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Virale Überaffirmation

Musikalische Reflexion über Gefahren und Möglichkeiten in der Corona-Krise.

Ich sitze vorm Rechner und ich staune. Noch nie habe ich eine so große Gleichschaltung der Meinungen und Gefühlen in so kurzer Zeit beobachtet. Und das scheint sogar gut so zu sein: Humanität, Zusammenhalt, Gemeinschaft, alle die Werte, die mantrenhaft mit »die Kurve flach halten« und »das Gesundheitssystem schonen« hochgehalten werden, sind wichtig und gut in diesen schwierigen Zeiten. Dass es mir dabei trotzdem kalt über den Rücken läuft, ist vielleicht einfach einem persönlichen, intergenerational vermittelten Familientrauma mit faschistischer Gleichschaltung zu schulden – und hier fehl am Platz.

Gamifizierter Kampf gegen den Tod
Ich denke heute über Überaffirmation nach. Eine künstlerische und politische Strategie, die ganz gegensätzlich zur scheltenden Kritik das Problematische nicht denunziert und blockiert, sondern so stark bejaht und zur Spitze treibt, dass die inhärente Lächerlichkeit des Problematischen aus ihm selbst heraus spricht. Ein berühmtes Beispiel ist Laibachs feindliche Übernahme des Opus-Hits »Life Is Life«. Durch eine geschickte Rekontextualisierung wird der latente Faschismus der scheinbar belanglosen, neoliberalen Motivationssprüche der Lyrics dieser 1980er-Hymne bloßgestellt. Beim Wiederhören kann ich mir nicht den Gedanken verwehren, dass dieser Track in der heutigen Situation etwas ziemlich genau trifft.

When we all give the power
We all give the best
Every minute in the hour
We don’t think about the rest
And we all get the power
We all get the best
When everyone gives everything
Then everyone everything will get
Life is life!

Alle sitzen zuhause alleine vorm Rechner und gemahnen so intensiv wie gefühlt noch nie an den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Niemand darf jetzt egoistisch handeln oder auch nur denken, sondern wir sind alle füreinander verantwortlich – damit wir alle gesund bleiben. Es scheint mir, als ob unsere Gesellschaft auf einmal den Tod entdeckt hat und aus dieser skandalösen Einsicht den radikalsten Schluss zieht: niemand darf mehr sterben. Jede größere Zeitung offeriert einen Live-Ticker zu Infektions- und Todeszahlen des Landes und das Gemeinschaftsziel ist der Kampf gegen diese über den Bildschirm flackernden Nummern. Jeder, der mitspielen will, muss nur euphorisch #staythefuckhome auf dem Social-Media-Kanal seiner*ihrer Wahl posten und schon ist man dabei. Wie in einem simplen Computerspiel scheint nichts anderes zu zählen, als diesen Negativ-Highscore möglichst niedrig zu halten: die sozialen Auswirkungen der Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die neuen Präzedenzfälle eines massiven Überwachungsstaats, die Sinnhaftigkeit der Isolationsmaßnahmen und deren Auswirkungen auf Immunsysteme und sozial schlechter Situierte, die Relation der Corona-Infektionszahlen mit anderen Influenza-Infektionen oder auch nur schlicht die Frage, ob die Zahlen, mit denen wir hantieren, eine statistische Belastbarkeit haben – all das zählt nicht, wenn man sich im überaffirmativen Spiel des Lebens Edition Corona eingeloggt hat.

Horror, Harmonie und Heuchelei
In dem weniger bekannten Track »Come Down To Us« von Burial sehe ich eine der radikalsten Spielarten der Überaffirmation. Auf 13 elendig langen Minuten werden beinahe unaushaltbar kitschige Chords mit esoterischen Heilsslogans verwoben – fetzenweise hört man Platituden wie »Become one«, »Angel, you are the world to me«, »This is the moment, when you see who you are!« aus den leicht übersteuerten melodischen Wallungen hervorkommen. Manchmal wird ein Vocal-Sample gruselig verzerrt, manchmal gibt es einen verunsichernden Break, doch wenn die eigentlich beruhigenden warmen Kitschmelodien wieder von Neuem ansetzen, merkt man: Die Schönheit und Harmonie dieser Slogans ist das wirklich bodenlos Schaudervolle an diesem Track.

