogen Klangcollagen und visuellen Mitteln. skug hatte ein paar Fragen an den Insektenbeschwörer …
skug: Im November präsentierst du im Wiener Konzerthaus im Rahmen des Festivals Wien Modern ein Projekt mit dem Chuchchepati Orchestra mit dem Namen »Flight of the Bumblebee II«. Kannst du uns etwas zur Entstehung und zu den Besonderheiten dieser Zusammenarbeit mit dem Sound Artist Ludwig Berger erzählen?
Patrick Kessler: 2013 veröffentlichte ich eine 7″-Vinyl-Single mit komponierten Feldaufnahmen, die ich in einem Bienenhaus gemacht hatte. Mit diesen Aufnahmen realisierte ich 2014 auch eine Soundinstallation für die 100-Jahre-Jubiläumsausstellung des lokalen Imkervereins im Botanischen Garten St. Gallen. Gleichzeitig begann ich, diese Bienenaufnahmen auch mit meinem Duo Nomadton in Konzerten zu spielen; es entstand eine weitere Veröffentlichung, ebenfalls auf Vinyl. 2016 startete ich mit dem Chuchchepati Orchestra und hatte plötzlich die Möglichkeit, die Klänge im Raum zu bewegen. Daraus entwickelte sich später die Idee mit dem »Hummelflug II«. 2019 realisierte Ludwig Berger eine Installation bei meinem audiovisuellen Festival Klang Moor Schopfe in Gais. Dabei übertrug er die Klänge eines Bienenvolkes live in eine hölzerne Scheune. Das Publikum konnte so die Bienenhausklänge direkt und gefahrlos wahrnehmen. Ludwig erwähnte damals in einem Artist Talk das Feld der Biotremologie und spielte auch einige Aufnahmen ab. Ich hatte vorher noch nie von diesem Forschungsfeld gehört und war sehr angetan von diesen unerhörten Sounds. Ludwig sammelte weitere Aufnahmen, die Forschende aus der ganzen Welt zur Verfügung stellten. Nach einigen Experimenten starteten wir nach der Pandemie zusammen mit Julian Sartorius 2021 dann das Langzeitprojekt »Flight of the Bumblebee II« mit Takt 001.
Auf Nepali bedeutet Chuchchepati so viel wie Horizont, es ist auch der Name von einem Stadtteil der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. Der Ökophilosoph Timothy Morton fasst seine Gedanken über den Begriff des Horizonts im Buch »Being Ecological« so zusammen: »Wir hingegen sollten uns wieder der Idee zuwenden, dass ein Genre einen Erwartungshorizont darstellt, und uns ernstlich mit dem Element des Horizonts befassen. Von einem Horizont umschlossen zu sein, bedeutet, dass man sich an einem bestimmten Ort befindet. Man bezieht diese Baumreihe, jenen Bergzug, diese Wolken auf den eigenen Körper, auf seine Position. Wenn man sich so innerhalb eines Horizonts befindet, nimmt man einen bestimmten Standpunkt ein, und dies ist eine Metapher für eine bestimmte Haltung. Ideen entstehen zusammen mit Haltungen.« Dein immersives Interspecies-Album »Flight of the Bumblebee II« scheint neue Hörhorizonte zu erforschen. Hast du bereits Ideen für weitere akustische Grenzarbeiten? Bzw. welche unerwarteten oder ungewöhnlichen Entdeckungen hast du bei diesem Album, in dem du dich mit dem liminalen Bereich der Stridulation bzw. der Biotremologie künstlerisch auseinandergesetzt hast, gemacht?
»Flight of the Bumblebee II« ist ein Langzeitprojekt und bei Wien Modern spielen wir Takt 028 von 108 Takten. Die Insekten sind immer noch sehr inspirierend und bei jedem Konzert entdecke ich plötzlich wieder neue Sounds oder rhythmische Strukturen. Meine Wahrnehmung der Insekten hat sich im Laufe der Konzerte immer weiter geschärft, und was anfangs einfach ein interessantes Geräusch war, wird immer mehr zu einer Sprache mit Aussagekraft und auch Poesie. Ich freue mich auf die vielen weiteren Takte und die vertiefte Weiterentwicklung unserer Musik im Trio und im Chor der Insekten.
Das bewusste Lauschen und Hinhören auf Geräusche und Klänge, die nicht von Menschen oder Maschinen erzeugt wurden – von Tierlauten im urbanen Kontext bis hin zum Rauschen der Meereswellen – kann manchmal eine beruhigende Wirkung haben. Wie lässt sich das erklären?
Ich denke, das liegt am Fokus: Störende Geräusche stören ja nur, weil wir uns gerade mit etwas anderem beschäftigen wollen.
Das Album »Flight of the Bumblebee II« macht die Stimmen von faszinierenden Lebewesen und damit auch ihre Bedeutung und ihren Einfluss auf unser Ökosystem hörbar und erahnbar. Was kannst du von ihrer Kommunikationskunst lernen? Wie hat das deine Art des Musizierens oder Denkens beeinflusst?
