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Mertens & Steenkiste

»Flicker«

Many Chants Records

Eine Reise in die Vergangenheit und eine Reise ins Zentrum des eigenen Bewusstseins. Eine Verbeugung vor Säulenheiligen des amerikanischen Minimalismus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und eine zeitlose Übung zur Versenkung. Jef Mertens und Glen Steenkiste nahmen kürzlich die Gelegenheit wahr, zu einer Aufführung von Tony Conrads »Flicker«, einer filmischen Adaption der optischen Effekte einer Dreamachine, eine Tonspur live beizusteuern. Mit exotischen Saiteninstrumenten saßen sie vor einem abenteuerlustigen Publikum, das bereit war, sich Conrads Film und der Live-Musik dazu zu überlassen. Der mögliche Effekt dieser Versuchsanordnung: eine bewusstseinserweiternde Erfahrung, hervorgebracht durch den rhythmisierten Wechsel von Licht und Schatten zu minimalistischen Klängen. Diese Form der synästhetischen Klangheilkunde genießt in gewissen Kreisen einen legendären Ruf. Die Dreamachine, eine Erfindung von Brion Gysin and Ian Sommerville, gehört in den Bestand des Minimalismus als experimentelle künstlerische Bewegung wie die Lavalampe in jeden gut sortierten psychedelischen Haushalt. Mit dem Unterschied allerdings, dass erstere meines Wissens nicht so einfach käuflich zu erwerben und auch mit mehr Vorsicht zu genießen ist, denn die stroboskopischen Effekte einer Dreamachine können Epilepsie hervorrufen und Conrads Film von 1966 kann ebenso wirken. So stand es schon damals auf dem Beipackzettel und 60 Jahre später gilt diese Warnung immer noch, daher findet sie sich auch faksimiliert auf dem Cover der limitierten Veröffentlichung der Live-Aufnahme von Mertens & Steenkiste und verleiht dem Artefakt so eine Aura, die der Quacksalberei verdächtig sein könnte. Ich schreibe das alles hier so hin, ohne viel dazu zu erklären, denn wer das liest und ohnehin seinen Meter New Yorker Underground und Subkultur, angefangen bei Tony Conrad, Angus Maclise, La Monte Young und The Velvet Underground bis hin zu Steve Reich, Arnold Dreyblatt und Sonic Youth, zu Hause stehen hat, der oder die wird zugreifen oder zumindest einmal entsprechende digitale Quellen bemühen, um sich einen akustischen Ersteindruck der halbstündigen Drone-Improvisation zu verschaffen. Wer hingegen überhaupt nicht weiß, wo vorne und hinten ist, und trotzdem bis hierhin gelesen hat, dem würde ich empfehlen, sich unerschrocken und beherzt auf den Weg ins Schattenreich dieser künstlerischen Avantgarde-Bewegung zu machen. Da gibt es viel zu entdecken und die Attraktivität des Angebots reicht bis in die unmittelbare Gegenwart hinein, denn neben Glen Steenkiste und Jef Mertens gibt es noch viele weitere zeitgenössische Musiker*innen, die von den Pioniertaten des amerikanischen Minimalismus zehren. Der Berg an Geschichte mag allerdings auch erschlagend wirken. Bereits 1999 riefen die gerade erwähnten Sonic Youth »Goodbye 20th Century« und winkten dankbar einer Reihe weiterer einflussreicher Komponist*innen hinterher und ich frage mich, welchen Eindruck die hier zitierten historischen Bestände auf junge Menschen heute (noch) machen? Vorausgesetzt, jemand unter 30 liest hier mit … Ach, jetzt ist mir ganz herbstlich zumute angesichts dieser welken Perspektiven und das, wo es doch Frühling wird! 

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