Im Jahr 1989 stand ich mit meinem Kumpel im Regen vor unserer Stammdisco. Statt der üblichen Indie-Rock-Runde hatte der DJ eine grauenhafte, synthetische Musik gespielt. »Das ist Acid House«, meinte mein Kumpel. »Das ist scheiße«, erklärte ich, »wo sind die Pixies, Bauhaus und The Clash?« Mein Kumpel erklärte mir, dass diese Musik total in sei und man schon bald nicht mehr daran vorbeikommen werde. »Das ist doch bescheuert, das hat weder Strophe noch Refrain und macht hauptsächlich ›Bumm‹, erwiderte ich. »Tja«, meinte mein Kumpel, »wenn du diese Musik nicht verstehst, dann bist du jetzt offiziell alt.« Das war das erste Mal, dass ich wegen meines Musikgeschmacks als »alt« bezeichnet worden bin. Ich war siebzehn. Irgendwie fühlte es sich an, als ob mein Kumpel mich verraten hätte. Das ist doch nicht unsere Musik, dachte ich.
Popmusik als Heimat
Vor ein paar Jahren habe ich eine Rezension über das damals neue Billie-Eilish-Album »Happier Than Ever« geschrieben. Und so leid es mir auch tat, ich fand überhaupt keinen Zugang zu den Songs. Es ging um Liebeskummer und Teenage Angst. Nicht, dass ich das alles schlecht gefunden hätte, das ist eins a gemachte Musik. Aber nicht meine. Und dann las ich einen Text von Jens Balzer über Billie Eilish. Ich finde Balzers Texte fantastisch und verschlinge seine Bücher über Pop oder Wokeness. Und auch sein Text über Eilish war klug und mit Tiefe geschrieben. Er feierte Eilish als »Frank Sinatra für die Generation Z« und erklärte: »Mit ihrem neuen Album schraubt sich US-Popsängerin Billie Eilish tief in unseren Kopf.« In meinen nicht, dachte ich. Als ich seinen Text las, hatte ich dasselbe Gefühl wie damals mit meinem Kumpel im Regen vor der Disco: Jens Balzer hat mich verraten. Er ist drei Jahre älter als ich, wir gehören zur selben Generation. Was versteht er bei Eilish besser als ich?
In meiner Rezension hatte ich versucht, eine Haltung zum Phänomen Billie Eilish zu gewinnen. Ich hatte das Gefühl, nicht der Adressat zu sein für diese Lieder über Weltschmerz und Liebeskummer. Aber dann fiel mir auf, dass ich trotz meines Alters immer noch Lieder über Weltschmerz und Liebeskummer anhöre. »No Reply« von den Beatles, »Boys Don’t Cry« von The Cure, »Say Hello, Wave Goodbye« von Soft Cell sind nur drei meiner ewigen Liebeslieder. Es musste also an etwas anderem liegen. Vielleicht, überlegte ich, liegt es daran, dass Eilish einfach nicht die kulturelle Gegenwart ist, die ich bewohne. Das mit dem »bewohnen« muss ich erklären. Ich liebe meinen Heimatort, in dem ich aufgewachsen bin, in dem ich zur Schule gegangen bin, in dem mein Elternhaus stand und mein Kinderzimmer. Ich kaufe mir Bücher zu seiner Geschichte und folge einer Facebook-Gruppe, in der alte Stadtbilder veröffentlicht werden. Für andere Menschen ist diese Stadt nichts Besonderes. Aber für mich ist jeder Quadratmeter mit meiner Lebensgeschichte verbunden. Ich mag auch den Ort, in dem ich jetzt seit zehn Jahren lebe. Aber das Gefühl ist nicht dasselbe. Ich mag meinen Heimatort also nicht, weil er objektiv betrachtet etwas besonders ist, sondern weil er meiner ist. Dort habe ich meinen Anfang genommen.
Wir »bewohnen« Popmusik
In den Sechziger-, Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahren funktionierte Musik für viele Jugendliche ähnlich wie eine »Heimatstadt«. Sie war mehr als bloße Unterhaltung: eine Szene, eine imaginäre Gemeinschaft von Fans. Man fühlte sich bestimmten Genres oder Szenen zugehörig, Musik wurde zum Distinktionsmerkmal. Wehe, jemand hörte die »falsche« Musik! Musik sagte einem, wer man war oder sein wollte. Sie wurde mit Leidenschaft gelebt und war integraler Bestandteil der Identität. Man traf sich, um Schallplatten oder Kassetten zu hören und anschließend darüber zu diskutieren. Man verfolgte fiebrig die Charts oder verachtete das »Chartfutter«, weil man selbst etwas hörte, das sonst kaum jemand kannte. Man ging kaum irgendwohin ohne eine Kassette mit »guter Musik«. Neue Musik entdeckte man im Radio, das damals noch genügend Nischen bot, in denen nicht nur »Chartfutter« lief. Mein Lieblingssender war DRS 3, wo auch Punk und Independent gespielt wurden. Musik war ein Identitäts- und Distinktionsmedium.
