Wer Catherine Ringer nur als die Stimme von Les Rita Mitsouko erinnert, erinnert sie zu »klein«. Denn Ringer war nie nur Sängerin. Vielleicht war sie überhaupt nie das, was man gewöhnlich unter einer Sängerin versteht. Sie war eine Erscheinung, eine Bühnenfigur, ein Körper in Bewegung, eine Stimme, die sich jeder gefälligen Form widersetzte. Sie konnte Schauspielerin sein und Tänzerin, Diseuse und Clown, Femme fatale und Pierrot, Intellektuelle und Provokateurin – manchmal all das innerhalb eines einzigen Liedes. Nicht weil sie verschiedene Rollen besonders virtuos beherrscht hätte, sondern weil sie die Vorstellung, man müsse sich für eine entscheiden, gar nicht erst akzeptierte.
Die Welt von Les Rita Mitsouko
Gemeinsam mit Fred Chichin schuf Catherine Ringer seit Ende der 1970er-/Anfang der 1980er-Jahre mit Les Rita Mitsouko ein musikalisches Universum, in dem die Dinge nicht sauber voneinander getrennt blieben. Rock traf auf Chanson, Punk auf Funk, New Wave auf Varieté, Dada auf Pop. Diese Elemente begegneten einander nicht höflich; sie stießen zusammen, rieben sich, erzeugten Energie und Funken. Les Rita Mitsouko waren keine Stilrichtung. Sie waren eine Zumutung an die Ordnung der Stile. Das Erotische durfte komisch sein und das Komische obszön. Das Obszöne konnte plötzlich zärtlich werden. Trauer durfte Lust enthalten, Intellekt Instinkt, Eleganz etwas Schmutziges. Das Französische durfte kosmopolitisch sein, das Theatralische radikal, das Populäre klug. Bei Catherine Ringer musste nichts auf seine vermeintlich angemessene Größe zurechtgestutzt werden. Alles durfte gleichzeitig existieren.
Und mittendrin diese Stimme. Eine Stimme, die niemals einfach nur schön sein wollte. Sie konnte schmeicheln und kratzen, lachen und klagen, verführen und beleidigen. Sie konnte kreischen, schnurren, hauchen, sich überschlagen – und im nächsten Moment eine eigentümliche französische Klarheit entwickeln, in der ein einziger Satz zugleich kokett und philosophisch klingen kann. Ihre Stimme hatte Körper. Sie hatte Witz. Sie hatte Intelligenz. Und vor allem hatte sie Widerstand. Catherine Ringer produzierte Schönheit nicht dadurch, dass sie sich ihr unterwarf, sondern indem sie sich ihr widersetzte. Das ist vielleicht ein entscheidender Unterschied. Denn Schönheit, wie sie im Pop häufig verstanden wird, ist eine Form der Einverständniserklärung: Sie soll gefallen, verführen, bestätigen. Ringers Schönheit war anders. Sie lag in der Irritation, in der Übertreibung, im Bruch, im Unberechenbaren. Sie machte aus der Abweichung eine ästhetische Methode.
Der Schmerz tanzt
Und dann kam »Marcia Baïla«. Ein Lied wie ein Fiebertraum: Farben, Rhythmen, Bewegung, Übermut. Und darunter der Tod. Das Stück entstand aus der Trauer um die argentinische Tänzerin Marcia Moretto, die 1981 an Krebs gestorben war. Ringer und Chichin machten daraus keinen feierlich erstarrten Trauergesang. Sie gaben dem Verlust Rhythmus und Farbe, ließen den Schmerz tanzen. Man könnte sagen: Ringer verweigerte selbst dem Tod die Würde der Langeweile. Das ist mehr als eine hübsche Pointe. Es berührt etwas Grundsätzliches an ihrer Kunst. Sie wusste, dass das Leben nicht ordentlich ist. Dass Trauer und Lust nebeneinander existieren können, dass das Lächerliche neben dem Tragischen steht und das Begehren nicht verschwindet, nur weil das Leben verletzlich ist. Ihre Kunst wollte diese Widersprüche nicht beruhigen. Sie wollte sie sichtbar, hörbar, körperlich machen.
