Wer erzählen will, muss die Augen schließen

E.L. Doctorow konstruiert seine Geschichte des 20. Jahrhunderts anhand des ungleichen Brüderpaars Collyer. 

»Homer & Langley«. So lautet der schlichte aber passende Titel des 2009 veröffentlichten Romans von E. L. Doctorow. Die deutsche ?bersetzung ist soeben bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Das Leben der berüchtigten Collyer Brüder, Homer und Langley, dient Doctorow als Ausgangspunkt, um eine äu&szligerst feinfühlige, packende, dramatische und auch immer wieder heitere Geschichte des 20. Jahrhunderts zu verfassen. »Ich bin Homer, der blinde Bruder.« So beginnt Doctorow seinen Roman. Er stellt dem Leser einen äu&szligerst sensiblen »Beobachter« zur Seite. Ironischerweise muss dieser auf das vielbeschworene, aber eben nur vermeintlich wichtigste Sinnesorgan verzichten. Die ungewöhnliche Erzählperspektive erschwert den Textzugang auf eine angenehme Weise, denn wir werden beim Lesen immer wieder herausgefordert. Es drängen sich Fragen auf: Können wir den Erzählungen eines blinden Protagonisten trauen? Ist das für den Text überhaupt von Bedeutung?

E. L. Doctorow gelingt es auf beeindruckende Weise sich aus dem Leben der Brüder Collyer zu bedienen, ohne den Eindruck zu erwecken, es ginge ihm auch nur ansatzweise um eine journalistische Aufarbeitung ihrer Biographie. Vielmehr verändert er die sogenannten Fakten, wenn es die Dramaturgie des Textes verlangt. In seinem Text modelliert er die realen Collyer-Brüder, ein kontaktscheues und schrulliges Brüderpaar, mit einer au&szligergewöhnlich exzessiven Sammlerwut, um in zwei Menschen, die auf ihre ganz besondere Weise versucht haben etwas zu dieser Welt beizutragen. Diese Sensibilität zeichnet den Roman aus.

E. L. Doctorow: »Homer & Langley«, Aus dem Amerikanischen von Gertraude Krueger, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2011, 224 Seiten, EUR 19,50