Die musikalische Sozialisation der Streaminggeneration funktioniert anders. Junge Menschen haben heute jede nur erdenkliche Musik sofort und ohne Wartezeit zur Verfügung. Sie stellen sich ihre Musik quer durch alle Jahrzehnte und Stile frei zusammen. Sie tun damit genau das, was wir früher verachtet haben: Sie hören »querbeet«. Vielleicht haben sie einen Song in einem Spiel kennengelernt (»Here Comes the Sun« von The Beatles), in einer Fernsehserie (»Running Up That Hill« von Kate Bush) oder in einer Dokumentation über einen Gangsta-Rapper (»In meinem Garten« von Reinhard Mey). Die Stile verschiedener Szenen wie Punk, Goth oder Rockabilly sind für viele eher Modeaccessoires als Haltung. Indie wiederum ist für sie vor allem ein Musikgenre und nicht mehr das Gefühl, mit unabhängiger Musik der Kulturindustrie etwas entgegensetzen zu können. Warum sollte man auch, man hat ja Social Media, um zu publizieren.
Trendförmige oder rhizomatische Algorithmennutzung
Bitte nicht falsch verstehen: Das alles ist nichts Schlechtes, sondern einfach ein völlig anderer, viel stärker individualisierter Zugriff auf Musik. Hits entstehen heute über TikTok oder YouTube – und wir »Erwachsenen« bekommen davon oft gar nichts mit. Auch die Karriere von Billie Eilish begann, wie bei so vielen Musiker*innen ihrer Generation, auf YouTube. Das ist die Welt, die Jugendliche heute bewohnen. Wenn ich sage, dass das nicht meine kulturelle Gegenwart ist, werte ich diese Welt nicht ab. Sie ist einfach nicht meine. Ich kann sie beobachten und analysieren, aber emotional erreicht sie mich nicht. Das muss sie auch nicht. Es ist die Welt der Menschen, die mit ihr aufgewachsen sind.
Der Spotify-Algorithmus hat auch meinen musikalischen Horizont deutlich erweitert. Ich kenne heute viel mehr Musik aus den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren und finde dadurch auch neue Bezüge zur Gegenwart. Das sind dann meistens Bands wie Grateful Cat aus Berlin, die wie direkt aus den Sechzigerjahren klingen, oder Bilderbuch aus Wien, die scheinbar gleichzeitig vom Geist der Beatles und dem Falcos geführt werden. Manchmal führt mich der Algorithmus auch überraschend in historische Tiefen weiter: von dem Beatles-Stück »Revolution 9« hin zu Stockhausen oder dem BBC Radiophonic Workshop. Die Erweiterung meines musikalischen Horizonts ist keine lineare Entwicklung, sondern eine Form historischer Resonanz, die mich entlang genealogischer Verbindungen und ästhetischer Stilstammbäume führt.
Das ist keine trendförmige Bewegung, sondern eher rhizomatisch gewachsen. Dabei entdecke ich neue Orte in meiner alten Heimat. Ich höre Musik also nicht mehr, um etwas Neues zu finden, sondern um meine Vergangenheit immer feiner zu kartieren. Und ich könnte mir vorstellen, dass es so oder so ähnlich vielen Menschen meiner Generation geht. Wir sind emotional rückgebunden an unsere musikalische Sozialisation. Und gerade deshalb frage ich mich, wie es kommt, dass Menschen mit einem klaren soziologischen oder kulturwissenschaftlichen Blick wie Jens Balzer glauben, dass sich Billie Eilish in meinem Kopf »festschraubt«? Tut sie nicht, denn es gibt keinen Anschluss für sie in meinem Kopf.
