Oswald Auer: »Passe-Partout« © Oswald Auer

»Wahrheit setzt Kunst setzt Gerechtigkeit voraus«

In dem Passagen-Band »Passe-Partout« forschen der Künstler Oswald Auer und die Philosophen* Raphael Zagury-Orly und Joseph Cohen auf den Spuren von Derridas »Die Wahrheit in der Malerei« dem nach, was es heißt, sich an den »Grenzen der Wahrheit« zu bewegen. Eine gelungene Assemblage.

Wenn das philosophische Fundament der Wahrheit fragwürdig geworden ist, öffnet dies dann Tür und Tor für Wahrheitsrelativismus und Post-Truth? Zwei Philosophen* und ein bildender Künstler gehen in einem gemeinsamen Buchprojekt dieser Frage nach und kommen zu Antworten, die an Leser*innen und Betrachter*innen gewisse Anforderungen stellen, denn letztlich muss deutlich werden, dass nur ein anspruchsvoller Begriff der Wahrheit, der Kunst und der Gerechtigkeit brauchbar ist.

Die »uralte Vokabel« der Wahrheit
Die westliche Philosophiegeschichte ist durchgehend von der Frage nach der Wahrheit, von ihrer »Entfaltung und ihrer Vorrangstellung« bestimmt. Wie lässt sich das Denken der Philosophie aus dem Bannkreis der »uralten Vokabel« der Wahrheit herauslösen? Diese Frage stellen die Philosophen* Raphael Zagury-Orly und Joseph Cohen in ihrem Essay »Wahrheit setzt Kunst setzt Gerechtigkeit voraus«, der im November 2019 in dem Kunstband »Passe-Partout« bei Passagen auf Französisch und Deutsch erschienen ist (die präzise und klare Übersetzung ins Deutsche leistete Kianush Ruf). Auf den ersten Blick mag das nicht besonders originell wirken – immerhin haben sich feministische, dekoloniale und postmoderne Theoretiker*innen bereits seit den Sechzigern gründlich am Philosophem eines unhintergehbaren Wahrheitsfundaments dekonstruktiv abgearbeitet. Vor dem Hintergrund der Debatten um »Post-Truth« und der Konsequenzen des »postfaktischen Zeitalters«, für die oft allzu einseitig die philosophische Postmoderne verantwortlich gemacht wird (allen voran Derrida und Foucault als vermeintliche Urväter des »postmodernen Wahrheitsrelativismus«, so z. B. bei Kakutani, Dennett und McIntyre), schadet es aber nicht, die große Frage nach dem Verhältnis von Philosophie und Wahrheit nochmals aufzurollen. Vor allem, da Zagury-Orlys und Cohens Text eine notwendige Differenzierung und Verkomplizierung in die Diskussion einführt.

Das Denken der Philosophie, so die programmatische Forderung des Essays, kann seine Geste neu erfinden, indem es sich an der Kunst und der Gerechtigkeit orientiert – denn diese agieren für Zagury-Orly und Cohen immer bereits an den »Grenzen der Wahrheit«. Ausgehend von Levinas’ Diktum, dass die Wahrheit die Gerechtigkeit voraussetzt, plädieren die Autoren* dafür, Kunst und Gerechtigkeit als von der Wahrheit radikal unabhängige, irreduzible Instanzen zu verstehen. Denn »Kunst und Gerechtigkeit«, so ihre These, »fußen auf keinem festen Fundament, auf keiner sicheren Wahrheit, aus denen sie die Bewegung ihrer eigenen Definitionen schöpfen könnten.« Die Kunst und die Gerechtigkeit »anderswo und anders« zu denken als innerhalb der Ordnung der Wahrheit, ist daher das zentrale Anliegen ihres philosophisch gehaltvollen Textes. Solange Kunst und Gerechtigkeit innerhalb eines etablierten (philosophischen) Wahrheitssystems verortet werden, so die Argumentation, bleibt die Kunst auf die Sphäre der Repräsentation, die Gerechtigkeit auf die Operation der Rechtfertigung bereits anerkannter »Wahrheiten« reduziert. Was Zagury-Orly und Cohen hingegen von der Kunst und der Gerechtigkeit, aber auch von der Philosophie einfordern, ist, den Balanceakt an der »Grenze der Wahrheit« zu wagen, ohne sich restlos von der Wahrheit vereinnahmen oder nutzbar machen zu lassen. Kunst und Gerechtigkeit situieren sich in einem prekären Gebiet, in dem sie die Linie zwischen »dem Wahren und dem Falschen« immer wieder aufs Neue ziehen müssen, ohne auf etablierte Wahrheitssysteme zurückgreifen zu können.

