a2490219623_16
Hällas

»Panorama«

Äventyr Records

Der das Album eröffnende Song, »Above the Continuum« nimmt die komplette A-Seite in Anspruch, 21:29 Minuten ist er lang. Hällas machen sofort deutlich, wohin die Reise geht: ins Land der Fantasie. Leicht wäre es, die weltflüchtige Ästhetik als regressive Geste zu geißeln. Interessanter ist es, denke ich, den Eskapismus im Verhältnis zur Gegenwart zu betrachten. Antworten auf zeitgenössische Zumutungen lassen sich nicht nur in der Kritik an schlechten Zuständen finden und die Arbeit an der Behebung von Zivilisationsschäden, der Kampf gegen herrschende Kräfte und jede Art von gesellschaftlichem Engagement setzen Stärke voraus. Wo kann die herkommen? Aus welchen Quellen speist sich das Vermögen, dagegenzuhalten, nicht aufzugeben und trotz aller schlechten Prognosen, für das jeweils Bessere oder gar Richtige einzustehen? Der verträumte Prog-Rock der Schweden erzählt in epischem Umfang von abenteuerlichen Reisen, Gefahren und Herausforderungen, die nicht bloß den Blick von dem, was in der Realität der Fall ist, ablenken, sondern diese Realität auch spiegeln und bewältigen helfen können. In Anlehnung an Bruno Bettelheim sage ich also: Kinder brauchen Märchen und Erwachsene Prog-Rock, vor allem, wenn er so gut gemacht ist wie der von Hällas. Das vierte Album der Band ist das erste nach Abschluss der Hällas-Saga, die mit den ersten drei Studioalben (und einer EP) beschrieben und abgeschlossen wurde. Ja, so geht es zu, natürlich. Trilogie, Saga, keine halben Sachen. Und auf dem Niveau von Hällas erzählt, können solche Geschichten überzeugen und dazu inspirieren, die Gegenwart im Lichte von Gegenwelt zu betrachten und – ja, was? – den Mut nicht sinken zu lassen und Kraft zu schöpfen, um vielleicht fürs erste den Schrecken der Gegenwart in der Prog-Fantasy zu bannen. (Das ist ein schmaler Grat, sicher – aber wo in der gesellschaftskritisch-analytischen Härte und im erbarmungslosen Beschreiben grausamer Realitäten die Verhärtung des Kritikers droht, da müssen Hobbit, Zauberer und Schildmaid eben aufpassen, auf ihren Reisen durch fantastische Welten nicht den Verstand zu verlieren. Alles hat seine Dialektik und man kann auf Dauer sein Heil nicht nur in der Negation finden: »Fuck you, I won’t do what you tell me!« – aber was dann?) Musikalisch ziehen Hällas dabei alle Register und können einschlägig bekannten Bands im Genre nicht nur das Wasser reichen, sondern auch darüber hinaus Wellen schlagen, denn ihr Sound ist alt und frisch zugleich. Yes, Kansas, Wishbone Ash, Genesis, Uriah Heep, frühe Scorpions, Rush, Gentle Giant, Bo Hansson, Camel … hinter keinem dieser stilprägenden Acts müssen sich die fünf Schweden verstecken. Wer alt (oder frühvergreist) ist und sich erinnern kann, wird abgeholt. Aber dem Einsatz von Vintage-Equipment und allen ausgefuchsten Anleihen zum Trotz erstarren Hällas nicht im Götzendienst, sondern revitalisieren ein oft als muffig und rückwärtsgewandt verschrienes Genre. Hinzu kommt, dass sie im Vergleich zu ähnlich orientierten Bands der Gegenwart, wie Wytch Hazel oder Phantom Spell, mehr und mehr auch ein Publikum jenseits ihrer musikalischen Nische erreichen, ohne dass ihr Sound darunter leidet. Im Gegenteil bzw. wie eingangs angedeutet, setzen sie mit »Panorama« noch einen drauf, schicken ihre Hörerschaft gleich zum Auftakt des Albums auf eine knapp 22-minütige Reise und die vier weiteren Lieder des Albums stehen diesem furiosen Auftakt in nichts nach. Erster Anwärter auf das Album des Jahres.

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
02.02.2026

Schlagwörter

favicon

Unterstütze uns mit deiner Spende

skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an den Empfänger: Verein zur Förderung von Subkultur, Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria. Vielen Dank!

Nach oben scrollen