Tom Angelripper, Sodom, Rockavaria 2016 © pitpony.photography, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
Tom Angelripper, Sodom, Rockavaria 2016 © pitpony.photography, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Sodom: Made in Gelsenkirchen

Sodom machen keine »Meisterwerke« – sie machen Lärm. Wer das nicht als Mangel, sondern als eigentliche Stärke der deutschen Thrash-Metal-Band begreift, hat sofort mehr Spaß an ihrer Musik. Das gilt besonders für eine Neuauflage, die ein Stück der etwas anderen 1990er festhält.

Ein kalter Abend im März 2025: Hinter dem Spar beim Wiener Hauptbahnhof treffe ich den ehemaligen Sodom-Gitarristen Andy Brings – ein fröhlicher, schlanker Mann in seinen frühen Fünfzigern, der nicht zwingend nach Metal, aber eindeutig nach Subkultur und Musikgeschäft aussieht. Er signiert zwei CDs, die ich zu unserer kurzen Verabredung mitgebracht habe: die EP »Aber bitte mit Sahne« (1993), benannt nach einem Udo-Jürgens-Cover, und das Album »Get What You Deserve« (1994) – für manche eine Jugendsünde, für andere ein Stück musikalische Sozialisation. Wir sprechen über das derbe Cover-Artwork von »Get What You Deserve«, das damals hinter einem unauffälligen Schuber mit Bandfoto versteckt war. Ohne diese Tarnung hätte das Album wohl kaum seinen Weg in mein Jugendzimmer gefunden. Wie Brings einmal selbst sagte: Für die eine oder andere Modesünde waren Sodom immer schon zu haben. Das ist diplomatisch formuliert.

»No Bullshit« aus dem Ruhrgebiet

Seit ihrer Gründung im Jahr 1981 sind Sodom im Kern das Bandprojekt von Thomas Such alias Tom Angelripper. Die übrige Besetzung wurde über die Jahrzehnte regelmäßig ausgewechselt – ähnlich wie beim frühen Vorbild Motörhead. Was Sodom auszeichnet, ist die kantige »No Bullshit«-Mentalität, die viele mit dem bodenständigen Arbeitercharme des Ruhrgebiets verbinden – eine männliche Bier- und Kumpelkultur, die das öffentliche Bild der Band bis heute prägt. Metal mit »künstlerischer« Haltung? Hier nicht – stattdessen: knarziger Sound und herausgebellte Lyrics über Krieg und Abseitiges. Während Mille Petrozza von den benachbarten Kollegen Kreator heute beim Abendessen mit Schauspieler Lars Eidinger sitzt (für die Doku »Kreator – Hate & Hope« von Cordula Kablitz-Post) oder in der Arte-»Plattenkiste« über seine Lieblingsalben spricht, sammelt Tom Angelripper Postkarten seiner Heimatgemeinde Gelsenkirchen-Buer und geht in seiner Freizeit auf die Jagd.

Als »Aber bitte mit Sahne« pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 1993 erscheint, hat der damals erst 30-jährige Angelripper bereits eine bewegte Karriere hinter sich: als musikalischer (nicht ideologischer) Einfluss auf die norwegische Black-Metal-Szene sowie als international bis nach Japan tourender Musiker. Einer der Personalwechsel dieser Jahre verändert die Identität der Band nachhaltig: Bereits 1992 wird der langjährige Schlagzeuger und Co-Songwriter Chris »Witchhunter« Dudek entlassen. Es ist sein letzter Einsatz in einer größeren Band, 2008 verstirbt er im Alter von nur 42 Jahren. Bis heute ist das Kapitel ein wunder Punkt in der Bandgeschichte. Auf der »Sahne«-EP sitzt als Nachfolger erstmals der junge Guido Richter am Schlagzeug. Einige Fans sehen in ihm den deutschen Dave Lombardo (Slayer), als Anspielung auf sein rasendes, immer etwas wahnsinniges Spiel – Bühnenname: »Atomic Steif«.

Räudig und rudimentär

Andy Brings verzichtet während seiner Zeit in der Band auf ein ähnlich »klangvolles« Pseudonym. Er stößt kurz vor dem Schulabschluss zur Band und prägt bereits »Tapping the Vein« (1992) mit jugendlicher Energie und markanten Riffs – ein Album, das Sodom positive Resonanz und eine Titelstory im »Metal Hammer« einbringt. Daraufhin hat Brings offenbar freie Hand, seine Einflüsse zu vertiefen. Die stammen wesentlich aus dem Punk. Grundsätzlich kein Problem: Viele Musiker der ersten Thrash-Generation sind von Bands wie D.R.I. oder sogar von den zugänglichen Bad Religion inspiriert. Bei Brings prägt der Einfluss allerdings nicht nur Tempo und Energie, sondern den gesamten Bandsound, der entsprechend reduziert wird: Live-Ästhetik, kaum hörbare Overdubs. Eigentlich entwickelt sich Thrash Metal zu dieser Zeit ganz anders: Bands wie Sepultura und Pantera machen den Sound massiver und grooviger. Sodom machen ihn räudig und rudimentär.

