Roberto Bolaño © YouTube

Verfolgungswahn in Romanform

Der 2003 verstorbene chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño tritt posthum immer wieder in Erscheinung. Dieses Mal mit seinem Erstlingsroman »Monsieur Pain«, den der Fischer-Verlag nun erstmals in deutscher Sprache herausbringt. Eine kurze Ode an den viel zu früh verschiedenen Meister.

Roberto Bolaño schrieb wie jemand, der Zeit seines zu kurzen Lebens wie am Fließband Bücher las, sodass er dann, als sei es ein Ergebnis dessen, Bücher wie »Die wilden Detektive« oder »2066« publizierte, in denen er diese Informationen und Eindrücke veredelt vorlegen konnte. Nicht aber waren diese Bücher bloße Stilübungen, ein Abklatsch des Gelesenen, Pastiche o. ä., sondern in seiner ganz eigenen Sprache und Form geschaffene Meisterwerke, in denen er zeigt, wie leichtfüßig und fantasiesprudelnd er komplexe Schicksalszusammenhänge erzählerisch spannend und literarisch anspruchsvoll miteinander verquicken konnte. Dass er das nicht erst in seinen beiden herausragenden Meisterwerken vollbrachte, zeigt sein nun im Fischer-Verlag erschienenes Debüt »Monsieur Pain«.

Zwischen Surrealismus und Weltkrieg
»Monsieur Pain« ist in Paris angesiedelt, als sich der Zweite Weltkrieg auch dort abzuspielen beginnt, und behandelt die Geschichte des gleichnamigen Mesmeristen Pierre Pain, der sich als Kriegsinvalide nach dem Ersten Weltkrieg dem Okkulten zuwendet und mithilfe seiner mesmerischen Fähigkeiten des an Schluckauf erkrankten, im Sterben liegenden peruanischen Dichters César Vallejo (tatsächlich im April 1938 in Paris gestorben) annehmen soll (der große Dichter, der heilige Gral, Ziel der Queste wie später der »große« Benno Archimboldi).

Bolaño stellt der Erzählung quasi als Prämisse eine Stelle aus Edgar Allen Poes »Mesmeric Revelation« voran. In dieser Kurzgeschichte schildert Poe eine Form der Metaphysik-Kritik, die, vorgetragen in einem Gespräch zwischen einem Hypnotiseur und einem (hypnotisierten) Todkranken, die Idee Gottes, das Leben und die Unsterblichkeit behandelt und dem annähernd das Prädikat einer kurzen philosophischen Studie anhaften kann. Eine Schlussfolgerung dieser Annahme ist, jede Krankheit sei eine nervöse Störung, der sich der Behandelnde während der Hypnose annehmen kann. Dieser Text ist also Ausgangspunkt der Erzählung, der Hypnotiseur Pain aus »Monsieur Pain« gleicht dem Poe’schen Hypnotiseur aus »Mesmeric Revelation« maßgeblich.

Schilderungen der Gegend um die schicksalsumwobene Salpêtrière, Anstalt für Geisteskranke Charcots und Freuds, tun das Ihrige, sind natürlich wie gemacht für das surreale, der Spielzeit angemessene Geschehen. Die Gestalt des Detektivromans nimmt ihren genialen (!) Höhepunkt in »Die wilden Detektive« und »2066« vorweg. Reminiszenzen, in denen die Grenzen von Traum und Wirklichkeit richtigerweise verschwimmen bzw. gänzlich aufgelöst werden haben nicht nur Surreales, sondern gehen gar in eine Lovecraft’sche Horrorrichtung, wenn das Gefühl, Opfer des Traums zu sein, in Verfolgungswahn ausartet. Das Absurde und das Grausame sind nur zwei Seiten einer Medaille.

Einsamkeit und Wahnsinn
Pain wird beschrieben als ein einsamer Mensch. Einsamkeit wird beschrieben als »die luzideste Form des Wahnsinns«. Einsamkeit entsteht durch den Mangel an gesicherten Wahrheiten, Rückmeldungen aus der Umwelt, Bestätigung des Selbst. Sobald einem die Macht über die Wahrnehmung aus den Händen gleitet, entwickelt die Realität eine Unwirklichkeit, wie im Traum. In der Panik, im Wahnsinn sind die Gedanken wie Versuchungen, denen man widerstehen muss. Und da fiebert man durchaus mit dem Protagonisten mit. Es hat etwas Kafkaesk-Verstörendes, wie der Protagonist (Spoiler!) ohne jedwede Erklärung aus dem Krankenhaus verbannt wird. Die Szene soll auch nicht aufgelöst werden und der Autor zeigt damit nur einmal wieder, dass die unbeantwortete Frage eine Spannung aufrechterhält, die ein schnödes Faktum nie erreichen kann.

Seine Erzählungen bestehen aus verschiedenen Strängen verschiedener Figuren, die sich immer mal wieder treffen und verknoten, mal mehr, mal weniger, nicht alles ergibt immer Sinn. Es geht nicht immer ums Verstehen, um Wahrheit. Manche Illusionen sind ausreichend, manche Wahrheiten reduzieren sich auf Schatten an einer Höhlenwand und darin liegt der Reiz. Biographische Details am Ende des Romans (sowie auch die reale Figur des Vallejo) oder die Nennung von historischen Figuren, wie z. B. dem Mitbegründer des Surrealismus Louis Aragon, geben dem ganzen (Alp-)Traum zumindest gegen Ende etwas Weltliches, Nachprüfbares, was das Erleben des Protagonisten selbst nicht zustande bringen kann, es ergibt sich ein Realitätsrahmen.

Bolaños »Monsieur Pain« ist nicht sein größtes Werk. Das ist nicht möglich, allein weil es von der Menge der Seiten nur einen Bruchteil seiner Meisterstücke ausmacht, die es so wunderbar schaffen, Bruchstücke der völlig zersplitterten Realität ineinander in Bezug zu setzen und einen modernen »Roman« zu schaffen, die Welt abzubilden, was ja eigentlich von vielerlei Seite als gar nicht mehr möglich erklärt wird. Und in diesem Größenwahn liegt ja die Größe von Bolaño. Und diese entfaltet er eben in den beiden Mammutwerken. »Monsieur Pain« nimmt das quasi vorweg und darf getrost gelesen werden von denjenigen, die sich noch nicht an die jeweils etwa 1.000 Seiten schweren Ziegel trauen. Aber auch für bereits Begeisterte ist »Monsieur Pain« ein Genuss, der über die leider viel zu kurze Schaffenszeit des Autors zumindest einen Wimpernschlag lang hinwegtröstet.

Roberto Bolaño: »Monsieur Pain«, S. Fischer, 2018, 176 Seiten, EUR 21,00

Link: https://www.fischerverlage.de/buch/roberto_bolano_monsieur_pain/9783103974188