Catherine Ringer sang nicht über das Leben. Sie brachte es auf die Bühne – mit all seiner Unordnung. Und das war wunderbar radikal. Nicht die Provokation um ihrer selbst willen, sondern die Weigerung, sich selbst auf eine einzige lesbare Figur reduzieren zu lassen. Eine Frau auf einer Bühne sollte, so lautet eine der ältesten kulturellen Zumutungen, möglichst eindeutig sein: schön oder komisch, begehrenswert oder intelligent, verletzlich oder souverän, jung oder unsichtbar. Ringer verweigerte dieses Entweder-oder. Sie war eine Frau, die sich nicht domestizieren ließ – weder vom Musikgeschäft noch von gesellschaftlichen Erwartungen, weder von der Vorstellung weiblicher Bühnenpräsenz noch von den Gesetzen des Alters. Ihre künstlerische Freiheit bestand nicht darin, alles tun zu können. Sie bestand darin, sich nicht vorschreiben zu lassen, was sie sein soll.
Widerspenstig und neugierig
Auch deshalb war Catherine Ringer nie die klassische Pop-Diva. Dafür war sie zu widerspenstig, zu neugierig, zu theatralisch und zu wenig daran interessiert, sich selbst zur Marke zu machen. Sie war Künstlerin in einem beinahe altmodischen Sinn: eine Frau, für die Gesang, Theater, Tanz, Sprache, Bild und Bewegung keine getrennten Disziplinen waren, sondern verschiedene Sprachen derselben Unruhe. Als Fred Chichin 2007 starb, hätte das Kapitel Les Rita Mitsouko enden können. Ringer machte weiter. Nicht indem sie die gemeinsame Vergangenheit konservierte, sondern indem sie sie beweglich hielt. Sie arbeitete solo, interpretierte, experimentierte, kehrte auf die Bühne zurück und bewahrte das gemeinsame Repertoire gerade dadurch vor jener Form von Nostalgie, die Kunst in ein Denkmal verwandelt.
Auch darin liegt etwas zutiefst Ringerisches: Sie blieb in Bewegung. Vielleicht ist Bewegung überhaupt das Gegenmittel zur Versteinerung. Zumal für eine Künstlerin, deren ganzes Werk von der Verweigerung eindeutiger Formen lebte. Ein Denkmal wäre das Gegenteil dessen, was sie verkörperte. Denn ein Denkmal steht fest. Catherine Ringer nicht. Sie wechselte die Tonlage, die Gestalt, die Perspektive. Sie konnte sich widersprechen, ohne sich zu verlieren. Sie konnte das Ernste ins Komische kippen und das Komische plötzlich erschreckend ernst werden lassen. Ihre Kunst war Theater ohne Vorhang, Literatur ohne Bibliothek, Körperpolitik ohne Manifest.
Was Catherine Ringer hinterlässt, ist nicht bloß ein Katalog großer Lieder. Es ist eine Haltung. Die Haltung, dass Pop intelligent sein darf, ohne seine Lust zu verlieren. Dass Kunst politisch sein kann, ohne zur Parole zu werden. Dass Erotik und Würde keine Gegensätze sind. Dass Trauer nicht zwangsläufig still sein muss. Dass eine Frau auf einer Bühne gleichzeitig komisch, wild, verletzlich, begehrenswert, radikal und souverän sein kann. Ringer hat aus ihrem Leben kein glatt poliertes Künstlerinnenbild gemacht. Sie ließ die Brüche sichtbar. Vielleicht konnte ihre Kunst gerade deshalb so unmittelbar werden. Sie musste nichts beweisen, indem sie widerspruchsfrei erschien. Catherine Ringer hat Freiheit nicht erklärt. Sie hat sie hörbar gemacht. Als Klang, als Körper, als Witz, als Poesie, als Übertreibung, als Widerspruch. Sie hat gezeigt, dass Kunst nicht immer darin besteht, eine Form zu perfektionieren. Manchmal besteht sie darin, die Form so lange zu verbiegen, bis sie wieder Luft bekommt. Catherine Ringer ist gegangen. Aber die Freiheit, die sie in ihre Stimme gelegt hat, bleibt. Ruhe und tanze!











