Gedenkstätte am Desider-Friedmann-Platz © Bwag/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Verlorene Seelen

Hängengebliebene Fragmente zum Attentat in Wien, bei dem fünf Menschen starben. Puzzlestücke, die kein vollständiges Bild ergeben. Manche Männer beschäftigen sich aktiv mit dem Thema Krieg. Zerstörerisch. Mörderisch. Selbstzerstörerisch.

»Er trug immer den Müll hinunter«, lachte ein abgefallener Islamist im Fernsehen, der das typisch für den Charakter des Attentäters fand. Im Dunkeln steht der ehemalige Islamist anonymisiert vor der Kamera, man ahnt einen großen Mann mit Brille. Brav fand er den späteren Attentäter, der für die anderen Hilfsleistungen ausführte. Ein Junge, der für andere den Mist macht. Glaubt, für eine imaginäre Gemeinschaft zu handeln. Leute, die das ausnutzen?

Eine junge Frau auf Hochdeutsch im Fernsehen: Es beutelt sie, wenn sie an den Abend denkt, als sie unter dem Tisch saß und »abwechselnd an den Beinen ihrer Familie« zog, damit die auch Deckung suchen. Doch die Tischplatte war zu klein. Sie starrte einen Mann an, der unter einem anderen Tisch saß. Der starrte zurück, gelähmt vor Angst. Die Traumatherapeutin sagt: »Schütteln Sie sich aus!« und macht es vor – mit unbewegtem Gesicht. Schüttelt Arme und Beine, wachelt mit den Händen, klopft sich ab. »Das sind meine Grenzen!«

Die Israelitische Kultusgemeinde Wien hält in einer Protestnote fest, dass sie nicht den Film aus der Überwachungskamera weitergab, auf dem der Attentäter eine Frau erschießt. Ein Film, der in den sozialen Medien fleißig verbreitet wurde. Vier Polizisten kamen und filmten die Aufzeichnungen der Videokamera ab. Der Film gelangte sehr schnell an die Boulevardmedien. Über den Wachdienst?

Die Schwester der Frau, die gegenüber der Synagoge erschossen wurde, schreibt: »Gudrun hätte zu diesem jungen Mann gesagt – also bevor er radikalisiert wurde – ›setz dich her zu mir und erzähl‘ mir, was dich so wütend macht. ‹« Die tapfere Frau möchte nicht, dass die Attentate für Stimmung gegen Muslime oder Ausländer verwendet werden. Das hätte ihre ermordete Schwester nicht gewollt. Sie war vom Autonomen Frauen Lesben Zentrum und ging über Jahrzehnte auf Demos gegen Gewalt gegen Frauen und gegen Rassismus mit. Auf ein Bier nach der Arbeit mit Kollegen und tot.

In dem Buch »Die Brücke von San Luis Rey« wird das Schicksal von Menschen, die beim Brückeneinsturz starben, zurückverfolgt, und alle waren genau an einem wichtigen Punkt in ihrem Leben angelangt, an einer Wegkreuzung. Sollte das ein Trost sein?

Verdrängte Kriegserlebnisse
Ich glaube den Eltern des Attentäters nicht, dass sie nichts von den Veränderungen ihres Sohnes mitkriegten, wie in den Medien suggeriert wird. Ein Gärtner und eine Verkäuferin. Ich befürchte, dass schon die Eltern die Bosnien- und Kosovo-Kriege erfolgreich verdrängten. So wie heute viele noch immer so tun, als ob der Krieg vom Himmel gefallen wäre. Als ob es keine Beteiligten gäbe. Und Täter schon gar nicht. Wer hat diesen Krieg eigentlich durchgeführt? Die kollektive Abschlachtung der Muslime. Schulterzucken. Kaffee und Tschick, Pivo und Sliwowitz.

Der Opa des Attentäters im Fernsehen, in seinem fernen, kleinen Dorf, fuchtelt wild herum. Er distanziert sich komplett, regt sich aber körperlich auf. Ob der Mann in einem Krieg gekämpft hat? Wo und wann? Es wird nicht gefragt oder nicht gesendet, obwohl ein Fernsehteam extra hingefahren ist. Schon damals, mitten im Krieg fing das mit dem vielen Geld und den Netzwerken an: Saudi-arabische Männer kauften sich bosnische Flüchtlingsfrauen aus den Flüchtlingslagern in Slowenien heraus und nahmen sie nach Saudi-Arabien mit, wie Hilfsorganisationen hilflos berichteten. Wir vom Wiener Frauenzentrum durften allein Selbstbehauptungskurse für jugoslawische Frauen abhalten, Selbstverteidigungskurse zahlte das Frauenministerium nicht.

In Skopje gab es vor dem Krieg ein Viertel für die benachteiligte Volksgruppe der Albaner, das Ghetto genannt wurde. Albaner hätten Goldzähne, wurde gemunkelt. »Albaner desertierten im Krieg, weil sie nicht gegen Serben kämpfen wollten«, sagt eine Freundin aus dem Kosovo am Telefon. »Verlorene Seelen«, nennt sie diese jungen Männer, die keine Heimat und keine Identität hätten, völlig haltlos seien. Sie selbst fuhr mit ihren kleinen Kindern in den Kosovo und zeigte ihnen die Überreste ihres zerstörten Dorfes. Aber auch das an anderer Stelle neu erbaute Dorf. Als Jugendliche war sie dabei, wie ihre beiden Cousins, die Medikamente ins belagerte Sarajevo schmuggelten, erschossen wurden. Sie sei sehr traurig, sagt sie. Dann legt sie auf.

