Der US-Amerikaner Frank Hurricane ist in Europa wenig bekannt. In seiner Heimat kann er immerhin eine Emmy-Nominierung für sich verbuchen. Eine Kurzdokumentation über sein Leben als Wandervogel und Musiker fängt kurzweilig und eindrucksvoll ein, wie er tickt, der Frank. Ob noch ganz richtig, ist dann die falsche Frage – umgekehrt wird ein Schuh draus: Die ansteckende Lebenslust des auf den ersten Blick vielleicht wundersam anmutenden Typen teilt sich sofort mit und wirft umgehend die zivilisationsmüde Frage auf, warum wir es ihm nicht alle gleichtun und singend durch die Appalachen wandern? Mal sehen, was der Tag so bringt … Den weniger Abenteuerlustigen unter uns bleibt immerhin die Musik als Gelegenheit zur Flucht nach Feierabend. Jetzt, was ist das für eine Musik? Formal betrachtet ist Frank Hurricane im Genre der Singer-Songwriter unterwegs, seinem ausdrucksstarken Vortrag wird diese schnöde Bezeichnung zwar nicht annähernd gerecht, Cosmic-Americana-Country-Folk-Blues-Psychedelic-Music ist aber zu umständlich. Aus allen möglichen Schubladen bedient sich Hurricane stilsicher, musikalische Vorbilder klingen immer wieder an, ohne kopiert zu werden. Wenn die Lapsteel-Guitar sich ins Klangbild schleicht, so wähnt man sich in der Scheune mit Neil Young zu den Aufnahmen von »Harvest«, ikonische Schräglinge und Außenseiter wie Skip Spence, Roky Erickson oder der jüngst verstorbene Michael Hurley geraten einem ebenfalls in den Sinn und die akustische Gitarre erinnert an die Tradition des American Primitive. Manchmal rappt Hurricane aber auch ein paar Zeilen, warum auch nicht! Souverän navigiert er durch die reichhaltige musikalische Vergangenheit seiner Heimat, holt sie in seinen frischen, gegenwartsbezogenen Sound herein und erzählt in eingängigen Liedern von seinen Abenteuern. »Authentizität« ist eine popkulturell heikle Vokabel, weil sie für gewöhnlich mit klebrigem Selbstausdruck und peinlicher Nabelschau identifiziert und mit künstlerischer Faulheit bzw. mangelnder Distanz und Selbstreflexion in Verbindung gebracht wird. Der billige Verkaufstrick, die sich anwanzende Geste »Komm, ich erzähl dir, wie es mir geht und du dich auch bestimmt fühlst« wird nicht zu Unrecht skeptisch beäugt, aber: Sämtliche Popkultur lebt ebenso von der Identifikation mit dem Anderen, die als abweichendes Verhalten, sexuelle Verführung, außerirdische und quasi heilige Erscheinung die eigene bescheidene Existenz in Frage stellt und so ein nicht erfülltes Begehren verkörpert und adressiert. Und diese Performance muss schon stimmig und in diesem Sinne authentisch sein, sonst zieht sie nämlich nicht. Hier zeigt sich die Meisterschaft von Frank Hurricane. Vortrag und Präsenz des schrägen Vogels, auf den Höhen der Blue Ridge Mountains und in schummrigen Clubs zuhause, überzeugen sofort. Die existentielle Neugier, Zuversicht und Freude, die sich in seinen Liedern mitteilt, stecken an. Ob in Davie County, North Carolina oder Dinslaken am Niederrhein: Die Sonne scheint heller, die Wiesen grünen satter, die Luft erfrischt frischer und alles schmeckt besser, wenn man sich »Southern Shrymp (In the Big City)« anhört und den Gedanken daran nicht versagt, dass das Leben auch schön sein darf. Angesichts der herrschenden globalen Untergangsszenarien nicht das schlechteste Angebot zur – wenigstens zeitweisen – Unterbrechung des Katastrophenbewusstseins.
Frank Hurricane
»Southern Shrymp (In the Big City)«
Nudie Records
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