Jugendkultur als hegemoniales Modell
Der Historiker Bodo Mrozek beschreibt in seinem Buch »Jugend Pop Kultur«, wie ab 1966 die Jugendkultur hegemonial wurde. Das lag vor allem an der demografischen Stärke der Boomer, die als große Konsumgruppe erheblichen Einfluss auf Kultur und Industrie ausüben konnten. Jugend wurde zum Leitideal, während das Konzept des Erwachsenseins an normativer Kraft verlor. Ich glaube, dass damit in den letzten achtzig Jahren ein tragfähiges Verständnis von Erwachsensein langsam verschwunden ist. Allerdings liegt das nicht allein an der Jugendkultur. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch flexibilisierten Kapitalismus, digitale Ökonomie, Prekarisierung, die Auflösung traditioneller Lebensläufe und soziale Beschleunigung. Alter ist heute vor allem mit Attributen wie Unbeweglichkeit, Peinlichkeit, Privilegiertheit, Geschmacklosigkeit und historischer Schuld verbunden.
Ein Teil der heute zwischen sechzig und achtzig Jahre alten Boomer versucht, Jugendlichkeit zu imitieren, benutzt Jugendwörter wie »Cringe«, trägt aktuelle Jugendmode, färbt sich die Haare und bewertet neue Musik als »lit«. Hinzu kommen Eingriffe wie Botox oder Fettabsaugungen, um Alterung zu vermeiden. Das wirkt wie eine zeitgenössische Variante des Gecken aus Thomas Manns »Der Tod in Venedig«, der sich geschminkt und in jugendlicher Pose an die Jüngeren anpasst. Was früher lächerlich, fast schon gespenstisch erschien, gilt heute als normal. Ein anderer Teil der Boomer hält an der eigenen Jugend fest, trägt Frisuren der Siebziger- oder Achtzigerjahre, erklärt frühere Musik für authentischer und besser und sieht in jüngeren Generationen einen kulturellen Niedergang. Oft geht damit die Frage einher, warum bestimmte frühere Sprachgewohnheiten heute nicht mehr akzeptiert sind, verbunden mit einer Ablehnung von Wokeness. Sie wirken wie anachronistische Mumien, eingetrocknet bei der Verteidigung einer nostalgisch glorifizierten Vergangenheit. Auch nachfolgende Generationen orientieren sich an diesem Muster. Vierzigjährige Väter karren ihre Kinder im schwarzen BMW zu Aggro Berlin in die Kita, sagen »isch schwör« und sehen dabei aus wie Sido, Fler oder Bushido.
Das Erwachsenwerden verliert unter diesen Bedingungen für beide Seiten an Attraktivität. Vor der Hegemonie der Jugendkultur bedeutete Erwachsensein Eigenständigkeit, Besitz und Autorität. Alter war mit Würde und gesellschaftlicher Anerkennung verbunden, während Jugend Unfertigkeit und Abhängigkeit bedeutete. Entsprechend war das Erwachsenwerden ein erstrebenswertes Ziel. Zugleich war diese Ordnung von autoritären, misogynen und menschenfeindlichen Strukturen geprägt, deren Rückkehr nach 1968 und dem von den Boomern herbeigeführten kulturellen Bruch nicht wünschenswert ist. Heute tritt an ihre Stelle ein Regime aus Selbstoptimierung, Sichtbarkeitsdruck, Performanzzwang, Flexibilitätsanforderungen und der Angst vor Alter und Irrelevanz. Verloren geht dabei die Anerkennung von Erfahrung, Besonnenheit, Ambivalenzfähigkeit und die Bereitschaft, nicht permanent verfügbar oder präsent sein zu müssen. Vor allem aber verschwindet die Reflexion der eigenen Position als Erwachsener. Man ist nicht mehr affektiv für alles Neue zuständig.
Kulturelle Reife
Und jetzt zurück zu Jens Balzer und Billie Eilish. Die entscheidende Frage ist für mich inzwischen nicht mehr, ob Balzer Billie Eilish »verstanden« hat. Natürlich hat er das. Wahrscheinlich sogar besser als ich. Er kennt die Diskurse, die ästhetischen Referenzen, die Produktionsbedingungen und die kulturellen Codes. Er kann Billie Eilish analytisch präzise beschreiben und historisch einordnen. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Die Frage ist, von welchem Ort aus er spricht, wenn er schreibt, Billie Eilish schraube sich »in unseren Kopf«. Denn in meinen Kopf schraubt sie sich nicht. Ich glaube inzwischen, dass genau diese Differenz nicht ausgeklammert werden dürfte, sondern zum Gegenstand der Kritik selbst werden müsste. Denn ich gehöre nicht zur Generation Z. Ich bewohne nicht deren kulturelle Gegenwart. Billie Eilish schreibt ihre Musik nicht für mich. Die Gen Z schreibt ihre Musik nicht für mich. Das ist kein Mangel dieser Musik, sondern ihre Bedingung. Popmusik war immer auch ein Generationeninterface. Sie hat Zugehörigkeit, Resonanz und Gegenwartserfahrung organisiert. Wenn ich heute Billie Eilish höre, dann höre ich selbstverständlich, dass das gute Musik ist. Ich verstehe auch, worum es geht. Aber ich höre diese Musik nicht aus derselben affektiven Position wie ein sechzehnjähriges Mädchen oder ein zwanzigjähriger Student, deren emotionale Gegenwart sich gerade in diesen Songs ablagert.
