»Museu do Amanhã«, Photo by Isis França on Unsplash
»Museu do Amanhã«, Photo by Isis França on Unsplash

Which tomorrows do we want?

Unsere Zukunft sowie Vergangenheit bestehen aus Leerstellen. Wer bestimmt unser Morgen? Wer gibt das uns? Und wer darf das wegnehmen? Die neue Generation von Museen der Zukünfte emanzipiert und legitimiert das Gespür und den Schritt zur freien Mitplanung des zu Passierenden.

Körper und Kräfte verursachen Bewegung, die das Leben bedeutet. Und das Leben im Denken ermöglicht den Blick in die Zukunft, die jetzt und hier stattfindet – im »Museu do Amanhã« in Rio de Janeiro. So ungefähr lautet die These des brasilianischen Museums von Morgen, in einem der institutionalisierten Beispiele des Kampfes um die Zukunft. Oder doch für den Moment?! Während die unzähligen Künstler*innen, Geschichtsrevisionist*innen, in ihren Werken Erinnerungen Revue passieren lassen, machen andere die Vergangenheit schuldig und streben nach einer besseren Zukunft. Was ist aber Zukunft? Um dieser Herausforderung aus dem Weg zu gehen, bestimmt das Museum selbst sein Hauptziel darin, die Fragen nicht zu beantworten, sondern sie zu stellen, zu provozieren und zu reflektieren.

Woher kommen wir? Wer und wo sind wir? Wo wollen wir hin? Wie möchten wir weitergehen? Die Verkörperung all dieser Diskussionen sind die exquisiten Teil- und Wechselausstellungen des Museums als Hommage an Zukunft. Die Neuanfang propagierten Expositionen wirken meistens als potenzielle Rettung der Welt, die sofort Wirklichkeit werden will. So findet z. B. auch das Foto- und Videoprojekt »Amazônia« von Sebastião Salgado die Zuflucht in dem Museum. Die bereits weltweit anerkannten Schwarz-Weiß-Bilder, in denen Geschichte, Narben und Authentizität Schicht auf Schicht liegen, versuchen sich etwas von jener Zukunft einverleiben, die aus unterschiedlichen Gründen unerreichbar sein kann. Und warum so?

»Museu do Amanhã«, Photo by Márcio Vinícius Pinheiro on Unsplash

Früher war gewiss nichts besser

Um das Narrativ nicht bei den rhetorischen Manierismen zu belassen, müssen der Wigelwagel und die Ironie des Ganzen etwas geklärt werden. Die Passagen aus dem Roman »Omama« von Lisa Eckhart beschreiben peu à peu den Zweispalt und die Ungleichheit zwischen der matten Realität und ihrem Vorgänger sowie dem Nachfolger (d. h. Vergangenheit und Zukunft). Was die Beziehung dazwischen angeht, schreibt die Österreicherin das Folgende: »Früher war nicht alles besser, weil heute alles schlechter ist. Früher war alles schlechter, weil man wusste, wie schlecht alles war. Heute ist alles schlechter, weil man glaubt, dass alles gut sei…« (vgl. Lisa Eckhart, »Omama«, dtv 2022, S. 118) 

Dabei betont Eckhart, dass die Geschichte und der Mensch nicht besser werden. Denn das Wort, das am Anfang wäre, wird nie zur Tat, die am Ende stehe. Dabei will die Gegenwart Zukunft sein, um nie Vergangenheit zu werden, weil sie per se schuldig sei. Die Vergangenheit anzuklagen, sei per se richtig. Die Vergangenheit zu verurteilen, sei die beste Eselbrücke, um sich nichts davon zu merken und um nichts daraus zu lernen. Und auf die Zukunft zu vertrauen, sei der beste Weg, sie zu verhindern. (vgl. Lisa Eckhart, »Omama«, dtv 2022, S. 118).

