Im Metal gelten die 1980er als goldenes Zeitalter. Nachdem sich die Musikrichtung durch die New Wave of British Heavy Metal (NWOBHM) zunehmend von ihren Wurzeln im Hard- und Blues-Rock emanzipiert hatte, erschienen zahlreiche Langspiel-Klassiker, die fortan einen unhinterfragten Kanon bildeten: Prägende Alben von großen Namen wie Judas Priest, Accept, Iron Maiden, Saxon oder Metallica bildeten ein nachhaltiges Ideal von Stil und Sound und gelten bis heute als unverzichtbar. Als im nordrhein-westfälischen Dortmund das anfängliche Fanzine »Rock Hard« aus der Taufe gehoben wurde, konnten die jungen Männer hinter dem kleinen Medienprojekt an die Aufbruchsstimmung dieser Zeit anschließen. Das Magazin stand in puncto Image von Beginn an für Bodenhaftung. Auch als sich das Heft zunehmend professionalisierte, blieb die Botschaft nach außen: Hier schreiben echte Fans für andere echte Fans – mitunter direkt aus dem Tourbus, wo Redakteure mitfuhren, um urige Anekdoten festzuhalten.
Haltung und Wachstum
Ein Alleinstellungsmerkmal von »Rock Hard« war seine personell beständige Doppelspitze über fast drei Jahrzehnte hinweg: Holger Stratmann als Herausgeber, Götz Kühnemund als Chefredakteur. Metal-Fans lieben Kontinuität und klare Rollenbilder. Während Stratmann eher im Hintergrund agierte, wurde Kühnemund das charismatische Gesicht des Magazins: Musikalisch weitgehend den traditionellen Strömungen des Genres verpflichtet, stand sein Name für Haltung. Zur deutschsprachigen Metal-Folklore gehören beispielsweise Interviews, in denen Kühnemund gegenüber etablierten Größen konfrontativ wurde: Manowar, seine vormaligen Helden, kritisierte er in puncto Image versus Substanz; Slayer mussten sich kritische Fragen zu ihrer politischen Gesinnung gefallen lassen; die deutsche Band Running Wild wurde gar auf den vermuteten Gebrauch eines Drumcomputers abgeklopft – Prädikat: besonders heikel. Solche Kontroversen waren nicht an der Tagesordnung, aber sie trugen maßgeblich zum öffentlichen Bild von »Rock Hard« bei.
Im Lauf der Jahre wandelte »Rock Hard« sich inhaltlich kaum und bildete damit einen Gegenpol zum »Metal Hammer«, der als trendbewusst galt und von großen Verlagshäusern getragen wurde – über viele Jahre etwa von Axel Springer. »Rock Hard« hingegen blieb unabhängig und beschwor diesen Status auch auf der inhaltlichen Ebene: In den 1990ern begleitete das Magazin zum Beispiel die Crossover-Welle, die dem traditionellen Metal-Lager zusetzte, mit spürbarer Skepsis. Das Durchhaltevermögen wurde honoriert, als klassische Metal-Sounds wenig später durch Emporkömmlinge wie Hammerfall neuen Aufwind erfuhren. Unter Kühnemunds Führung war »Rock Hard« der wachsenden Festivalkultur dieser Jahre eng verbunden. Als das Wacken Open Air immer größer wurde, galt das zunächst nicht als Zeichen einer fortschreitenden Kommerzialisierung, sondern als blühender Hort der Gemeinschaft. Das Magazin konnte sogar ein eigenes mittelgroßes Festival etablieren. Als Marke expandierte »Rock Hard« zudem mit eigenständigen Ausgaben in Länder wie Frankreich und Griechenland.
Ursachenforschung in Krisenzeiten
Einige Jahre später bietet ein Statement von Herausgeber Stratmann, nun in seinen frühen 60ern, ein ernüchterndes Bild: In einer zweiteiligen Videobotschaft bittet er um finanzielle Unterstützung. Er zählt dabei mehrere Gründe auf, warum »Rock Hard« soeben in der Krise steckt: Erwähnt werden Pandemie, Digitalisierung, der Verlust von Werbekunden und die globale Dominanz der Tech-Konzerne – außerdem habe die Szene ein Nachwuchsproblem. Stratmanns Appell wird von manchen Leser*innen mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Kritisiert wird auf Online-Plattformen der Stil seines Auftritts, bei dem er den gesprochenen Text von einer Vorlage abliest. Zudem sei nicht klar genug, was mit den gewünschten Spenden genau passieren solle – Transparenz wird eingefordert. Dass der Aufruf zeitlich mit einer empfindlichen Reduktion des Heftumfangs zusammenfällt, wird als kommunikativ ungeschickt bewertet.
