Wenn man heute über »woke« oder »wokeness« schreibt, kommt man nicht umhin, von der paranoiden Verzerrung dieses Begriffes seitens der neu-rechten Bewegungen auszugehen. Wokeness ist heute fast ausschließlich ein Kampfbegriff einer klug operierenden, international vernetzten Rechten, die sich von einer angeblich vom »woke mind virus« befallenen globalen und urbanen Elite abgrenzt. Hierbei werden tiefsitzende Ängste und Ressentiments gegen andere Hautfarben, Geschlechtsauffassungen oder sexuelle Orientierungen mobilisiert und affektiv klug verwoben mit den Frustrationen eines großen Bevölkerungssegments gegenüber der neoliberalen Aushöhlung des Sozialstaates, welche immer mehr, einst sozial abgesicherte, Menschen vor ökonomische und soziale Abstiegsängste stellt.
Begriffsursprung und Kritik
Der Begriff »woke« nimmt seinen Ursprung in den 1930er-Jahren aus der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und wurde in den 2010er-Jahren durch die Black-Lives-Matter-Bewegung allgemein bekannt. In diesen Sphären bezeichnete »wokeness« einen – zumeist selbst zugeschriebenen – Zustand der »Wachheit« oder »Aufmerksamkeit« gegenüber Strukturen rassistischer, aber auch sexistischer und sozialer Diskriminierung, welche durch Social Media breit, aber oberflächlich ventiliert wurde. Als ein solcher medialer Hashtag-Begriff trug er sicherlich zur Politisierung einer neuen Generation bei, wobei deren Kritik, dem Medium und Alter geschuldet, großteils oberflächlich blieb.
Leider führte diese Oberflächlichkeit zu einem Kulturkampf gegen diesen Begriff, der – neben der rechten Paranoia – auch von vielen Linken älterer Generation geführt wurde. Titel wie »Woke ≠ Links« (Susan Neiman) oder »After Woke« (Jens Balzer) meldeten die nicht unrichtige Kritik an, dass ein solcher Lifestyle-Begriff selten zu einer tiefergehenden Kritik der ökonomischen und kulturellen Strukturen führt, die Rassismus, Sexismus und Trans- und Homophobie erst politisch aufkommen lassen. Entgegen eines – zumeist sehr klassisch marxistisch ausgelegten – Szenarios des Überkommens des als Wurzel des Übels identifizierten kapitalistischen Systems wird so der »woken« Linken vorgeworfen, »pink capitalism«, der sich mit diversifizierenden Quotenregeln und queeren und POC-Inhalten oberflächlich reinwäscht, zu unterstützen und ihm argumentatives Kanonenfutter zu geben.
Auch wenn dies gegenüber einem nicht kleinen Teil des Social-Media-Hypes um den Begriff »woke« wohl zutrifft (Social Media ist letztlich nur die neueste Verwertungsmaschine von progressiven Inhalten in Kapitalströme), werden von solchen »alt-linken« Kritiken oft auch weitaus seriösere, »minoritär-linke« Politikprojekte wie u. a. queer-feministische, dekoloniale oder pro-refugee Bewegungen in denselben, pauschal abgelehnten Topf geworfen. So gelang es einer älteren Generation von Linken, sich argumentativ gegenüber neueren (minoritäreren, diverseren und queereren) Emanzipationsprojekten abzusichern, welche ansonsten gefordert hätten, die eigene (zuallermeist weiße und privilegierte) Subjektposition zu hinterfragen.
Neo-faschistische Vereinnahmung
Fatalerweise haben viele dieser linken Kritiker*innen der alten Schule bis heute nicht wahrgenommen, dass ihre undifferenzierte, wenn auch nicht immer gänzlich falsche Kritik an »wokeness« eher den Rechten in die Hände spielt als zu einer Vereinigung der Linken zu führen. Spätestens seit der Covid-Pandemie ist »wokeness« zu einem immer undifferenzierteren, oben angesprochenen Kampfbegriff der Absetzung für ein immens an Macht gewinnendes neo-faschistisches Projekt geworden. »Woke« sind seitdem immer die anderen, egal ob es sich um Impf-Befürworter*innen, Gewerkschafter*innen, Feminist*innen oder Aktivist*innen handelt. Die dieser Abgrenzung inhärente Logik der rechten Paranoia hat mittlerweile den Begriff der »wokeness« auf Sphären ausgedehnt, die weit in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft reichen und Akteur*innen inkludiert, welche selbst nie auf die Idee gekommen wären, sich als »woke« zu bezeichnen. Heute werden selbst öffentlich-rechtliche Medien, die Verfassung wahrende Gerichte oder gar Polizeigewerkschaften von rechts als »woke« diffamiert – alles, was sich der rechten Demontage freiheitlicher Werte in den Weg stellt, wird in den Topf der dümmlichen »wokeness« geworfen.
Hierin liegt neben einer offenen Zurschaustellung der Psychodynamik rechter Paranoia auch eine Blaupause für deren Überkommen versteckt. Tatsächlich zeichnet uns heute die rechte Bewegung in ihrem bis dato vielfach gewonnenen Kulturkampf ex negativo an, wie ein neues Bündnis aussehen muss, welches sie besiegen könnte. Die »woke Elite« existiert bis heute nur in den Köpfen von rechten Demagog*innen und ihren Wähler*innen. Doch dies könnte sich ändern: Tatsächlich wäre ein Bündnis zwischen so diversen, als »woke« bezeichneten Akteur*innen die beste Waffe im Kampf gegen der Rechtsruck, der diesem auch ein Bild einer besseren, diverseren Gesellschaft vorsetzt. Wie es der französische Autor Pierre Tevanian fordert: »Soyons woke!« – »Lasst uns woke sein!« Demnach mag der »Wokeismus« als homogene, mächtige und organisierte Strömung noch nicht existieren. Aber das heißt nicht, dass dem so bleiben muss. »Wenn es den Wokeismus nicht gibt, dann muss man ihn erfinden!«
Anti-Anti-Wokeness als Chance
In diesem Sinne macht es vielleicht abschließend Spaß, auf die Ursprünge der rechten Anti-Woke-Bewegung zu blicken: Während der Covid-Pandemie wurde »Anti-Wokeness« als Statement gegen die hegemoniale Covid-Politik groß. Viele Menschen zeigten sich demonstrativ unerschrocken vorm Coronavirus und gingen als Rebellion gegen die »woke Elite« ohne Maske und Impfung in die Öffentlichkeit. Es ist kurios, dass ein Großteil dieser Schnittmenge der Gesellschaft heute in scheinbarer Panik gegenüber dem »woke mind virus« lebt, welcher ihre Kinder, ihr Volk und ihre demokratischen Institutionen befällt. In diesem Sinne könnte eine Aufgabe einer neuen Linken sein, zum »super spreader event« für den »woke mind virus« zu werden. Was könnten Ereignisse, Angebote und Politiken sein, die auch den verschreckten und verhetzten Wähler*innen rechter Parteien wieder den Mut geben, die real existierende Luft da draußen einzuatmen? Denn diese Luft ist ziemlich dick und wir brauchen dringend ein breites und affektives Bündnis für radikale Strukturreformen, um noch eine Zukunft auf diesem Planeten zu haben.
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