ZwangsSitzung

Harald Gsaller multimediale, formal hochkomplexe Auseinandersetzung mit der Pression des Zwanges.

Das neueste Buch des Multimedial-Künstlers Harald Gsaller liest sich als Montage vieler Gattungen und Sujets: »assoziativer« Roman; Subjektivität in gestapelten, sich überbietenden Aphorismen; eine Fracht, dessen Verpackung wohl mehr im Zentrum steht als ihr (eigentlicher) Inhalt; ein mehrkanaliges Gespräch, eine Pervertierung von (psychologischen) Ratschlägen; Wissenserfassung und -vermittlung. Verschiedene Stimmen und verschiedene Perspektiven (z. B. Wittgenstein als eingestreuter Gesprächspartner) werden erzählerisch gekoppelt, »Dahergeredetes« aufgegriffen und angegriffen. Als Figuren stehen Ludwig Zwang und seine Ehefrau Gerda im Vordergrund. Der Beginn und das Wachsen ihrer Liebe, ihre Unternehmungen (z. B. Reise nach Moskau) schildert Ludwig, ebenso wird über Erfahrungen aus seiner Jugend, familiäre Entfremdung, Qigong, HietzingerInnen, Bergverschüttung und vieles mehr erzählt.

Die Art, die Umwelt mit Auszügen einer eigenen Subjektivität zu beschreiben, verdeutlicht die Betonung der eigenen Eigenwilligkeit: Die Bekanntgabe an Themen zeigt eine Feierlichkeit der Welt und der eigenen vier Wände. Ludwig und Gerda wirken weltinteressiert, durchsetzt von intellektuellem Eigensinn. Die Wesenszeichnung und das Verhalten des Ehepaars trägt etwas Besonderes. Globales und Alltägliches wird (sparsam) zu Wort gebracht, beleuchtet. Am Ende des Buches – ein prägnantes Plädoyer für bewusstes Atemholen, körperliche, unbefangene Bewegung. Der Zwang kennt viele Gesichter, doch möchte man bzw. Ludwig sie nicht generalisieren. Gsaller spielt bewusst mit der Duplizität (Ludwig) Zwang/ Zwang. Einige Textstellen lassen sich gewisserma&szligen als Versuch sehen, Zwang – sei es die Person oder psychische Pression/ Fessel – zu verschriftlichen, den Lesern vorzuführen. Der Autor setzt sich philosophisch, poetologisch und gesellschaftsbezogen damit auseinander.

Die Leser werden freiliegenden Assoziationen oder Assoziationsketten ausgeliefert. Eine Welle an aphoristischen Behauptungen erhebt sich, Zusammenhänge werden verzerrt und neu zusammengeschlossen, Äu&szligerungen verknüpft, bis sie Sinnhaftigkeit, ihre Zuordenbarkeit verlieren oder noch bewahren, gar erzeugen. Der Leser wird gefordert. Betrachtungen zu universellen Belangen und verengte Blickfelder (z. B. ein Besuch im Café Dommayer, Hietzing), die Zusammenhänge herstellen oder auflösen, bezeugen eine hohe (Text-)Selbstreferentialität. Der oder die LeserIn findet hier keine abgerundete, abgeschlossene Geschichte, sondern Globalität in Bruchstücken, häppchenweise mit scheinbar willkürlicher Selektion verabreicht. Manchmal scheint diese Offenheit einzuengen: man wird von einer Stimme zur nächsten geschliffen, passiert fast aufgezwungen gebrochene Gedankengänge. Wird die Künstlichkeit dieses Werkes zur undurchsichtigen, willkürlichen Wand? Nicht nur im Bereich der textuellen Ebene vollzieht sich eine Ästhetisierung des Alltags: Fotografien vom Wohnungsinneren, das fotografisches Festhalten von Körpern (höchstwahrscheinlich der ProtagonistInnen), Orten (z. B. Tiergehege) und Reisen (z. B. ins Tatra Gebirge) unterstreichen Gsallers Ästhetik. Indem Schärfe/Unschärfe, Mikro/Makro, Anordnung (Triptychen, Duplizität) stark bedacht werden, begleiten und erschlie&szligen die Fotodarstellungen in gewisser Hinsicht den Inhalt. Durchaus gelungen. Es entstehen Embleme, zersetze Muster, mehrschichtige Aufnahmen, es kommt zu Entblö&szligungen und Inszenierungen. Sie verstärken das Schema des Konstruktionsprozesses.

Man könnte vermuten, Gsallers Konzept möchte sich ständig verselbstständigen, willkürlich wirken, vielleicht auch sein. Das Konstruieren neuer Zusammenhänge kann dabei durchaus mühsam (für den Leser) ausfallen: Keine (normal) geregelte Syntax, Wortregister querfeldein, durchgängige Montage, Synonyme und Metonymie (ob und wie originell ist umstritten). Es geht wohl um das Ausloten einer Kontextualisierung. Berauscht am Zwang, der nicht ausdrücklich definiert wird, erscheint diese ganze Zusammenhangserschlie&szligung den Text konfus zu machen. Das Bildliche des Sprache kann eine Metapher sein, muss es aber nicht, vielleicht geht es rein um den Vorgang des Aneinanderreihens, welcher sich absatzweise (s)einer Verdrehung versichern will. Das Torpedieren von Perspektiven, die eigene Sprache und Referentialität fast dauernd unter Beschuss: In diesem Falle erscheint Literatur um der Konstruktion willen eher weniger genussfähig.

Der Perspektivenwechsel in der Gesprächsführung, als treibender Stein, verschüttet den Inhalt: Will sich die Leserin dem Inhalt widmen, mahnt dieser häufig an die eigene Poetik, lässt Konstruktion als Prinzip aufblitzen und das Wissen des und um den Protagonisten verliert an Belang, Impulskraft. Der Inhalt wird blo&szlig Stoff, gleitet durch das Prinzip hindurch. Artet dann das Werk nicht viel mehr in ein Stimmgewirr, ein aphoristisches und künstliches Ornament aus, gespickt von fotografischen Konstrukten ?? das doch nicht aufgeht in seiner Weise?

Harald Gsaller: »ZWANG«, Wien: Verlag Der Pudel, 110 Seiten, EUR 17,-