»Wenn ein Junge nach Syrien gehen will, sage ich immer, ich will dich nicht verlieren. Gehe nicht«, meinte ein Sozialarbeiter im Interview. Er sieht diese jungen Frauen und Männer als Selbstmörder auf Umweg an. Sie würden sich selbst vernichten, und andere mit, weil nicht wenige Täterkinder oder -enkel wären. Aus Familien, in denen der Krieg und die Morde immer mitschwingen, aber unbewusst und als Gefühle – nicht ausgesprochen. Manche hätten »Heldentäter« als Väter. Sie würden sich mit dem Thema Krieg beschäftigen, aber eben auf ihrer Art. Zerstörerisch. Selbstzerstörerisch. Ich hänge immer noch an dem Umstand fest, dass der Attentäter als ersten quasi sein Spiegelbild erschoss, einen jungen Mann, zweite Generation Albaner, hier geboren, »bei uns«, »einer von uns aus Österreich«. In Korneuburg wurden Kerzen für ihn aufgestellt. Er stand auf der Jerusalemstiege und rauchte.

Der Attentäter wünschte sich im ersten Prozess gegen ihn »eine Wohnung und einen Job« vom Islamischen Staat, denn er hatte anscheinend gröbere Probleme mit seiner Mutter, mit der er lebte. Seltsame Netzwerke, die sozial und finanziell unterstützen würden – besser als Wiener Sozialarbeiter? Der Mitangeklagte des Attentäters im Prozess hingegen wollte »für seine Heimat Blut vergießen und sterben«. Welche Heimat?

Erzählung in Fragmenten
Fragmentarisches Leben kann nur in Fragmenten erzählt werden, schrieb Dubravka Ugrešić in »Das Museum der bedingungslosen Kapitulation«. Sie erzählte in Fragmenten. Auch in ihrem Buch »Die Kultur der Lüge/Kultura lazi«.

Ein Mann sprang sechs Meter in die Tiefe, um dem Attentäter zu entkommen. Er erlitt mehrere Brüche und trägt seither das Foto seines kleinen Sohnes immer bei sich. Denn an den Kleinen dachte er, als er neben der Brücke im Gras am Boden lag, nach seinem todesmutigen Sprung. Schichtleiter in einem Restaurant mit schneller Reaktionsgabe.

Man weiß nicht, warum der Attentäter diese Gegend um den Wiener Schwedenplatz wählte, aber er kurvte vor der Hauptsynagoge herum, tötete direkt gegenüber des Tempels. Während der Rabbiner aus dem Fenster schaute, schnell seine Kinder zurückdrängte und das Fenster schloss.

Um die Ecke, in der Ruprechtskirche, der ältesten Kirche Wiens, versteckten sich zu diesem Zeitpunkt 17 religiöse Jugendliche. Schlossen die Türen, machten das Licht aus, saßen im Dunkeln. Die Kirche strahlt Düsternis aus und ist meistens verschlossen, sie steht auf dem Gebiet des ehemaligen römischen Militärlagers Vindobona.

Kannte ein junger Mann, der im 22. Bezirk wohnte, nur das Bermuda-Dreieck am Schwedenplatz als Ausgehort, an dem bestimmt viele Menschen sind? Es war ein warmer Abend, dieser Abend vor dem Lockdown, es herrschte eine fröhliche Stimmung in der Stadt. Viele Menschen waren unterwegs, entschlossen, das Leben zu genießen.

Unsere Weherte
Am Abend des Attentats meldeten sich ein naher Verwandter, eine jamaikanische Freundin, deren Vater vor zwei Jahren spurlos verschwunden ist und meine Kusine aus Amerika bei mir. Sie wollten wissen, ob ich in Sicherheit bin. Ich war gerührt. Nach dem Attentat frage ich ein Kind, wie in der Schule erklärt wurde, warum der Attentäter mordete. »Wegen der Weherte, unserer Weherte!« »Welche Werte?« »Demokratiemenschenrechtefrauenrechtemeinungsfreiheit«, rattert das Kind in einer Schlange ohne Pause herunter. Es kennt sich nicht aus. »Manche Menschen haben einen Schaden und den tragen sie auf andere Menschen aus«, sage ich empört. Was ein Kriegsschaden bedeuten kann, weiß es von den Omas.

»Was sagen Sie den Verwandten und Bekannten, die eine Radikalisierung melden?«, wird die Leiterin der Wiener Antiradikalisierungsstelle gefragt. »Nicht auf Abstand gehen, sondern in Beziehung bleiben«, sagt sie. Es klingt so, als ob sie das schon öfter genau so unterstrichen hat. Hilft das gegen Netzwerke?

»Es ist mir egal, ob der antisemitische Angreifer von links oder rechts, oben oder unten kommt«, sagte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Graz nach dem Angriff eines syrischen Flüchtlings mit einem Stuhlbein auf ihn. »Hauptsache ist: Er soll damit aufhören.« Eine heroische Ansage – aber für die Prävention wird das nicht reichen. Es braucht mehr.

»Schreib auf jeden Fall, dass der Attentäter einer von hier war, in Mödling geboren. Es hat auch mit Österreich zu tun«, sagte eine Freundin, die trotz 17 Jahren in Österreich bisher keinen Pass erhalten konnte, da sie zwischendurch einmal um zwei Wochen zu lang in Amerika war. Ihr Großonkel kürzte auf dem Familienstammbaum bei allen Kusinen ihrer Oma die Todesursache ab: DbH. Died by Hitler.