Ähnlich geht es mir mit der aktuellen Stimmung auf Social-Media-Kanälen. In den letzten Wochen ist mir mehrmals aufgefallen, dass, wenn ich auf Facebook potenziell kritische, aber tatsächlich einfach auch neugierige Fragen zur Krise stelle, die mir in der panischen Ticker-Berichterstattung untergehen, (also in welchem Kontext die Zahlen entstehen, wie hoch die Dunkelziffern sind, warum wir fast nie was über positive Entwicklungen oder von beruhigenden Virolog*innen hören (die es ja auch gibt, hier oder hier z. B.), mir sofort von der Mehrheit kritischer Egoismus und dekadente Fahrlässigkeit vorgeworfen wird. Spätestens das Nennen der aktuellen Totenzahl aus Italien scheint für die meisten genug Argument zu sein, jedes Nach- und Hinterfragen sofort zu beenden. Mir scheint, dass kritisches Nachfragen bei vielen plötzlich gleichgesetzt ist mit aktivem Widerstand gegen die Maßnahmen – und deswegen verboten ist. Dabei will ich einfach nur mehr über die Krise und ihre Konsequenzen herausfinden – was nicht bedeutet, dass ich ihre Gefahr negieren will.

Kritisches Hinterfragen nicht erlaubt?
Was hinter all den moralinsauren Gemeinschaftsbekundungen aus sicherer Distanz Unheimliches lauert, fürchte ich spätestens, seit mir Bekannte, die ich als mir eigentlich freundschaftlich gesinnt eingeschätzt hätte, Kritik in scharfen Worten als in diesen Zeiten unpassend, »taktlos« und »egoistisch« verboten haben. Wer jetzt noch auf sein Recht auf Kritik und freie Meinungsäußerung poche, sei nur der eigenen egoistischen Geltungssucht ausgeliefert und nicht besser als ein sexistischer FPÖler, der »man wird ja noch sagen dürfen« auf den Stammtisch prügelt. Wahre politische Revolutionäre, verkündet der*die Verfasser*in dieser Verwarnung, wissen, dass jetzt nicht der rechte Zeitpunkt ist und sie unverzüglich alle ihre kritischen Fragen »wegpacken« sollen.

Ich bin heute Nacht wach im Bett gelegen wegen diesen Zeilen und habe mich gefragt, ob euphorische Verfechter*innen der neu gefundenen gesellschaftlichen Einheit bald Kritiker*innen als volksgesundheitsgefährdende Elemente beim BKA des in dieser Krise plötzlich unhinterfragbar vertrauenswürdigen Sebastian Kurz melden. Richtig geraten, hier spricht mein oben angesprochenes Faschismustrauma wieder aus mir. Aber man liest schon von Leuten, die auf Facebook empört Fotos von Parkspaziergänger*innen posten, und es soll auch schon denunziatorische Anrufe bei der Polizei gegeben haben. Mir kommt vor, dass nach Zeiten haarsträubender sozialer Kälte und gigantischen Misstrauens in Politiker*innen wie Trump, Kurz & Co. nun plötzlich eine Phase der viralen Überaffirmation losgetreten wurde: Plötzlich schreibt man den eben noch schwer misstrauten staatlichen Regierungen absolute Glaub- und Vertrauenswürdigkeit zu, plötzlich können wir uns über alle Gräben hinweg zeigen, wie menschlich und solidarisch wir doch sind – was auch so leicht wie noch nie zuvor fällt, da man ja in den eigenen vier Wänden sitzt und mit niemandem wirklich Umgang haben muss.

Der Virus existiert nicht nicht
Das Problem, vor dem ich zur Zeit stehe, ist folgendes: Ich möchte mich nicht aufgrund der grenzenlosen Heuchelei in einer Zeit der Corona-Überaffirmation in das andere Lager gedrängt fühlen und plötzlich so blödsinnige Sachen wie »Der Virus ist nur eine soziale Konstruktion und es besteht keine reale Gefahr« verlautbaren. Wir haben es hier mit einer tatsächlich tödlichen Pandemie zu tun und nicht bloß einem neuen Beispiel der Regierungstechnik des Ausnahmezustandes, wie es Giorgio Agamben neulich schrieb. Doch bei all dem überaffirmativen Gleichklang und der sofortigen Disqualifizierung aller anderen Stimmungen scheint mir komplett das eigene kritische Hinterfragen des gegenwärtig exzeptionellen Status quo über Bord zu gehen.