Dass dieser Ansatz originell ist, geht in der Veröffentlichungsflut der mittleren 1990er etwas unter. Von einem Flop kann dennoch keine Rede sein. Der Novelty-Effekt von »Aber bitte mit Sahne« bringt Sodom sogar zu Stefan Raab ins VIVA-Studio. »Get What You Deserve« dient mit seiner rohen Produktion wiederum als »harte« Visitenkarte für kommende Live-Shows. Eine weitere Titelgeschichte gibt es trotzdem nicht – es ist »just another Sodom record«. Heute erscheint die Musik dieser Phase in einer aufwändig zusammengestellten Box neu. Mit drei Jahrzehnten Abstand fällt es vielen leichter, den Witz des Materials zu erkennen. Das ist auch eine Frage der Perspektive: Damals stand zumeist der krude Klamauk von »Die stumme Ursel« im Mittelpunkt, der inzwischen merklich Staub angesetzt hat. Heute konzentriert man sich lieber auf Songs wie »Gomorrah«, die durch den Punk-Faktor so gnadenlos aggressiv klingen, dass sie wie liebevolle Thrash-Karikaturen wirken. Brings betont zuletzt, dass er mit Atomic Steif, im Jahr 2025 verstorben, nie freundschaftlich verbunden gewesen sei: »Ich glaube, er fand mich immer doof.« Im Zusammenspiel sind die beiden jedoch als geschlossene Einheit zu hören – eine Grundvoraussetzung dafür, dass der reduzierte Sound dieser Phase funktioniert.

Immer etwas abseits

Brings tritt zu seiner Zeit als Gitarrist mit klarer Klangidee in Erscheinung – für eine Band wie Sodom, in der es zentral um Haltung geht, eigentlich eine hervorragende Zukunftsinvestition. Dennoch trennen sich schon nach der Tour zu »Get What You Deserve« die Wege. Passte Brings doch nicht in das rustikale Bild von Sodom? War er auf der Bühne zu sehr »Grunge und Tennissocken«, zu wenig »Leder und Patronengurt«? In späteren Interviews spricht er jedenfalls offen darüber, wie hart der plötzliche Verlust von Anstellung und Bühne für ihn war. Einige Jahre vergehen, dann kommt es zur erneuten Annäherung. Zunächst ist Brings als Ko-Produzent für Sodom tätig und taucht bei Jubiläums- und Überraschungsauftritten auf. Heute vermarktet das Duo die Neuauflagen seiner gemeinsamen Schaffensperiode mit trockenem Humor – wie ein Buddy-Film im Format von YouTube-Interviews, made in Gelsenkirchen.

Nach dem Verkaufserfolg der Box zu »Tapping the Vein« knackt der neueste Re-Release zuletzt die Top 10 nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich. Beide Alben werden in der Rückschau intensiver diskutiert als in den 1990ern. Das Duo lässt im aktuellen Promo-Zyklus zu »Get What You Deserve« nichts anbrennen und vermarktet die Phase der Band mit charmanten Übertreibungen. Dass Brings das Material eigenhändig einem Remix unterziehen durfte, zeigt das Vertrauen, das er in Angelrippers mittelständischem Bandbetrieb genießt. In der ruppigen Sodom-Sprache trägt das Ergebnis den Titel »Blitzkrieg Remix« – nicht nur gewohnt militärisch, sondern zudem mit einem Augenzwinkern in Richtung Ramones (»Blitzkrieg Bop«). Dauergäste im Feuilleton dürften Sodom auch durch diese Neuauflage nicht werden. Sie stehen immer etwas abseits. Aber dort stehen sie gut und aufrecht – am besten mit diesem spröden Songmaterial. Die harte Währung von Sodom ist nicht der Meilenstein, sondern das konsequente Lärmen jenseits des guten Geschmacks.

Home / Musik / Artikel

Text
Kai Ginkel

Veröffentlichung
01.07.2026

Schlagwörter

favicon

Unterstütze uns mit deiner Spende

skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an den Empfänger: Verein zur Förderung von Subkultur, Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria. Vielen Dank!

Ähnliche Beiträge

Nach oben scrollen