Pop sieht sich nicht nur als Spiegel der Gegenwart, sondern will traditionell auch bei Zukunftsentwürfen mitreden. Schon länger nicht mehr zentral mitgestaltet hat Moby. Seine Musik macht heute vor allem nostalgisch: Sie erinnert an die Werbespots und TV-Einspieler einer längst vergangenen Zeit. Dass Moby sein kreatives Schaffen in den ausgehenden 1990ern für solche Zwecke breit lizenzierte, lässt den Musiker opportunistisch erscheinen. Einige seiner Hits aus dieser Zeit wirken inzwischen abgegriffen. Damals machte Moby elektronische Musik für ein Crossover-Publikum: nicht am Puls der Clubkultur, sondern als kleine Horizonterweiterung für zwischendurch. Es ist leicht, ihn dafür zu belächeln. Auch Artikel zu seinem neuen Album »Future Quiet« zeigen wieder: Moby ist ein Musiker, zu dem man sich nur ungern bekennt. Weil er als harmlos gilt, begegnet man seiner Arbeit oft mit Skepsis. Damit zu seiner neuesten Vision: Moby wünscht sich – für sich und für uns – eine Zukunft, die leise ist. Mit »leise« ist musikalisch ein weithin akustisches Ambient-Vokabular gemeint, das seit Jahrzehnten innere Ruhe und Einkehr markiert: dekorative Klaviermotive, geschmackvolle Streicher und gelegentlich Vocals, die in teure Mikrofone gesungen werden. In einer Zeit, in der ganze Playlists mit beschaulicher Hintergrundmusik algorithmisch kuratiert oder gleich vollständig generiert werden, lautet das unausgesprochene Statement: Hier wird Ambient noch von Hand gemacht. Moby versteht diese Musik als Gegenentwurf zu einer Welt, die immer lauter und immer hektischer wird. Die Idee einer stillen Zukunft klingt im Angesicht gängiger Motive von Überforderung und Krise zunächst verlockend. Es ist zu hoffen, dass Moby, der selbst lang in einem renovierten Schloss in Hollywood lebte, auch die politische Dimension dieser Idee reflektiert. Für viele Menschen ist Stille kein ästhetisches Ideal, sondern schlichtweg nicht verfügbar, weil Erwerbs- und Versorgungsarbeit, Wohnverhältnisse oder Alltag kaum Raum für Rückzug lassen. Ruhe und Entschleunigung sind Ressourcen – man braucht dafür Zeit, passende Räume und nicht zuletzt eine gewisse ökonomische Sicherheit. Das bleibt in Zukunft weiterhin gültig. Gegen den naheliegenden Vorwurf der Beliebigkeit ist die Musik auf »Future Quiet« nahezu immun: Ambient soll uns nicht aufregen, sondern uns umgeben – das gehört zum Selbstverständnis. Bemerkenswert ist jedoch der Ernst, mit dem Moby sein Konzept musikalisch inszeniert. Von Brian Enos »Ambient 1: Music for Airports« über Aphex Twins »Selected Ambient Works Volume II« bis hin zum Vaporwave der 2010er war Ambient immer dann besonders aussagekräftig, wenn er von Brüchen, Irritationen oder unterschwelligen Unsicherheiten durchzogen war. »Future Quiet« erscheint demgegenüber vollkommen unironisch. Im Arrangement von »Precious Mind«, aufgenommen mit der Sängerin India Carney, hört man einen Moby wie zu seinen erfolgreichsten Zeiten: Ihm gelingt es noch immer, Melancholie musikalisch als kleines Glücksgefühl zu setzen. In den 1990ern und frühen 2000ern hat er damit große Festivals sanft überflutet. Heute hat er das Wohnzimmer und die Bluetooth-Boxen im Visier. Für eine neue Welle breit gestreuter Werbelizenzen klingt diese Musik allerdings zu unspezifisch. Das ist die Krux an diesem unverfänglichen, reduzierten Kammersound. So bleibt ein Album, das man intensiver diskutiert, als man es tatsächlich hört.
Moby
»Future Quiet«
Little Idiot
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