Robert Piotrowicz

»When Snakeboy Is Dying«

Musica Genera

»When Snakeboy Is Dying« stellt eine ziemliche Wandlung dar: Robert Piotrowicz arbeitet zwar weiterhin mit modularen Synthesizern und selbstprogrammierter Software. Auf diesem auf seinem eigenen Label Musica Genera veröffentlichten Album erweitert sich das Set-Up nun um Piano, Gitarre und Vibrafon und übernimmt die eigentlichen Strukturen. 2009 produziert und zwei Jahre später von Rashad Becker gemixt, umreißt Piotrowicz in fünf Stücken Möglichkeiten zwischen Musique Concrète, Klangkunst und — das am augenfälligsten und intensivsten — Minimalismus. Die unter die Haut fahrenden Drones, wie sie etwa bei »Clinamen 3« auf seiner Splitplatte mit C. M. von Hausswolff (2010, Bocian) zutage traten, lassen sich auf »Snakeboy« nur noch erahnen. Schon ab den ersten Tönen schält sich eine Genre-übergreifende Subversion oder Transgression heraus, bei der mir Philippe Petits »Lemongirl«-Trilogie oder J. G. Thirlwells Projekt Manorexia in den Sinn kommen: Die Sozialisation mit Noise und Abstraktion ist unüberhörbar, »Snakeboy« macht daraus ein Beschleuniger moderner klassischer Musik. Wie die beiden anderen, hat auch Piotrowicz im Alleingang einen Soundkosmos kreiert, der von einem ganzen Orchester stammen könnte. Es sind die pointillierten, quasi im Raum stehen gelassenen Andeutungen, die hier forschungsleitend sind. Subtilität wäre wohl ein Beschreibungsansatz, eine, die in diesem Umfang oder dieser Komplexität für mich bei Piotrowicz neu ist. Alles andere als Berserker, entrollen sich auf »Snakeboy« Texturen, die wie ineinander verschachtelte, architektonische Räume anmuten. Die Frage bleibt: Ist das eine Art Legitimation, sich mit »künstlerisch wertvoller« Musik auseinanderzusetzen? Ist es eine Leistungsschau? Letzteres auf jeden Fall, indes insofern, als sämtliche Register gezogen werden, die alten Paradigmen zwischen »E« und »U« einzuebnen. Herauszustreichen ist der — trotz aller Drastik und Unvorhersehbarkeiten — ambienthafte Charakter, der diese VÖ durchzieht. Am konzisesten erscheint dabei das vergleichsweise kurze Stück »Pneuma«, eine Sound-Skizze, die sich ständig um die bestimmenden Pole Neue Klassik und Abstraktion windet. Am Ende, bei »Snakeboy Maximus«, steht nach durchaus düsteren Passagen Snakeboys Lichtwerdung an. Breite Synthesizerwände werden aufgefahren, beinahe liturgische Stimmungen breiten sich aus, die nach einigen Eruptionen in dezenten Pianotupfern aufgehen. Es ist eine überaus atmosphärisch dichte Platte geworden und eine der sicherlich zugänglichsten bisher von diesem interessanten polnischen Soundforscher.

Deutscher Vertrieb: a-musik