»Passe-Partout. Spiel von Innen und Außen« © Oswald Auer

Die Bewegung der Wahrheit verstehen
Zagury-Orly und Cohen geht es jedoch nicht nur darum, die Irreduzibilität von Gerechtigkeit und Kunst gegenüber der Wahrheit aufzudecken. Vielmehr wollen sie gerade deren »Arbeit« im Grenzgebiet der Wahrheit verständlich machen: »Denn eines sollten wir unbedingt verstehen: die Wahrheit – ihre Geschichte, ihre Sinngebung, ihre Rolle und ihr Status, die ihr eigene Ausübung, und die Frage, inwieweit sie das philosophische Denken bestimmt.« Wie lässt sich der Prozess der Sinngebung der Wahrheit fassen? Wie die Autoren* mit Rückgriff auf Derrida aufzeigen, konstituiert sich jedes (philosophische) Wahrheitssystem wesentlich durch seinen Bezug zu dem, was es als sein »Außerhalb« verwirft. Die Wahrheit steht somit immer schon im Verhältnis zu dem, was sie begrenzt und ihre Ordnung tendenziell stört. Allerdings besitzt die Wahrheit auch die Fähigkeit, sich ihre Grenzzonen in einem Prozess der ständigen De- und Reterritorialisierung immer wieder anzueignen und ihren Sinnhorizont auf diese Weise zu verschieben und auszuweiten.

Die Grenzen der Wahrheit werden somit als ein Ort der Dekonstruktion stabilisierter Wahrheitssysteme verständlich – fungieren zugleich aber auch als Motor der Bewegung der Wahrheit, als Schnittpunkt, an dem die Wahrheit ihren Anspruch auf ein »vollständiges Begreifen« der Wirklichkeit immer wieder neu aufrichtet und einholt. Das ständige Scheitern der Wahrheit an ihren verletzlichen Grenzen und ihrer Fähigkeit, eben diese Grenzen immer wieder aufs Neue zu »vernähen«, bezeichnen die Autoren* als den verdeckten »Nihilismus« im Herzen der Wahrheit. Dabei diagnostizieren sie eine in der westlichen Philosophiegeschichte tief verwurzelte fatale Verknüpfung von Tod und Wahrheit: Von Plato bis Heidegger gilt der Tod als »privilegierter Zugang« zum Wahrheitsphilosophem, als jenes Geheimnis, das den totalitären Anspruch der Wahrheit zugleich untergräbt und neu anstachelt. Mit Nietzsche fragen die Autoren* daher, was es für die westliche Philosophiegeschichte heißt, an der »Wahrheit zu Grunde zu gehen«, und argumentieren dafür, ein Denken, eine künstlerische Praxis und eine Gerechtigkeit ins Werk zu setzen, die sich nicht mehr am Tod, sondern vielmehr am Begriff des »Überlebens« orientieren.

Zagury-Orly und Cohen decken auf den argumentativen Spuren von Derridas »Die Wahrheit in der Malerei« (1978) mit großer analytischer, philosophischer und sprachlicher Präzision die Funktionsweise, die »versöhnliche Logik« und die Bewegung (philosophischer) Wahrheitssysteme auf. Obwohl die Begriffe der Wahrheit, der Kunst und der Gerechtigkeit, mit denen sie hantieren, durchgehend philosophisch-abstrakt bleiben, verdeckt dies keineswegs die große politische Brisanz ihrer Analyse. Denn eine differenzierte Auseinandersetzung der Prozesse, in denen sich Wahrheitssysteme etablieren, ist unerlässlich, um eine widerständige Praxis an ihren Rändern zu riskieren. Zagury-Orlys und Cohens Essay ist dabei nicht nur eine Reflexion über die Beziehung von Wahrheit und Philosophie, sondern vor allem auch eine vielschichtige Meditation über den hochaktuellen Begriff der »Grenze«.

