© Elsa Okazaki, Fotohof
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Emanzipation des Körpers

Acht Jahre hautnah: Elsa Okazaki begleitet Florentina Holzingers Ensemble durch Schweiß, Schmerz und Ekstase. Ihr Bildband »Flo« übersetzt radikale Körperformen in eine kompromisslose Bildsprache. Ein visuelles Wunderwerk zwischen extremer Verletzlichkeit und absoluter Freiheit.

Von der Statik des Bildes zur Kinetik der Verausgabung: Wie fotografiert man eine Kunst, deren Wesen gerade in der rauschhaften, riskanten Bewegung und der rigorosen Zertrümmerung jeglicher Illusion liegt? Elsa Okazaki gibt mit ihrem in der Fotohof-Edition erschienenen Bildband »Flo« eine Antwort, die weit über das bloße Dokumentieren hinausgeht. Über einen Zeitraum von acht Jahren hinweg hat die franko-japanische Fotografin, DJ und Künstlerin die österreichische Choreografin Florentina Holzinger und ihr Ensemble begleitet – von frühen Schlüsselarbeiten wie »Tanz« über die visuelle Wucht von »Ophelia’s Got Talent« bis zu »Seaworld Venice«, Holzingers Intervention im österreichischen Pavillon der Biennale von Venedig. Sie ist dabei, wenn Körper auf Bühnen zu Bildern werden, zu Maschinen, zu Angriffsflächen. Aber sie ist auch dabei in den Momenten des Wartens, der Erschöpfung, der Konzentration. Das macht diesen Band so ganz und gar außergewöhnlich. Denn Holzinger und ihr Ensemble sind Künstler*innen, die sich der fotografischen »Aneignung« eigentlich widersetzen. Ihre Arbeiten sind Bewegung, Risiko, physische Anstrengung. Sie leben von der Spannung zwischen dem, was der Körper kann, und dem, was ihm zugemutet wird. »Radikale Ästhetik« nennt Natalie Brunner diese Praxis – und tatsächlich scheint gerade in dieser Radikalität eine besondere Form von Präzision zu liegen. 

Eigenständiges visuelles Monument

Das Ergebnis ist kein klassischer Bildband, keine Held*innengeschichte, sondern ein eigenständiges visuelles und essayistisches Monument – eine intime Anatomie des zeitgenössischen Performance-Theaters. Elsa Okazakis Zugang zu Florentina Holzingers Welten ist bemerkenswert: Einerseits zeichnet sich ihre Fotografie durch eine messerscharfe Geradlinigkeit und technologische Präzision aus, die sie aus ihren Jahren in der Film- und Werbebranche mitgebracht hat. Andererseits offenbaren ihre Bilder eine fast schon schmerzhafte Intimität und Nahbarkeit. Dass Okazaki selbst aus einer Tänzer*innenfamilie stammt, spürt man in jeder Faser dieser Arbeiten: Sie besitzt ein tiefes, somatisches Verständnis für den physischen Körper, seine Belastbarkeit, seine Ermüdung und seine Ekstase. Und sie zeigt uns Körper: starke, verletzliche, nackte, erschöpfte, exponierte. Körper, die stürzen, hängen, klettern, bluten, warten, lachen, rauchen, proben. Auf der Bühne werden sie zu Bildern von Extremen. Hinter der Bühne werden sie wieder zu Menschen. Elsa Okazaki macht ebendiesen Wechsel – zwischen dem Körper als künstlerischem Material und dem Körper als gelebter Existenz – präzise sichtbar. 

© Elsa Okazaki, Fotohof

Florentina Holzinger hat den Körper aus jener ästhetischen Komfortzone herausgerissen, in der wir ihn gerne betrachten. Der schöne Körper, der trainierte Körper, der weibliche Körper – all diese kulturell aufgeladenen Bilder werden in ihren Arbeiten torpediert. Ihre Körper sind keine stillen Objekte des Blicks, sie blicken zurück und fragen: Was wollt ihr? Schmerz? Gefahr? Spektakel? Schönheit? Sexualität? Oder vielleicht genau jene Mischung aus allem, die sich nicht mehr in die vertrauten Kategorien eines kunsthistorisch geschulten Blicks einordnen lässt? Darin liegt auch die politische Relevanz ihrer Arbeit. Holzinger verhandelt den Körper nicht abstrakt. Sie arbeitet mit realen Körpern, deren Verletzlichkeit, Geschichte, Geschlechtlichkeit, Alter und Grenzen. Ihr Theater ist damit immer auch Körperpolitik. Der Körper wird zum »politischen Interventionsfeld«, einem Ort, an dem sich gesellschaftliche Fragestellungen verdichten und an dem sichtbar wird, welche Normen Körper formen, disziplinieren und verfügbar machen. 