Vielleicht liegt mein Unbehagen deshalb gar nicht an der konkreten Kritik, sondern an der Haltung dahinter. Menschen unseres Alters sind affektiv nicht mehr für alles Neue zuständig. Sie können es auch gar nicht sein. Natürlich können wir neue Musik verstehen, analysieren und historisch einordnen. Wir können sie mögen. Aber wir erleben Gegenwart nicht mehr mit derselben ästhetischen Nervosität wie Menschen, deren kulturelle Sozialisation sich gerade erst ausbildet. Wir denken nicht selbstverständlich in Kategorien wie »cringe«, »awkward«, »relatable«, »edgy« oder »weird«, die Heinz Drügh und Moritz Baßler als Signaturen gegenwärtiger Popästhetik beschreiben. Sobald ältere Kulturjournalist*innen beginnen, sich diese Sprache vollständig anzueignen, entsteht etwas Seltsames: eine Form kultureller Selbstverjüngung. Dann erscheint plötzlich die Figur des Gecken aus Thomas Manns »Tod in Venedig«: jener ältere Mann, der sich schminkt, seine Haare färbt und jugendlich kleidet, um eine Zugehörigkeit zu simulieren, die sich nicht mehr herstellen lässt. Nicht Distanz ist dann das Problem. Sondern ihre Verleugnung.
Biografische Resonanzräume
Und vielleicht liegt genau hier ein größeres kulturelles Problem. Die kulturelle Rolle des Erwachsenseins ist verschwunden, deshalb wird Distanz heute als Makel erlebt. Dabei müsste Kritik ihre Distanz nicht verstecken. Im Gegenteil. Vielleicht müsste sie gerade dort beginnen. Ich glaube, dass eine ehrliche Kritik aktueller Popmusik die eigene historische Situiertheit sichtbar machen müsste. Nicht als nostalgische Selbstbespiegelung (Etwas in dieser Art: »Das ist doch keine Musik mehr heute, früher hatten wir richtig gute, handgemachte Musik!«). Sondern als Voraussetzung eines ehrlichen Urteils. Also nicht: »Billie Eilish ist die Stimme unserer Zeit«, sondern: »Billie Eilish ist die Stimme einer Gegenwart, die ich beobachten kann, ohne vollständig zu ihr zu gehören.« Das wäre keine Schwäche der Kritik. Es wäre ihre erwachsene Form.
Vielleicht fühlte ich mich damals vor der Disco und später bei Jens Balzer nicht deshalb verraten, weil andere plötzlich die »falsche« Musik mochten. Sondern weil sie so taten, als müssten wir die Gegenwart weiterhin auf dieselbe Weise bewohnen wie in unserer Vergangenheit. Als gäbe es keine unterschiedlichen biografischen Resonanzräume und keine Verschiebung der Wahrnehmung der Zeit. Und vielleicht liegt gerade darin der Unterschied zwischen Jugend und Erwachsensein: Jugendliche müssen sich von ihrer Gegenwart erst lösen, Erwachsene lernen irgendwann, dass nicht mehr jede Gegenwart ihre eigene ist. Aber wenn »Erwachsensein« als »alt« gilt und »alt« als defizitär, dann findet man auch keinen altersgemäßen Standpunkt. Musikjournalismus sollte aber genau das tun. Er sollte den Standpunkt, von dem aus er urteilt, reflektieren. Denn Geschmacksurteile sind bekanntermaßen nie objektiv, sondern zeitlich in zwei Subjektivitätsachsen verankert: einerseits in der Gegenwart des Urteilenden und andererseits in seiner historischen Prägung. Wer schreibt, muss diesen Standort sichtbar machen. Ich denke, das wäre eine Form kultureller Reife: die eigene Distanz auszuhalten, statt sie zu überspielen.