»Passe-Partout. Pointilistische Innenräume« © Oswald Auer

Die Grenze im Zwielicht
Hier kommen die Arbeiten von Oswald Auer ins Spiel. Der Band beinhaltet insgesamt fünf Zeichnungen des Künstlers, die während eines Aufenthalts in Jerusalem 2006 entstanden sind. »Passe-Partout«, der Titel dieser Werkreihe, bezieht sich auf den Vorspann zu Derridas »Die Wahrheit in der Malerei«. Ebenso wie Derrida in seinem Vorwort, zeichnet Oswald Auer direkt auf den Karton des Passepartouts. Das Sujet seiner Zeichnungen sind Innenräume, deren Fenster den Blick auf die Welt »außerhalb« dieser verlassen wirkenden Orte freigeben. Auer vervielfacht so das Spiel zwischen Innen und Außen, zwischen Peripherie und Zentrum, Rahmung und Werk. Damit reflektieren seine Zeichnungen auch die speziellen Bedingungen in Jerusalem, einem Ort, der »sich immer weiter mit Mauern, Trennungen, Teilungen und Grenzen umgibt«, der zugleich aber »ohne klar bestimmbare geographische Grenzen ist, in den bereits die Wüste eindringt, an dem das Licht die Konturen verschwimmen lässt«, wie Zagury-Orly und Cohen in ihrem Kommentar zu Auers Arbeit schreiben. Eine Stadt unscharfer Kontraste also, die zugleich von streng kontrollierten Grenzen durchzogen ist.

Das Wort »Passepartout« heißt wörtlich »überall durchkommen«. Wie Derridas »Schibboleth« fungiert es als ein Schlüssel, der eine*n vermeintlich sicher über eine bewachte Grenze kommen lässt. Wie Oswald Auer das Publikum bei der Buchpräsentation im November 2019 im Depot Wien erinnerte, ist es aber auch der Name des Begleiters von Phileas Fogg aus Jules Vernes »In achtzig Tagen um die Welt« (1872). Tatsächlich inszenieren Auers Zeichnungen in ihrem pointilistischen Stil eine Vernebelung des Blickes (fog/Fogg) und versetzen die Betrachtenden in die verschwommenen Sichtverhältnisse des Zwielichts. Für Derrida ist es gerade diese Verschleierung des Blickes, die die »Wahrheit der Augen« offenbart, wie er in seinen »Aufzeichnungen eines Blinden« (1990) schreibt, einem Text, in dem er sich auch zu seiner besonderen Vorliebe für die Zeichnung bekennt. Denn es ist dieses »unscharf Sehen«, dieses »Nicht-Wissen« der Myopie, das die Möglichkeit der Verflüssigung, des Fragwürdig-Werdens des Gegebenen – kurz: der Dekonstruktion – öffnet. Auers Zeichnungen heben die Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen Gegenständlichem und Fiktion immer wieder auf und definieren sie neu. Genau darin sehen Zagury-Orly und Cohen auch die Aufgabe der Kunst, der Gerechtigkeit und des philosophischen Denkens: die Grenze zwischen dem Wahren und Falschen immer wieder neu zu ziehen, indem sie an die »Fiktion ihrer Unveränderlichkeit« erinnern.

Zu diesem Effekt trägt auch das Layout des Buches bei, in dem der französische und der deutsche Text die Bilder umfließen und das an die Struktur von Talmudseiten erinnert. Oswald Auer denkt in seinen Zeichnungen den Ort der Grenze nicht als »Checkpoint«, an dem Identitäten überprüft und festgeschrieben werden, sondern als Möglichkeit der Transformation, die sich gerade aus der Unbestimmbarkeit dieses Zwischenraumes ergibt – zu dieser Geisterstunde des Zwielichts, einem Ort »entre chien et loup«, an dem alle klaren Konturen verschwimmen. An diesem Ort ist es unmöglich, zwischen »Risiko und Chance« zu unterscheiden, wie Zagury-Orly und Cohen die existenzielle Situation dieser Arbeit an der Grenze der Wahrheit auf den Punkt bringen: Die Kunst, die Gerechtigkeit, die Philosophie, so scheint es, bewegen sich seiltänzerisch, ohne klare Sicht, ohne den Rückhalt stabiler Wahrheiten. Auf diese Weise spinnen sich die zarten Linien zwischen Text und Bild beständig weiter fort. Es ist genau dieses feinfühlige Zusammenspiel zwischen Form und Inhalt, das Ineinanderfließen der präzisen philosophischen Analyse mit Auers pointilistisch-zwielichtigen Räumen, die »Passe-Partout« zu einer absolut gelungenen Assemblage machen.

Oswald Auer: »Passe-Partout«. Mit Beiträgen von Joseph Cohen und Raphael Zagury-Orly. Übersetzt von Kianush Ruf. Passagen Verlag, 96 Seiten, EUR 35,00

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