Bildausschnitt Max Pechstein: »Die Unterhaltung«, 1920 © Privatbesitz, Pechstein – Hamburg/Berlin, Bildrecht, Wien 2026
Bildausschnitt Max Pechstein: »Die Unterhaltung«, 1920 © Privatbesitz, Pechstein – Hamburg/Berlin, Bildrecht, Wien 2026

Sehnsucht nach fernen Welten

In der Zeit, als das deutsche Kolonialreich seine größte Ausdehnung hatte, waren viele Künstler*innen von einer kolonialen Weltsicht geprägt. So auch Max Pechstein, der im Ersten Weltkrieg auf den Palauinseln interniert wurde. Eine Ausstellung seiner Werke ist im Lentos Kunstmuseum Linz zu sehen.

1911 besuchte Max Pechstein die Ausstellung des französischen Malers Paul Gauguin beim Berliner Galeristen Paul Cassirer. Diese Bilder beeindruckten ihn gewaltig. Denn viele Künstler*innen der Moderne suchten nach angeblicher Authentizität, nach »dem Ursprünglichen« – die flotte Industrialisierung, die riesigen Veränderungen ihres eigenen Umfeldes machten sie sozusagen fertig. Pechsteins Sehnsucht nach fernen, »natürlichen« Welten wurde von Gauguins Bildern geweckt. Bereits 1913 folgte dann seine erste große Ausstellung beim Galeristen Wolfgang Gurlitt, dem Cousin des wegen seines Engagements in der Nazizeit kürzlich in die Schlagzeilen geratenen Hildebrand Gurlitt. Im Lentos Kunstmuseum Linz bezieht sich die Ausstellung »Max Pechstein. Abenteuer Expressionismus« auch einige Male auf Wolfgang Gurlitt. Denn dieser gründete immerhin das Vorläufermuseum des Lentos, brachte seine Sammlung ein und leitete von 1947 bis 1956 sogar diese Neue Galerie Linz. Die Stadt Linz hatte im Jahr 1953 88 Gemälde und 33 Grafiken aus der Sammlung Gurlitt angekauft. Bisher konnten seit 1999 13 Gemälde vom Kunstmuseum restituiert werden.

Max Pechstein: »Selbstbildnis mit Pfeife«, um 1946 © Privatsammlung Hamburg, Pechstein – Hamburg/Berlin, Kunstsammlungen Zwickau Max-Pechstein-Museum, Foto: Christiane Koch, Fotografie & Film, Hamburg

Ort menschlicher Existenz

Wolfgang Gurlitt war es auch, der dem Ehepaar Pechstein die Reise und einen mehrjährigen Aufenthalt in der Südsee finanzieren wollte. Die beiden starteten mit den Palauinseln. Die pazifische Inselgruppe verfügt über eine 3.000 Jahre alte Seefahrergeschichte. Ab dem 16. Jahrhundert kolonialisiert, verkaufte Spanien die Palauinseln 1899 an das Deutsche Reich. Bedingt durch den Ersten Weltkrieg konnte Japan die deutsche Kolonie erobern. Nach nur vier Monaten auf den Inseln wurde das Ehepaar Pechstein von japanischen Truppen interniert. Wolfgang Gurlitt überwies Geld und ermöglichte ihnen so die Weiterreise nach New York und San Francisco. Außer der Südsee liebte Max Pechstein auch das ostpreußische Fischerdorf Nidden an der Kurischen Nehrung sehr, doch nach dessen Verwaltung durch den Völkerbund 1920 und der Eingliederung nach Litauen 1923 zog es ihn an die Ostseeküste nach Łeba, wo er im Strandhotel seiner Schwiegereltern lebte. Die Landschaft in Łeba erinnerte ihn an die Wanderdünen in Nidden. 250 Ölgemälde entstanden in der ab 1945 polnischen Kleinstadt, es war seine produktivste Zeit. Pechstein suchte nach eigenen Angaben »lebenslang als Wanderer einen Ort menschlicher Existenz«.

Max Pechstein: »Abend im Hafen von Łeba«, 1951 © Privatbesitz, Pechstein – Hamburg/Berlin, Kunstsammlungen Zwickau Max-Pechstein-Museum, Bildrecht, Wien 2026, Foto: Foto-Atelier Lorenz, Zschorlau

Beschlagnahmte Werke

1922 zerbricht das Verhältnis zu Gurlitt. Pechstein, dessen Werke nach dem Ersten Weltkrieg Verkaufsschlager waren, muss um kleine Summen betteln und fühlt sich von seinem Galeristen benachteiligt. Es gibt einen außergerichtlichen Vergleich, Pechstein erhält 180 Gemälde zurück. »Dann muss sich Pechstein selber um die geschäftlichen Angelegenheiten kümmern«, steht an der Wand. Im Zuge der Aktion »Entartete Kunst« werden von den Nazis rund 500 Werke von Pechstein beschlagnahmt. Notgedrungen wendet er sich wieder an seinen alten Förderer. Er benötigte eine Schadensmeldung für die Kunstwerke, die in Gurlitts Villa verbrannt waren und bei deren Verkauf der Händler die Hälfte des Erlöses hätte abgeben müssen. Wolfgang Gurlitt schickt ihm die Bestätigung, aber keinerlei Entschädigungszahlung. Cousin Hildebrand Gurlitt gründet nach den zwei Weltkriegen das Kunstsammlungen Zwickau Max-Pechstein-Museum. Von dort kam nun der Kern der Ausstellung, die für das Lentos adaptiert wurde.

Max Pechstein: »Einradfahrerinnen«, 1928 © Privatbesitz, Pechstein – Hamburg/Berlin, Kunstsammlungen Zwickau Max-Pechstein-Museum

Problematik des Kolonialismus

In einem in der Ausstellung gezeigten Film erklärt Lentos-Kuratorin Brigitte Reutner-Doneus, dass sich der Maler Max Pechstein der Problematik des Kolonialismus nicht bewusst war. Dies zeigen vor allem die Tagebücher des Ehepaars. Viele Künstler*innen der Moderne arbeiteten sich an ihrer Südsee-Sehnsucht ab. Sie verwendeten ihre Imaginationen von der Südsee als Mittel, um die rasanten Veränderungen der Moderne abzumildern. Die Sehnsucht nach »dem Reinen« und »den Ursprüngen« als Utopiemöglichkeit wurde auf nackte braune Körper in der Natur projiziert, so die Leiterin der Kunstvermittlung, Karin Schneider. Menschen würden systematisch abgewertet, exotisiert, aber auch idealisiert – eine Art von »Sub-Alternalisierung«. Es klinge freundlich, »mehr Natur als Kultur«, aber in Wahrheit ginge es um eine »Abwendung von der Industrialisierung, die als jüdisch konnotiert wurde«. »Wie gehen wir damit um, wenn wir Bilder der Expressionist*innen schön finden und gleichzeitig über koloniale Ausbeutung sprechen wollen?«, fragt die Ausstellung. Und: »Wie können wir uns losgelöst von diesen Fantasien, Aneignungen und Abwertungen mit der Kunst- und Kulturproduktion außerhalb Europas auseinandersetzen?«

Max Pechstein: Frauen am Ufer, 1953 © Privatbesitz, Pechstein – Hamburg/Berlin, Kunstsammlungen Zwickau Max-Pechstein-Museum, Foto: Foto-Atelier Lorenz, Zschorlau

Link: https://www.lentos.at/ausstellungen/max-pechstein

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