»Convey« © Lina Albrikiene

Zooris Zerstörung

Einen litauischen Kannibalenroman bebildern, dafür eigene Musik schaffen und von einem liturgischen Chor vertonen lassen, das nahm sich die Künstlerin Lina Albrikiene in ihrem aktuellen Werk vor. In der Kunsthalle Exnergasse war das Resultat zu sehen.

Ein behaartes Bein. Viel Schatten. Nicht erkennbare Körper, die in einem offenen Aufzug auf und ab fahren. Unförmige Fleischblüten, menschliche »Fleischpflanzen« zu schönem Gesang. War der Kannibale Fleischvegetarier? Die Künstlerin Lina Albrikiene bezieht sich in ihrer Installation »Convey« (2018) auf den litauischen Roman »Das weiße Leintuch« von Antanas Škėma, dessen Schauplatz ein Fahrstuhl ist, der niemals anhält. Ihr Paternoster laufe wie eine Fleischwolf-Maschine, steht im Programm der Kunsthalle Exnergasse. Lina Albrikiene beauftragte einen liturgischen Männerchor für ihre spezielle Musik. Es geht immer um das Wort »Zoori«, das Zerstörung bedeutet. Ein schreibender Kannibale ist der Protagonist: »Vielleicht war da schon der Ton geboren, der zu dem Wort Zoori wurde«, sinniert er im Roman. Und: »›Goooott! Zoori. Zoori‹, flüsterte Garsva. ›Wo ist Zoori? Was ist Zoori? Warum ist Zoori verloren?‹«

Eine Kirche für die Musik über Verdammnis und Zerstörung © Lina Albrikiene

Männerquartett in der Kirche
Weil der Kannibale im Buch ein paar Mal betete, kam Lina auf die Idee mit der liturgischen Musik. Sie fragte den britischen Komponisten James Wilkie um Noten und nahm in einer neu eröffneten Kirche in Vilnius ein litauisches Männerquartett auf. Dieses singt hauptsächlich das Wort »Zoori«, das der Kannibale im Buch immer benutzt und schreit, wenn er seinen Kopf verliert und in der Stadt herumläuft. Lina arbeitete dann noch mit einem anderen Sound-Artist zusammen und änderte das ursprüngliche Notenkonzept stark ab, bis es zum Video passte. Sie lebt derzeit in Graz als Artist in Residence, kommt aber auch öfter in Wien vorbei. In der (leider schon geschlossenen) Ausstellung »Altered States« (»Veränderte Zustände«) in der Kunsthalle Exnergasse wurde ihr Film in einem abgetrennten Bereich hinter schwarzen Vorhängen gezeigt. So kam er eindrucksvoll zur Geltung. Kein bisschen »Zoori«, sondern Aufbau und Trauer, Schönheit zum Anbeißen in Beige und Braun.

Palast der Magie in Shkodra © Wolfgang Thaler

Palast der Magie
Sportliche Jungs, die ringen. Jungs, die singen und jubeln. Ein verziertes, rundes Fenster, darunter der Kreis aus geflochtener Kordel des Basketballkorbes mit seinen Schnüren. Olson Lamai zeigt in seinem Film »Magic Palace« (2018) eine alte Kirche in Shkodra in Albanien, die in eine Sportstätte verwandelt wurde. Er verweist auf die Ähnlichkeiten der alten und der neuen Inszenierung. Am Boden und am hölzernen Plafond ähneln sich das Ornamentale und die Kreismotive sehr und sind zum Teil sogar genau an der gleichen Stelle angebracht. »Altered States«? Wirklich? Der Film besticht auch durch die leuchtenden Farben und die in der Nähe aufgehängten Ringe, die brennend neonweiß leuchten. Der Künstler will die angebliche »Evolution of Culture« kritisieren, die sich doch immer wieder auf die alten Ornamente der Menschheit beziehen muss.

Das kroatische Kuratorinnenkollektiv »What, How & for Whom« aus Zagreb, das im Juni die Kunsthalle Wien übernehmen wird, stellte in Wien erstmals in der Kunsthalle Exnergasse aus, erzählt eine Mitarbeiterin. Die Künstlerinnengruppe will vermehrt international kuratieren, ähnlich wie bei der Istanbul Biennale 2009. Vielleicht kommt Lina Albrikiene ja dann wieder mit einem neuen Werk aus Vilnius nach Wien.

Link: https://www.wuk.at/kunsthalle-exnergasse/