Die vierte Wand fehlt und öffnet den Raum zum luftigen Lehrtheater. In: »Der Baumeister«, H. 12, 1930, 466

Wilhelm Schütte – Architekt und Antifaschist

Reformen und neue Formen versprach das frühe 20 Jahrhundert. Wilhelm Schütte versuchte, dies in eine Architektur umzusetzen, die auch gesellschaftspolitisch wirken sollte. Die politische Entwicklung zwang ihm allerdings ein anderes Leben auf. Bei Park Books erschien jetzt ein Buch über ihn.

Sonderlich bekannt ist er nicht geworden, der deutsch-österreichische Architekt Wilhelm Schütte. Seine Frau hingegen, Margarete Schütte-Lihotzky, die ihren Mann um 32 Jahre überlebte, brachte es zu einem wahren »household name«. Ihre bekannte, in den 1920er-Jahren entworfene Frankfurter Küche ist ein vielbesungener Beitrag zur Emanzipation, da sie dank größtmöglicher »Schritt- und Griffersparnis« Frauen jene Zeit am Herd verkürzen sollte, von deren lästiger, alleiniger Erledigung sie sich erst eine Generation später lösen konnten. Inwieweit Wilhelm Schütte bereit gewesen war, seiner Frau Grete in der Küche zu helfen, ist nicht bekannt. Klar ist hingegen, dass das Architekt*innenpaar den höchst ungewöhnlichen Fall darstellt, in dem beide Eheleute im selben Feld aktiv waren, die Frau aber den Mann an Prominenz weit überflügelte. (Nach weiteren Beispielen muss man in jener Zeit lange suchen, vielleicht Hannah Arendt und Günther Anders …?)

Schule neu denken
Die beiden Baukünstler*innen verband der Wille zu einer »Architecture engagée«, die es nicht duldete ausnahmslos Auftraggeber*innen gefällig zu sein, sondern mithelfen wollte an einer neuen Welt zu bauen. Architektur sollte ganz Avantgarde sein und sich bemühen glaubhaft gesellschaftliche Neuerungen zu verkörpern. Für Schütte war es somit naheliegend, sich insbesondere um Bildungseinrichtungen zu kümmern. Bereits in seinen frühen Jahren in Frankfurt entwickelte er, inspiriert beispielsweise von dem jüdischen Reformpädagogen Fritz Karsen, neuartige Schulgebäude. Die alte militärische Struktur der Schulen sollte weggefegt werden und die leidige Verfestigung von Klassenstrukturen (im doppelten Sinn) überwunden werden. Neue Gesamtschulen sollten entstehen, die vor allem eines waren: offen. Schütte begriff den Raum der Schulklasse als eine Art Theaterbühne, der bekanntlich die vierte Wand fehlt. Lehrer*innen und Schüler*innen konnten in Schüttes Entwurf eine gesamte Wand einklappen, damit sich ihr Schulungsraum zur Weite des Kosmos öffnete. Man darf annehmen, dass damit der übliche Schulmuff – bei gutem Wetter zumindest – weggeblasen wurde.

Viele Gestaltungen Schüttes wurden später so oft imitiert, dass ihnen heute ihre avantgardistische Verve nicht mehr anzusehen ist. So entwarf er – unverkennbar von Bauhaus inspiriert – Schulmobiliar, das nahezu alle, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Fuß in eine Schule gesetzt haben, in der einen oder anderen Version, kennen. Allerdings schwerwiegend banalisiert. Aus den zwei gebogenen Stahlrohren Schüttes wurden meist klobige Profilleisten. Aus den luftigen Körben unter den hölzernen Tischplatten, die Hygiene und Übersicht lieferten, wurde später ein kastenartiges Schubfach, das mit angenagten Äpfeln und alten Kaugummis gefüllt werden konnte. Die Avantgarde Schüttes, die Leichtigkeit, effiziente industrielle Fertigung und klare Eleganz verband, war ihrer Zeit so weit voraus, dass die von ihm bereits in den 1920er Jahren gestalteten Klassenzimmer aussehen wie das ideale und nie mehr erreichte Vorbild für die üblichen Schulräume der 1970er Jahre.