Auch selbst begeben sich die Leser*innen auf die Suche nach schlüssigen Erklärungen für die aktuelle Situation. Als Schicksalsmoment in der Laufbahn des Magazins wird die Trennung von Kühnemund identifiziert. »Rock Hard« und sein langjähriger Chefredakteur gingen 2014 »einvernehmlich« auseinander. Kühnemund gründete daraufhin das Magazin »Deaf Forever«, während »Rock Hard« seine redaktionelle Leitung mit zwei Autoren besetzte, die in den 1990ern zum Magazin gekommen waren – keine Neulinge also. Dennoch: Die Position des Chefredakteurs war untrennbar mit der Figur Kühnemund, dem meinungsstarken Szeneveteranen, verbunden. Entsprechend schwer hatten es die Nachfolger, ein eigenes Profil zu verkörpern. Als weitere Ursache der Krise steht die mutmaßlich kostspielige Entwicklung der »Rock Hard«-App im Raum. Die Anwendung gilt bei den einen als gelungen, bei anderen wiederum als entbehrlich: So, wie Heavy Metal die Nähe zu klassischen Tonträgerformaten pflegt, finden sich in den Diskussionen klare Bekenntnisse zum Papier als Medium für ein Musikmagazin. Einzelne Stimmen monieren überdies den Fokus auf Retro-Formate und den mangelnden Anschluss an aktuelle Themen im Heft. Ausgerechnet die zuletzt erschienene Ausgabe führt die altgedienten Anthrax auf dem Cover.
Wenn Magazin und Leserschaft für die gegenwärtige Lage einen Schuldigen suchen, folgen sie einem Muster, das in der Szene zu einem schlüssigen Storytelling dazugehört: Einschneidende Ereignisse werden im Heavy Metal über legendäre Momente und charismatische Persönlichkeiten erzählt. Das gilt vielleicht auch für den potenziellen Niedergang einer verdienten Zeitschrift. Diese Perspektive soll den Erkenntniswert der identifizierten Auslöser nicht schmälern. Die Übermacht der Tech-Konzerne ist eine reale Kraft, die nicht nur auf dem Markt der Printmagazine tagtäglich menschliche Arbeitskraft entwertet. Auch empfindliche Personalwechsel und mögliche Fehlentscheidungen können langfristige Folgen haben. Dennoch bleibt die Ursachenforschung seltsam unbefriedigend. Letztendlich bleibt es eine Frage der Sichtweise, ob man ein potenzielles Scheitern eher strukturellen oder individuellen Gründen zuordnet.
Verschiebung der Macht
Wenn Musikmagazine heute ums Überleben kämpfen und dabei unser Mitgefühl mobilisieren, werden sie mitunter als schützenswerte Relikte aus einer vermeintlich besseren Zeit dargestellt. Das ist nicht grundlegend falsch, unterschlägt aber einen zentralen Aspekt: Zu seinen Hochzeiten hatte »Rock Hard« nicht nur starke Meinungen, Witz und Zusammenhalt zu bieten – das Heft hatte zudem Autorität und Macht. Wer etwa zur »Arschbombe des Monats« gekürt wurde, konnte damit zum Gespött der Szene werden. Die deutsche Gothic-Rock-Band Samsas Traum erhielt die zweifelhafte Auszeichnung für mehrere Alben in Folge und lieferte sich einen Schlagabtausch mit dem Magazin. »Rock Hard« konnte über Karrieren sicherlich nicht im Alleingang entscheiden. Dennoch hatte die Redaktion eine erhebliche Mitsprache, wer innerhalb der Szene ernst genommen wurde und wer nicht.
Dieser Einfluss ist inzwischen merklich erodiert: Macht verteilt sich anders. Plattformen und Algorithmen sorgen dafür, dass die publizistische Autorität von Redakteur*innen heute nicht mehr selbstverständlich ist. Sie werden zu Musikhörer*innen »wie du und ich«. Du willst mir etwas über Musik erzählen? Gründe deinen eigenen Kanal – dann sehen wir, ob du den Anforderungen der Plattformökonomie gut genug entsprichst, um in meinen Feed gespült zu werden. Das sind vollkommen andere Voraussetzungen als die, unter denen Stratmann und Kühnemund zu prägenden Charakteren wurden. »Rock Hard« war in seinen Erfolgszeiten ein Medium, durch das die Szene sich selbst erkennen und über ihre eigenen Grenzen streiten konnte. Spenden und Kurskorrekturen können ein solches Magazin vielleicht am Leben halten. Den Beteiligten wäre das fraglos zu gönnen. Wohl kaum wiederherstellen lässt sich dagegen die mediale Ordnung, in der »Rock Hard« zugleich als Gatekeeper, Archiv und Treffpunkt auftreten konnte.