»Amazônia« von Sebastião Salgado, Photo by Karollyne Hubert on Unsplash

Unverzeihliche Sünden unserer Vergangenheit/Gegenwart

Im Rückblick wird leicht erkennbar, dass die Hinweise auf gewisse Hilflosigkeit und grausame Wirklichkeit in verschiedenen Teilen der Welt ähnlich sind: So ist der Weltenlauf! Die Rasanz der neuen Zeit ist der Schwall, in dem man heutzutage ertrinkt und versinkt. Da wir Menschen von Natur aus immer skeptisch und nicht immer für Neues offen sind, bedeuten die Geburt eines neuen Zeitalters und eine neue Ordnung der Dinge nichts anderes als Ansammlung des Passierten und schon Begrabenen und genau darum auch die Hoffnung auf etwas eventuell Besseres. Heinrich Steinfest würde das als Verdichtung des Alten im Neuen bezeichnen. Vielleicht deshalb lebt man heute den Moment? Jetzt und hier …

Da man sein Leben nicht immer ändern kann, macht man daraus ein Lebens- bzw. Kunstwerk. So entstehen die Strecken und Reihen von Reflexionsfragen in der modernen Kunst und in den Museen von Morgen (z. B. »Futurium« in Berlin oder »Museum of the Future« in Dubai): durch das Entrinnen und die Ausmerzung von Fehlern der Vergangenheit und Gegenwart. Aus dem Bedürfnis nach Anerkennung, Erleichterung, Ausgesprochenheit und Vertrauen entsteht das sogenannte Objet trouvé (Ready-made). Vielleicht klingt es ein bisschen übertrieben, aber so ist es: Die Künstler*innen führen jeweilige Schlachtfelder, Katastrophen, Utopien und Erkenntnisse zusammen und legen ihr Hauptaugenmerk auf den Versuch der gewissen Kontinuität im Denken und Handeln, auf den Versuch des Zusammenlebens … Da die Verwirklichung gesellschaftlicher Wünsche, plumper Träume und Absichten zerbrechlich und immer gefährdet ist, gilt das künstlerische Agieren als eine weitere Form des Kampfes gegen Ignoranz und um das Zuhören der Vergangenheit und der Gegenwart. 

Photo by Christopher Garcia on Unsplash

Die Zukunft beginnt jetzt

Lass das passieren! Lass eine bessere Zukunft Realität werden! Jetzt sind es noch Stille, Schweigen und Unbekanntheit, die aber später in die Pforte ohne Wiederkehr umgewandelt werden. Man erwartet von der Zukunft keine Versprechungen und Garantien … Die Schulden der Vergangenheit sind Wunden der Gegenwart, die nicht ausradiert werden können. Obwohl der Neuanfangt nicht immer existenzielle Neuheiten und Unterschiede mit sich bringt, begleiten neue Energie und Freiheit des Tuns seine Ankunft: Wiedergeburt als Nachschub an Energie (fast wie bei Neugeborenen).Die Ontologie der Zukunft ist wie menschliche Gebürtlichkeit – zunächst passiv den bestehenden Strukturen unterworfen und später als handlungsfähig und frei gesehen. Aber auch hier gibt es unzählige Hindernisse, die uns Hoffnung rauben können. Sie selbst bezeichnen sich als für Stabilität Sorgende – Machtmechanismen, -spiele, Korruption, ausgedachte Zuschreibungen u. a. Gehören einige Künstler*innen und Kunstinstitutionen auch zu dieser Auflistung? – Vielleicht, das sind solche, die uns nur zeigen, was wir sehen dürfen und sollen …

Es ist schwierig, sich helle und unschuldige Energie und Hoffnung auf eine bessere Zukunft vorzustellen – besonders im Kontext des Machtvakuums. Wie das »Museu do Amanhã«, das an der Guanabara-Bucht liegt, trägt der vorliegende Artikel dazu bei, dass jeder von uns in der eigenen Bucht sich die Frage stellt: »Which tomorrows do we want?« Unser Morgen und unsere Zukunft beginnen jetzt, beginnen heute. Dann machen wir alle zusammen dieses Heute zum Moment des Denkens, zum Moment der Handlung und gewisser Entscheidung, welche »tomorrows« wir gemessen an den ökologischen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Herausforderungen bilden möchten. Alle zusammen – die Zukünfte, die wir wollen!

Empfehlenswert:

Museu do Amanhã: https://museudoamanha.org.br 

Ausstellung »Amazônia« von Sebastião Salgado: https://museudoamanha.org.br/pt-br/exposicao-amazonia-do-fotografo-sebastiao-salgado-no-museu-doa-amanha 

Eckhart, Lisa: »Omama«, München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2022.

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