Tagsüber liegt die Burg am Fuß des Berges und von dichten Tannenwäldern umringt scheinbar verlassen da, doch wenn die Nacht hereinbricht, dann kriechen im Schutz der länger werdenden Schatten furchtbare Gestalten hervor. Die steinernen Wasserspeier erwachen zum Leben und hinter den kalten Mauern regt sich, was seit Jahrhunderten nicht sterben kann. Der Graf steigt im Keller aus seiner Gruft und mit ihm findet sich eine Schar finsterer Fürsten und blutarmer Gespielinnen im Thronsaal zum nächtlichen Festmahl ein. Unter dem Hohngelächter dieser teuflischen Gesellschaft blicken aus den umliegenden Dörfern verschwundene Jungfern ebenso verängstigt um sich wie die todesmutigen Jünglinge, die sich wider aller warnenden Worte aufmachten, die zarten Geschöpfe ihrem unabwendbaren und blutigen Schicksal zu entreißen. Sie werden den Anbruch des kommenden Tages nicht erleben, denn es ist angerichtet, das dunkle Treiben wird seinen Lauf nehmen und in den kommenden Stunden frisches Blut in Strömen fließen, bis die aufgehende Sonne die Kreaturen der Nacht wieder zum Rückzug in ihre verborgenen Winkel zwingt. So geht es zu, im »Necropalace« … Das neue Album von Worm aus Florida schreckt vor keiner theatralischen Geste zurück. Das melodienreiche Drama aus Black-, Death-, und Doom-Metal wird ebenso geschichts- wie selbstbewusst inszeniert. In der verstaubten Bibliothek vom »Necropalace« werden die frühen Werke von Dimmu Borgir und Cradle of Filth verwahrt, doch auch darüber hinaus hält das umfangreiche Archiv zahllose Quellen esoterischen Wissens vor, die das Geheimnis der alchemistischen Klangkunst von Phantom Slaughter und seinen Schergen bergen. Diesen Folianten entliehene okkulte Formeln, wiederholt gemurmelt, dienen der Anrufung von Geistern und anderen Wesen aus unbekannten Dimensionen zur Durchführung blutiger Rituale. Zur Aufnahme eines neuen Albums kommt das geheime Wissen der Alten zur unbarmherzigen Anwendung. Die erfolgreiche Beschwörung bannt Nachrichten aus vergangenen Zeiten in einer schwarzen Scheibe, die es in limitierter Auflage zusätzlich in den Farben blau und rot gibt. Diese Artefakte, Zeugnis unheiliger Umtriebe, dienen allen sterblichen und verängstigten Seelen zum Götzendienst, in der Hoffnung, eines Nachts (nicht) dasselbe Schicksal zu erleiden wie die vielen Jungfern und Jünglinge vor ihnen. Ewige Verführung und ewige Verdammnis, wer vermag das eine vom anderen zu unterscheiden?
Worm
»Necropalace«
Century Media
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