»The Velvet Underground« © Apple TV+

Zentralgestirn im New York der Mid-Sixties

Eine Fahrt im samtenen Kinosessel zurück ins New York der Mid-Sixties per Musik-Doku von Todd Haynes: »The Velvet Underground« zeigt auf, dass vor allem das Mitwirken von John Cale und Andy Warhols Einbringung von Nico die vielleicht einflussreichste Rockband der Welt entzündeten.

Wenn man im Filmcasino, trotz einer Pandemie, in einem roten Plüschsessel sitzend The Velvet Underground zu hören und zu sehen bekommt, dann ist das ein verdammtes Privileg. »It’s a privilege« auch bezüglich des Line-ups der obligatorischen Szenegrößen von anno dazumal. Jene, die noch leben, können eben viel besser von der Atmosphäre erzählen, die sie vor gut 60 Jahren atmen durften. Im Dunstkreis Andy Warhols und seiner Factory, im Kanaldeckel-gefilterten Nebel von New York City – »This place is filthy!« – erinnert sich der aus dem Kohlenstaub-geschwärzten Wales stammende John Cale.

Apropos Cale, es scheint, als hätte der Tod Lou Reeds hier die Tür geöffnet, um dem dereinst gefeuerten Bandmitglied mehr Platz einzuräumen. Dasselbe gilt wohl auch für Maureen »Moe« Tucker. Sie ist heute eine Grand-Mère des Rock-Undergrounds und hätte wohl noch mehr Stories in petto. Überhaupt sorgen die kurzen Interviewpassagen des Films, unter anderem mit Danny Fields (guter Hirte der Stooges), La Monte Young (die Bordun-Drones seines Theatre of Eternal Music hat Ensemblemitglied John Cale auf seiner E-Viola verinnerlicht) und Jonathan Richman (als Teenager von den VU gefördert) für ein bisschen Ausgleich. Schließlich flimmern zeitweise gefühlt 16 Factory-Filmclips gleichzeitig über die Leinwand (schade, too many!) – vor diesen und ähnlichen Effekten (Strobo) wird vor Beginn des Filmes ausdrücklich gewarnt.

Der spannendste Teil sind die aufgezeigten Verflechtungen von The Velvet Underground mit anderen Akteur*innen der Szene kurz vor der Bandgründung. Insbesondere Autor*innen, Poet*innen und Musiker*innen, hier vor allem Experimental und Drone. Kenntnisse, wie diese Frequenzen auf unser Gehirn wirken können (oft genug bei Gigs erlebt, Zoning-out, Relaxing Drones, Experimentals bei diversen Bands des Wiener Undergrounds) waren wichtige Beweggründe für Cale und Co. The Velvet Underground waren in New York auf derart fruchtbaren Boden gefallen, wie es nur zu gewissen Spitzenzeiten der Kultur zu passieren scheint. Und sie hatten es, wenn man die jeweiligen Hintergrundgeschichten hört, wahrlich verdient, gefördert zu werden und zu wachsen – Sterling Morrison hatte, als er die ehemaligen Kommilitonen zufällig traf, bekanntlich keine Schuhe getragen, »and that was in winter«.

Dass dieses Wachstum leider von kurzer Dauer war, ist wohl denselben oben genannten persönlichen Hintergründen geschuldet. Zudem war die Zeit reif für Pre-Punk, Stooges und härtere Rebellion als die feingeistigen Zeitgenoss*innen von der Ostküste für angebracht hielten. In Max’s Cansas City residierten nun andere. Sei’s drum, die geschaffenen LPs sprechen für sich, und wieder aufgetauchte Live-Sets werden von alten Aficionados ebenso goutiert wie von den eben herangeführten Hörer*innen. Dafür steht wohl auch, dass Todd Haynes Doku bei Apple TV+ erschienen ist. Denn das Aushängeschild von The Velvet Underground, Andy Warhols Banane, fungiert gleichzeitig als Qualitätssiegel und als stylische Mainstream-Trademark, die sich auch auf H&M-T-Shirts findet. »You never know what you’ll find there«.

Nach einem langsamen, etwas langwierigen Einstieg nimmt die Doku schnell Fahrt auf und ehe man sich’s versieht, muss man schon wieder auftauchen, aus dem schönen, samtenen Kinositz und dem Background von The Velvet Underground. Bitte Gönnung, im Filmcasino gibt’s noch einen Termin am 13. November 2021. Mögen weitere folgen.