Kritik wird sofort gleichgesetzt mit asozialer Missachtung der epidemiologischen Biopolitik der Stunde. Ich habe Angst, dass wir durch diese Art Überaffirmation noch viel mehr riskieren, zusätzlich zu tausenden Menschenleben: eine demokratische Öffentlichkeit, die Kritik und Divergenz als essenzielle Werte für eine lebensnotwendige Pluralität an Ansichten feiert und fördert. Diese gefährliche Tendenz hat sich freilich auch schon vor Corona abgezeichnet, doch die Beschleunigung dieser Entwicklung – zu sehen, wie viele, die sich bisher als kritisch begriffen, plötzlich dem Staat scheinbar unbedingten, unhinterfragten Gehorsam schenken – lässt mich derzeit schwindlig werden.

Mit der Repression neue Freiheiten erreichen?
Einer der großen Meister der Überaffirmation ist ohne Zweifel Screamin’ Jay Hawkins. Wie z. B. im Video von »I Put A Spell On You« zu sehen, nimmt der Ausnahmekünstler alle repressiven Klischees und Regimes einer majoritären kolonialistischen Bildpolitik in sich akzeptierend auf: Er affirmiert und verkörpert die rassistische Projektion des schwarzen, wilden, unkontrollierten Buschmannes, der es triebgesteuert auf alle Frauen abgesehen hat, radikal. Doch tut er dies auf eine so konsequente Weise, dass aus dieser Überaffirmation nicht nur das Falsche und Verlogene an diesem imperialistischen Imaginären offensichtlich wird. Hawkins versteht die Kunst der Überaffirmation zu so einem Grad, dass innerhalb der repressiven Strukturen eine beinahe ungeahnte neue Freiheit und Handlungsfähigkeit entsteht, die jeglichen bisher denkbaren Möglichkeitshorizont überschreitet. Plötzlich bewegt sich das koloniale Subjekt gerade aufgrund seiner Überaffirmation der (individuell nicht zerstörbaren) repressiven Strukturen freier als irgendein Unterdrücker.

Ich frage mich, ob sich eine ähnliche Haltung der Überaffirmation gegenüber den gegenwärtigen – großteils berechtigten – Beschränkungen des Alltags erzielen lässt: Können wir mit einem kritischen Sondieren wie Akzeptieren des gegenwärtigen Ausnahmezustandes einen neuen, ungeahnten Grad der Freiheit innerhalb des viralen und toxischen Jetzt finden, welcher weit über die vorpandemische Vergangenheit hinaus in eine viel gesündere Zukunft weist? Was kann dieser in der zweiten Republik einmalige Einschnitt in den Alltag und die Freiheit für Möglichkeitsfenster öffnen, ein radikal anderes Verhältnis zu den Ressourcen unseres Planeten und den sie ausbeutenden kapitalistischen Werten anzudenken? Was für eine Art von Solidarität lässt sich mit dem Virus (er wird so schnell wohl nicht weg gehen) und jenseits des engen, nationalstaatlichen Reinheitsdenkens in einer vielbewegten, sich radikal verändernden Welt ausprobieren? Wir sind alle viele – jede*r einzelne besteht aus einer Vielzahl von Mikroben, darunter auch immunologische Reste alter Seuchen, die unsere heutige Menschlichkeit erst ausmachen. Können wir eine neue inklusive Menschlichkeit jenseits von Reinheit und Isolationsgeboten à la abgeschlossenes, autonomes Subjekt andenken, die uns stärker und resilienter nicht nur in dieser, sondern in allen unseren Krisen macht? In short: Wie können uns die gegenwärtigen Beschränkungen den Weg weisen zu dringend benötigten Weisen des »good living and dying on this planet« (Donna Haraway) für die Allermeisten?