Foto: Vorname Zuname, Illustration: Johanny Melloul
Foto: Vorname Zuname, Illustration: Johanny Melloul

Zen-Blues für Couchpotatoes

Gibt es den Blues in Israel? Ja, den gibt es! Das dynamische Duo TV Buddhas bestätigt das mit voller Wucht. (Erschienen in skug#81/12.2009.)

Holon, was zu Deutsch soviel wie »viel Sand« bedeutet, heißt die Vorstadt von Tel Aviv, aus der die Band TV Buddhas kommt. Man nennt die Stadt auch »sleep city«, weil Menschen von dort nach Tel Aviv pendeln, um zu arbeiten und dann nach Holon zurückkehren, um zu schlafen. Aus dieser Gegend verschlug es das Duo Mickey Triest (Drums) und Juval Haring (E-Gitarre) nach Europa. In Wien fanden sie bei Trost Records ihr Label, in Berlin ihr neues Zuhause. Auf der Homepage ihres Labels werden sie als »the hardest working band« gelobt, mit über 170 Shows im letzten Jahr, was für eine junge, wenig bekannte Band eine beachtliche Leistung darstellt. Anlässlich eines der häufigen Wien-Konzerte gewährten die TV Buddhas Einblick in ihr Leben.

Wien vs. Berlin
Berlin, das Mekka für aufstrebende, progressive Musiker, ist für sie eine durchaus aufregende Stadt – jedoch mehr eine Partystadt, wo eine Band die andere ablöst und das Publikum vielleicht weniger an den Acts als solchen interessiert ist. In Wien dagegen sei es viel intimer, das Publikum konzentriere sich mehr auf die Musik.

illustration_by_Johanny_Melloul_1.jpgIsrael
Die Musikszene in Israel wird von den beiden als eher bescheiden beschrieben. Zwar beginnt sich langsam etwas abzuzeichnen, doch die heutige Situation besteht aus Extremen: entweder der totale Underground oder der totale Mainstream. Es gibt derzeit nur ein einziges Label, das Vinyl für die Underground-Bands fertigt, das Fast Label. Nur der Erfolg der Band Monotonic, vor allem in den USA, meinen Mickey und Juval, scheint etwas zu bewegen. Bis jetzt ist nur ein einziger international bekannter Name aus Israel geläufig, nämlich der der Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin von 1998, Dana International (zufällig aus derselben Stadt wie die Buddhas).

»Shtick«
Auf den Live-Fotos der Band erkennt man sogleich, dass sie mitten im Publikum spielt. »Wir mögen es wenn die Leute nahe an uns sind«, aber: »Das sollte sich nicht in einen Shtick verwandeln«. Der Ausdruck »Shtick« kommt aus dem Yiddischen und heißt soviel wie ein Gag, ein Gimmick. Sie wollen als Band also nicht mit dem Etikett »Immer im Publikum, nie auf der Bühne« versehen werden. Das Spielen auf einer Ebene mit den Zuhörern hat aber durchaus seinen Reiz und passt zu ihrem rohen, unmittelbaren, bluesigpsychedelischen Sound. Diese Power ist auch auf dem Album zu hören. Die Songs weisen lange instrumentelle Passagen auf, die oft einen orientalischen Touch besitzen, den früher Led Zeppelin auch so gerne in einige ihrer Songs integrierten.

Erdung
Nach Gruppen wie The White Stripes, The Black Keys oder The Kills fällt es jungen Bands scheinbar leichter, den Entschluss zu fassen, das Schlagzeugspiel autodidaktisch zu erlernen und einfach mal zu zweit aufzutreten. Davon profitieren auch die Buddhas. Das Duo entstand spontan, als Mickey und Juval in einem Schallplattenladen jobbten. Sie hatten genug davon, bloß an der Theke zu stehen und immer nur über Musik zu reden. Also begannen die Proben, und zwar in einem Luftschutzbunker; ohne Erdung – was lebensgefährlich gewesen wäre: Mickey lernte kurzerhand das Schlagzeug, ohne die Bassdrum zu spielen, und verwendet nur Floor-Tom, Snare und Becken. Juval hatte übrigens bereits Band- und Tour-Erfahrung mit Lebanon (!).

Insulaner
TV Buddhas privat: »Wir gehen nicht so viel aus.« Couchpotatoes. Unaufgeregtes Leben. »Wir kriegen Zen-Freude davon, zu Ikea zu gehen, wo wir Sachen für unser Zuhause kaufen.« Oder einfach nur fernsehen … daher der Bandname, bzw. von der gleichnamigen Installation von Nam June Paik (1974). Sie wirken wie Spießer: »Wir sehen aus wie zwei Kids, die zu früh zum Konzert gekommen sind.« Disziplin als Schlüssel zum Erfolg? »Israel zu verlassen, ist, wie zum Mond zu fliegen. Du brauchst viel Energie dafür«, meint Juval. Mickey vergleicht Israel mit einer Insel: Nachbarn, wie Libanon oder Syrien, würden total ignoriert; nicht nur besucht man sie nicht, man lernt kaum etwas über die arabische Welt in der Schule und auch im Alltag wird sie totgeschwiegen – was bleibt, sind Nachrichtenmeldungen, die meist nur Gewalt thematisieren. Dadurch entsteht ein gewisses Gefühl der Enge, aus der man ausbrechen will, was organisiert werden muss. Im Moment läuft für die beiden Buddhas alles sehr gut, aber sie wollen sich weiterentwickeln: Mickeys Bruder soll als zweiter Gitarrist einsteigen, die Songs sollen etwas »poppiger« werden. Und sich selbst »mehr in Form bringen« wollen sie außerdem. Ob das gut geht? Das warten wir mit Spannung einfach mal ab.

TV Buddhas: »The Golden Period« (Trost Records)

Am 22.10.2011 veröffentlichten TV Buddhas auf Staatsakt die 7″ »Hello To Loneliness / Just Another Day In My Head«.

Vom 17.10.2011 bis zum 10.12.2011 touren die TV Buddhas durch die Garagen halb Europas. » details

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