Violine, Fender Rhodes und ein Moog-Synthesizer – das sind die Instrumente, die überwiegend auf »Patterns Lost to Air« zu hören sind. Die ruhigen Kompositionen transportieren eine ambivalente Gefühlslage, die zwischen Melancholie und stiller Hoffnung zu changieren scheint, Emotionen, die – um ein Bild zu bemühen – vielleicht nach durchwachter Nacht im Angesicht der aufgehenden Sonne präsent sind: Die Erinnerung an das weichende Dunkel ist noch frisch, die Wahrnehmung des aufkommenden Lichts verspricht jedoch Linderung für die schlaflose Seele. Dieser fragile Zustand, den die Musik auszeichnet, ist einerseits sehr persönlich grundiert und für Marielle Jakobson Ausdruck des Umgangs mit den Auswirkungen ihrer Long-Covid-Erkrankung und den damit verbundenen Veränderungen, so legt es der Begleittext zum Album nahe. Andererseits spiegelt sich in dieser sehr individuellen Erfahrung und dem (künstlerischen) Versuch ihrer Bewältigung etwas Allgemeines, das sich unmittelbar mitteilt. Die Sanftheit und Vorsicht, die den Kompositionen innewohnt, die tastend-suchende Geste ist allen Menschen nicht fremd, die durch Krisen hindurchgehen oder gegangen sind. Wie geht’s weiter? Die Frage, die sich stellt. Die Musik kann helfen. Zu kurz gedacht, provoziert dieser Gedanke schnell Kritik aus den Reihen aller aufgeklärten Geister, die sich von musikalischer New-Age-Quacksalberei nicht vordergründig beruhigen oder gar heilen lassen wollen. (Auch Marielle Jakobson wird zur Behandlung nicht nur musikalische Instrumente in Anspruch genommen haben.) Angesichts hinreichend vorhandener schlechter Vorbilder, die mit Klangschalen und anderem Gebimmel aus der Vergangenheit herüberwehen, und der in Zukunft vermehrt drohenden digitalen Dudelei (KI-Muzak) ist Skepsis gegenüber meditativen Klangflächen und ihren vermeintlichen Wirkungsweisen durchaus angebracht – aber im vorliegend Fall fehl am Platz. Denn ich behaupte und bilde mir nicht nur ein, dass ich hören kann, wie Marielle Jakobson auf »Patterns Lost to Air« in dem Bestreben, sich selbst (wieder) zu finden, etwas mitteilt, das auch andere inspirieren kann, mit Herausforderungen und Veränderungen umgehen zu lernen. Dass »alles fließt«, heißt eben nicht, dass alles den Bach runtergehen muss. Das mag herausfordernd sein und wie man klarkommt, ist natürlich auch von den vorhandenen Ressourcen abhängig – aber anstrengend ist es so oder so. Dies gilt für Fragen der persönlichen Lebensführung und damit einhergehende Zumutungen und Widerfahrnisse ebenso wie für die ästhetische Praxis. Es klang ja schon an: Serviert mir nicht jeder Algorithmus auf Nachfrage hin stundenlang entspannende Klänge? Wo ist da noch ein Unterschied und ist es überhaupt wichtig, dass es einen gibt bzw. einer behauptet wird? Ja, ist es. Es wird in Zukunft immer schwerer (und vielleicht irgendwann unmöglich) werden, das eine vom anderen zu unterscheiden, aber im Sinne des Erhalts und der zukünftigen Kultivierung menschlicher Erfahrung und gegenseitiger Aufmerksamkeit kommt dieser Frage schon jetzt und in Zukunft noch mehr Bedeutung zu. Es gibt gegenwärtig bereits die Möglichkeit, einen Chat-Bot als Therapeuten wahrzunehmen, die Antiquiertheit des Menschen zeigt sich jeden Tag deutlicher und die zukünftige historische Subjektivität wird den – auch über Kunst vermittelten – zwischenmenschlichen Austausch vielleicht gar nicht mehr vermissen. Mag schon sein, dass der digitale Dialog mit dem Chat-Bot hier und da hilft – schön und gut. Aber ich hätte gerne auch in Zukunft wenigstens die Wahl und entsprechend sensibilisiert (und alarmiert) und meinetwegen auch als »old man yelling at cloud« karikiert möchte ich weiterhin dafür eintreten, den menschlichen Ausdruck nicht permanent und weiterhin so zu entwerten, wie es täglich und zunehmend der Fall ist. Dass ich an dieser Stelle der gewissermaßen natürlichen Veränderung das Wort rede und gleichzeitig wegen der Neuerungen durch KI zetere, ist nur vordergründig ein Widerspruch, denn meine Frage ist nicht ob, sondern wie Veränderung kommt und bewältigt werden kann. Die Implementierung von künstlicher Intelligenz in alle Lebensbereiche ist vor allem und zunächst einmal ein hegemoniales Projekt, eine machtvolle Strategie zur fortgesetzten und technologisch raffinierten Unterjochung, Entmündigung und Umverteilung. Und wie immer gilt: Alle ablehnenden und kritisch gemeinte Gesten entheben einen nicht gleich der Gesamtscheiße. Auch Marielle Jakobson trainiert, wie man so sagt, mit »Patterns Lost to Air« die künstliche Intelligenz, die Platte wird entsprechend ausgewertet und als Datensatz zur Optimierung von entsprechenden artifiziellen ästhetischen Angeboten nutzbar gemacht. Welchen Nutzen hat das für Marielle Jakobson? Geht und kauft euch die Platte oder CD, da hat sie (hoffentlich) mehr davon. Für euch lohnt es sich auf jeden Fall.
Marielle Jakobson
»Patterns Lost to Air«
Thrill Jockey
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