Großstadtatmosphäre in Wien vor der Zentralbuchhandlung 1968 © ÖGFA, Archiv Schütte; Foto: Horowitz

Jagd durch die halbe Welt
Nicht viele seiner Gebäudeentwürfe konnte Schütte umsetzen. In Wien findet sich die ehemalige Sonderschule Floridsdorf, deren Klassenräume über eben jene »fehlende« vierte Wand verfügten und die seit 2018 unter Denkmalschutz steht. Der Aufbruch, der in den 1920ern und 1930ern verheißungsvoll begann, wurde jäh durch das Hereinbrechen des Faschismus in Europa beendet. Im Jahr 1939 trat das Ehepaar Schütte-Lihotzky in die KPÖ ein und machte damit seinen Status als aktive Widerstandskämper*innen amtlich. Seit der Machtergreifung der Nazis war Deutschland für das Paar verloren, dank der hereinbrechenden stalinistischen Paranoia die Sowjetunion ebenso, weshalb sie zu steten häufigen Ortswechseln gezwungen waren. Ihr Leben in jenen Jahren trägt Züge eines John-le-Carré-Krimis, ist aber noch nicht gänzlich erforscht. 1934 sind die beiden auf Einladung Bruno Tauts in Japan. Taut hatte Ende der 1920er mit seiner Berliner Hufeisensiedlung die sowjetische Führung überzeugt, die darin »gebauten Sozialismus« erkannt haben will. Taut ist vom Wandel des Stalinismus in der Sowjetunion wenig angetan und zog nach Japan. Grete und Wilhelm brechen von Japan aus zu einer längeren Chinareise auf, in der Schütte als Schulbauexperte fungieren darf. Mittlerweile ist Taut zum Leiter der Kunstakademie in Istanbul berufen worden, in der noch neutralen Türkei. Dort entsteht die für jene Jahre wohl beste deutschsprachige Universität, weil ein wesentlicher Teil der jüdischen und »bolschewikischen« Elite an den Bosporus ausweichen konnte, durch eine Art Eliteimmigration der Hochqualifizierten . Taut will die Schüttes auf ihrem Zwischenstopp in Istanbul dortbehalten, diese wollen aber lieber über Triest nach Paris mit dem Ziel London weiterreisen, was aber letztlich misslingt. So geht das Paar 1937 doch auf die Einladung ein und wechselt von Paris nach Istanbul. 1938 stirbt ihr Mentor und Beschützer Taut und wird an der Uni durch Robert Vorhoelzer ersetzt, von dem nicht klar ist, ob er von den Nazis als Spion entsandt worden ist, zumindest wird er als solcher 1941 aus der Türkei gewiesen.

Trotz aller Gefahren wagt Margarete Schütte-Lihotzky dennoch eine Reise nach Wien als Kurierin von Agitationsmaterialien. Sie wird von einem Spitzel verpfiffen und in einem Kaffeehaus festgenommen. Nach einem Aufenthalt im Gefängnis in der Schiffamtsgasse wird sie nach Bayern in das Frauengefängnis für politische Gefangene in Aichach verbracht. Nachdem in jener Zeit Vorhoelzer von der Istanbuler Uni entfernt worden ist, gelingt es Schütte, dort eine Professur zu ergattern. Diese nutzt er, um einen Brief des türkischen Unterrichtsministeriums zu fälschen, in dem Schütte behauptet, die Türkei habe Interesse an der Mitarbeit der »Bildungsbauexpertin« Schütte-Lihotzky. Vermutlich hat ihr dieser Brief das Leben gerettet und sie wurde nicht, wie etwa ihr Kollege, der Grazer Herbert Eichholzer, von den Nazis erschossen. 1945 wird Grete von den Alliierten befreit und das Schicksal hat sich nun beinahe umgekehrt. Zu diesem Zeitpunkt wird nämlich ihr Mann von der Türkei in dem Ort Yozgat gefangen gehalten.  Die KPÖ bestätigt Schütte seine antifaschistische Betätigung und bittet »die Bruderparteien ihm bei seiner Heimreise behilflich zu sein«. Der freigelassene Schütte schreibt einen Brief an seine Mutter, in dem er sich darüber wundert, dass sein »Widersacher« Robert Vorhoelzer es bereits so kurz nach Kriegsende wieder auf den Rektorposten der TU-München geschafft hat. Dieser Brief wird wiederum von den Alliierten abgefangen und die Amerikaner entfernen Vorhoelzer aus seinem Amt. Allerdings nur für ein Jahr. Dass die späteren Versuche Schüttes, im Münchner Bauamt eine Anstellung zu finden, nicht von Erfolg gekrönt sind, soll die Schlusspointe in dieser Skizze sein, die versucht, ein wenig die Verhältnisse jener Jahre zu umreißen.