Wie weit kann ein Körper gehen?

Über Jahrhunderte wurde insbesondere der weibliche Körper idealisiert, moralisiert oder mit Bedeutung beladen: Mutter, Hure, Heilige, Ehefrau. Inna Shevchenko bringt das auf den Punkt, wenn sie schreibt: »Holzingers Körper verweigern die uralte Pflicht, die Frauen auferlegt wurde: ihre Existenz durch Bedeutung zu rechtfertigen.« Das Entscheidende daran ist: Diese Körper müssen nichts verkörpern, nichts repräsentieren, sie dürfen einfach existieren. Das Risiko ist bei Florentina Holzinger kein dekorativer Effekt und der Schmerz keine bloße Provokation. Beides gehört zu einer Praxis, die immer wieder fragt, wie weit ein Körper gehen kann – und wer eigentlich das Recht hat, diese Grenze zu definieren. Die Arbeiten in diesem Band sind intim, ohne privatistisch zu werden. Sie sind ästhetisch, ohne das Fotografierte zu glätten. Was hier über Jahre gesammelt wurde, sind keine abgeschlossenen Werke. Es sind Spuren. Schweiß. Konzentration. Übergänge. Zwischenräume. 

© Elsa Okazaki, Fotohof

»Flo« erzählt nicht einfach die Geschichte einer der aktuell bedeutendsten Performer*innen Europas. Der Band zeigt vielmehr: So sieht Arbeit aus. Und diese Arbeit ist körperlich, kollektiv, diszipliniert: Der Name Holzinger ist längst zu einer Chiffre geworden: für Grenzüberschreitung, Blut, Nacktheit, Akrobatik, Sexualität, Skandal. Für eine Kunst, die »regelmäßig im Fleischwolf der Medien landet« (Florentina Holzinger). Elsa Okazaki führt uns hinter diese Chiffre. Ihre Fotografien zeigen, dass hinter jeder Radikalität eine enorme Form von Präzision steht. Hinter jedem Bild der Exzesse unzählige Stunden der Wiederholung. Das Extreme ist nicht das Gegenteil von Disziplin, es ist ihre Konsequenz. Und während Florentina Holzinger die Grenzen des Körpers auslotet, untersucht Elsa Okazaki die Grenzen des Blicks. Man könnte hier auch an jene Fotografinnen denken, die den Körper nicht als distanziertes Motiv, sondern als Ort von Erfahrung, Verletzlichkeit und Selbstbehauptung begriffen haben. An Francesca Woodman, deren Körper in den Räumen ihrer Fotografien zu verschwinden scheinen. Oder an Nan Goldin, deren Kamera Teil eines Lebens und einer Gemeinschaft wurde, anstatt von außen auf sie zu blicken. 

Trash, Sakralität und Physis

Elsa Okazaki fängt alles ein: die Spannung zwischen dem Körper als Hochleistungsmaschine und als verletzliches biologisches Material. Den ständigen Dialog zwischen Hochkultur und Trash, zwischen mythologischer Aufladung (von Dante bis Shakespeare) und popkultureller Demontage. Dabei besitzt Okazaki eine großartige Fähigkeit zur Gleichzeitigkeit. Das Sakrale und das Profane existieren nebeneinander. Und damit beleuchtet »Flo« nicht nur die ästhetische Radikalität von Florentina Holzingers Arbeiten, sondern auch ihre politische und gesellschaftliche Relevanz. Denn in einer Zeit, in der Körper permanent optimiert, kontrolliert und vermarktet werden, insistiert Holzinger auf etwas fundamental anderem: auf dem Recht des Körpers, unberechenbar zu sein. Hässlich zu sein. Verletzlich. Nackt. Und trotzdem – oder gerade deshalb – handlungsfähig. Elsa Okazakis »Flo« ist ein fotografisches Meisterwerk über die Emanzipation des Körpers aus seinen traditionellen Fesseln. Ihre Bilder dokumentieren nicht einfach Florentina Holzingers Welt. Sie erweitern sie.

Elsa Okazaki: »Flo«, mit Texten von Natalie Brunner, Marlene Engel und Inna Shevchenko, Fotohof 2026, Softcover, 192 Seiten, € 35,00

Link: https://fotohof.at/shop/publikationen/flo/ 

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