In einer Wiese zum Beispiel findet sehr viel Kommunikation statt, ohne dass wir dies hören können. Die Gräser und Halme bilden ein großes Netz, das der Übertragung von Informationen dient. Der Spanier Juan José López vom Nationalen Institut für Biologie in Ljubljana hat unlängst bei mir in Gais eine kleine Moorwiese während einer ganzen Woche mit mehreren Laser-Doppler-Vibrometern aufgenommen und analysiert. Es war unglaublich, wie intensiv hier kommuniziert wird. Es gibt auch unzählige Aufnahmen, die Juan keinem bestimmten Insekt zuordnen konnte. Wir sind definitiv nicht allein auf diesem Planeten – wir sollten unsere Wahrnehmung wieder schärfen, und dies braucht Zeit und Ruhe. Doch unsere Gesellschaft scheint immer schneller zu werden. Das Chuchchepati Orchestra begegnet diesem Trend zur Beschleunigung mit der bisher langsamsten Interpretation des »Hummelflugs«. Der Weltrekord für die schnellste Interpretation dieses Instrumentalstücks liegt bei 53,82 Sekunden, was 13 Noten pro Sekunde entspricht. Als Serie konzipiert, wird pro Konzert nur ein Takt der Komposition interpretiert. Das sind 8 Noten in ca. 40 Minuten. Gleichzeitig laden wir das Publikum ein, in die Welt der Insekten einzutauchen, und geben so unseren oft übersehenen Mitbewohnern eine Stimme.
Ich fand sehr interessant, dass du die Chuchchepati-Orchestra-Konzerte von »Flight of the Bumblebee II« als körperlich äußerst anspruchsvoll beschreibst, da sie den vollen Einsatz des Körpers erfordern. Du vermutest, dass diese Intensität möglicherweise darauf zurückzuführen sei, dass auch die Insekten bei der sogenannten Stridulation mit ihren Körpern vibrieren, perkussive Klänge erzeugen und damit kommunizieren. Könntest du auf diesen Aspekt und deine Empfindungen bei Konzerten noch etwas näher eingehen?
Mein Grashalm ist der Kontrabass. Er überträgt meine Körperbewegungen und macht sie hörbar. Dies geschieht in meinem Fall über Schwingungen der Luft und manchmal via Stachel und Füße auch über die Masse des Bodens und der Wände – das wäre dann Biotremologie. Höre ich nun den Insekten mit ihren Sounds und komplexen Rhythmen zu und versuche, darauf zu reagieren und zu antworten, ist dies nur durch den Körper möglich. Es ist unglaublich spannend, was da geschieht. Beginnst du zu zählen und versuchst, zum Beispiel mit Auf- und Abstrich in Sechzehnteln in den Dialog zu treten, ist dies unmöglich. In meinem Fall versagen hier die gelernte Technik und auch die musiktheoretisch-intellektuelle Arbeitsweise. Eine Kommunikation ist nur durch Entspannung des Körpers und den natürlichen, unmittelbaren Fokus auf die Klangerzeugung an der Schnittstelle von Körper und Kontrabass möglich. Die Insekten sind dadurch sehr bereichernd für meine Musik. Es entstehen immer wieder völlig unerwartete und neue Klänge auf meinem Grashalm. Insekten können auch sehr lange Phrasen, Patterns und Sounds exakt im Loop wiederholen. Ich gerate dadurch oft in einen sehr meditativen Zustand.
»Flight of the Bumblebee II« zeigt Möglichkeiten auf, die musikalische Verbindungen zwischen Wissenschaft und Kunst zu vertiefen und das Bewusstsein für die faszinierende Welt der Insekten zu schärfen. Das Konzert erschließt der Wissenschaft der Biotremologie ein neues Publikum, während das Chuchchepati Orchestra gleichzeitig an ungewöhnlichen Orten wie beispielsweise in Gewächshäusern auftreten kann. Diese Verbindung eröffnet nicht nur neue Perspektiven für die Zuhörer*innen, sondern gibt auch deinen Musikprojekten die Möglichkeit, sich durch wissenschaftliche Erkenntnisse weiterzuentwickeln. Welche anderen Verbindungen zu wissenschaftlichen Bereichen (der Bioakustik) würden dich interessieren?
Ich hoffe, wir können das Langzeitprojekt »Flight of the Bumblebee II« tatsächlich bis zum letzten Takt spielen. Ich überlege mir musikalisch nie, was ich als Nächstes machen soll. Meist entstehen die Projekte ganz natürlich. So wie sich die Insekten über die Pflanzen vernetzen, strecke auch ich meine Fühler in alle Richtungen aus. Vielleicht wäre einmal interessant: der Sternenhimmel, Meteoriten und Sternenstaub … oder gestern hat mir jemand erzählt, dass Hämoglobin und Chlorophyll praktisch identisch sind … der menschliche Körper, die Pflanzen oder einfach etwas mit den fünf Elementen …
Link: https://www.wienmodern.at/2026-bio-chuchchepati-orchestra-de-9094Â











