Weltmusik, ganz anders. Natur-Soundscapes von Bernie Krause

Nachahmung bzw. Beschäftigung mit den Klängen der Natur hat in der Musik eine gewisse Tradition. Gleich den ganzen Globus als Klangraum, die Meere inklusive, breitet der US-amerikanische Klangforscher Bernie Krause in seiner aktuellen Monografie »Das große Orchester der Tiere. Vom Ursprung der Musik in der Natur« vor uns aus.

Erschienen in skug #98/readable, Frühling 2014.

Krause, ursprünglich klassisch ausgebildeter Musiker, in den 1960er Jahren bei den Weavers, im Anschluss daran Beschäftigung mit elektronischer Musik und Mitarbeit an den Soundtracks von Filmen wie »Rosemary’s Baby«, verlässt Hollywood aufgrund der für ihn frustrierenden Arbeitsbedingungen. Er kehrt an die Universität zurück, um Bioakustik zu studieren, daran anschließend beginnt eine vierzig Jahre dauernde Karriere als Erforscher verschiedenster Soundscapes. An seinen wichtigsten, interessantesten und teilweise überraschenden Erkenntnissen zu den von ihm beforschten Klanglandschaften lässt er uns in diesem umfassenden wie konzisen Werk teilhaben. Die Grundbegriffe der Akustik – Klang, Ton, Lärm usw. – werden erklärt und auch die Psychoakustik kommt (zumindest kurz) zu ihrem Recht.

Das Buch steckt voller spannender Beobachtungen: So wird beispielsweise die Geringschätzung akustischer Signale der Tiere in der Biologie korrigiert. Tiere weisen ein weit größeres Klangspektrum auf als bisher angenommen und selbst dieses wird permanent verändert. Ein weiteres Beispiel wäre, wie Klanglandschaften aus einem bestimmten Habitat, vor allem in der Langzeitbeobachtung, den ökologischen Zustand desselben akkurat abzubilden imstande sind. Oder auch: Frösche quaken im Sommer nach bestimmten, selbst dem Menschen bekannten musikalischen Maßstäben, bis hin in genauem Taktmaß. Was also bei oberflächlichem Hinhören Lärm darstellt, wird zur Musik, wenn es gelingt, die dahinterliegenden Strukturen zu erfassen. Krause erwähnt aber auch weniger erfreuliche Beispiele: Etwa 2003, als Politiker vom Zuschnitt der Bush-Republikaner ein bis dahin erfolgreiches Programm zum Schutz von Klanglandschaften – mittels entsprechender Lärmbeschränkungen – in den Nationalparks abdrehten. Begründung: Es sei inakzeptabel, dass die Freiheit des aufrechten Patrioten, überall und mit welchem Fahrzeug auch immer hinzufahren, von unamerikanischen, auf abgehobenen Elite-Universitäten verhätschelten Naturschützern eingeschränkt werde.

Als Service von Autor und Verlag gibt es zu den entsprechenden Abschnitten des Buchs Klangbeispiele auf einer eigens eingerichteten Website. Ein ungewöhnliches Buch, das uns unbekannte, vergessene und gefährdete Klanglandschaften näher bringt und immer wieder anregt, darüber nachzudenken, welche akustischen Signale uns umgeben. Eine auch persönlich zu lesende Einladung, mit gespitzten Ohren durch den Tag zu gehen.

Buchpräsentation/Vortrag: Sat 21.06.2014 19:00 | semperdepot