Baustelle des Globusverlags mit dem Hochhaus von Schütte © Bildarchiv der KPÖ; Foto: R. J. Bohl

Spuren in Wien
So kam es also, dass die Eheleute nach überstandenen Gefahren sich schließlich in Wien ansiedelten und Schütte die österreichische Staatsbürgerschaft annahm. Bekanntermaßen wurde im Nachkriegsösterreich Opportunismus belohnt und Antifaschismus oder überhaupt aktiver Kampf gegen die bestehende Ordnung bestraft, auch wenn diese Ordnung längst in sich zusammengebrochen war. Größere Aufträge blieben folglich aus. Auch eine Anerkennung seiner Arbeit als Architekt oder gar als avantgardistischer Visionär, der sich stets gegen die faschistische Enge positioniert hatte, verwehrte ihm die Republik. Einzig die KPÖ schusterte dem Ehepaar Jobs zu. Gemeinsam gestalteten sie viele Jahre lang die Pavillons für das Volksstimmefest, die natürlich nicht erhalten sind. Zwei Werke Schüttes, die dann doch verwirklicht wurden, dürften den meisten Wiener*innen bekannt sein, und vermutlich haben die meisten den ausgeklügelten Entwürfen wenig Beachtung geschenkt. Zunächst wäre die ehemalige Zentralbuchhandlung in unmittelbarer Nähe zum Stephansdom zu nennen. Die noch nach vielen Jahrzehnten erfrischend klar strukturierte Gestaltung ist ein Werk, das wahrlich gut gealtert ist. Das Ladenlokal schenkte Wien einen gewissen weltbürgerlichen, internationalen Großstadtflair, der sich vielleicht gerade deswegen so gut entfaltete, weil das Gebäude von den dunklen und geheimniskrämerischen Gebäuden des Wiener Bischofssitzes umflossen wird.

Am Höchstädtplatz errichtete Schütte das Globus Hochhaus. In dem Gebäude und seinen drei Nebenhäusern (einen Teil entwarf Schütte-Lihotzky) war der Globus-Verlag untergebracht. In dem üblichen Schwulst jener Jahre wurde es bei seiner Grundsteinlegung das »Haus der Wahrheit« genannt. Tatsächlich war die dort herausgegebene KP-Parteizeitung »Volksstimme« damals sehr beliebt. Der Zeitung haben die darauffolgenden Jahrzehnte mit teils übergeschnapptem Kaltem-Kriegs-Anti-Kommunismus nicht gerade gutgetan. Verklungen ist die Stimme aber nicht, es gibt sie schließlich immer noch. Das Gebäude Schüttes blieb nach dem Krieg ganz einer Vorkriegssachlichkeit verbunden und ist in seiner schönen Klarheit gänzlich frei vom stalinistischen Zuckerbäckerstil, der manchem in jenen Jahren im fernen Moskau sicherlich besser gefallen hätte. Auch dieses Gebäude befindet sich heute glücklicherweise unter Denkmalschutz. Gemeinsam mit dem ewig leerstehenden Trafikpavillon und dem kaum beachteten Denkmal Hrdlickas bildet das Ensemble einen kleinen, melancholischen Nicht-Ort im 20. Wiener Gemeindebezirk, der ein wenig von einer in Vergessenheit geratenen Stadtgeschichte erzählte, die gemäßigte Avantgarde und gelebten Antifaschismus vermittelte.

Am 22. Jänner 2019 wird im Depot – Kunst und Diskussion, Breite Gasse 3, 1070 Wien, der Band »Wilhelm Schütte – Architekt Frankfurt, Moskau, Istanbul, Wien« vorgestellt, der zahlreiche Dokumente zum bewegten Leben Schüttes beinhaltet.

»Wilhelm Schütte – Architekt Frankfurt, Moskau, Istanbul, Wien«, Park Books.

Link: http://www.depot.or.at/
Link: https://park-books.com/
Link: https://oegfa.at/

Erratum: In einer früheren Version des Artikels war die Bedeutung Bruno Tauts etwas falsch dargelegt sowie der Weg des Ehepaares Schütte durch Europa. Wir bitten um Nachsicht.