Unru

»Die Wiederkehr des Verdrängten«

Babylon Doom Cult Records

Die stilistische Grenzüberschreitung ist immer auch eine Gratwanderung. Einerseits gilt es, sich nach dem Crossover nicht zu verirren, denn jenseits der Grenze gilt nur bedingt »anything goes«, daher ist es, um die Orientierung nicht zu verlieren, andererseits auch unbedingt notwendig, die für den eigenen musikalischen Entwurf beliehenen Genres gut zu kennen. Gelingt dieser Kunstgriff, dann gilt: Das Gegenteil von »trve« ist nicht »untrve«, sondern »frei«. Dieser relative Freiheitsbegriff bildet natürlich (so will es die Dialektik) sein eigenes Genre aus; man spricht seit einigen Jahren von Extreme Metal, wenn eine gewisse musikalische Offenheit jenseits klassischer Zuordnungen angedeutet werden soll. So weit, so allgemein. Im speziellen Fall des zweiten Albums »Die Wiederkehr des Verdrängten« von Unru, die zunächst einmal als Black Metal Band gelten dürfen, scheint es, als ziehe das Quintett alle zur Verfügung stehenden Register, um sich eine prinzipielle Freiheit erspielen zu wollen – jenseits von Black oder Extreme Metal. Ein gewagtes, vielleicht sogar unmögliches Unternehmen? Aber drunter machen sie’s nicht. Das wird mit dem eröffnenden »Kråkstad« sofort deutlich, auch wenn sich die Lärmwand über beinahe acht Minuten hinweg langsam aufbaut – man merkt gleich: Da braut sich was zusammen. In die dunklen Klänge eingewoben eine Frauenstimme; eine Sirene, ein Engel – ein wenig Orientierung, ein Kontrast. Mit Blick auf beliehene musikalische Genres eine Ouvertüre aus Noise, Drone und Ambient, wie man sie beispielsweise von den Swans her kennt, die nahtlos ins Titelstück des Albums übergeht – und dann geht’s ab: »Die Wiederkehr des Verdrängten«, ein musikalischer Homunkulus aus Crust-Punk und Black Metal, bricht sich Bahn, ein überwiegend rasender Song, der in seinen atmosphärisch ruhigeren Momenten an Ultha erinnert (wer der Szene näher steht weiß: man teilt sich einen Gitarristen, zudem wurde das Album von Ulthas Andy Rosczyk abgemischt und gemastered). Diese musikalische Nachbarschaft zeigt sich auch im dritten Song des Albums, »Der Hauch der Freiheit«. Der Einsatz von Synthesizern, das Erzeugen von Klangteppichen und melancholischen Stimmungen, auf deren Grundlage sich dann die Band austoben kann, dieses (im so genannten atmosphärischen Black Metal auch nicht unbekannte) Stilmittel teilen sich beide Bands. Das kann man ohne Plagiatsvorwurf anmerken. Und das war’s dann auch schon mit den musikalischen Gemeinsamkeiten, denn für die beiden verbleibenden Songs des Albums geht es dann in eine andere Richtung. Das gilt vor allem für das nachfolgende, vorletzte Stück »Hungersteine«. Dem Format nach (fast eine Viertelstunde lang) erinnert es an Funeral Doom, musikalisch kommt es aber schwebender, beinahe »leicht« daher und ließ mich wiederholt an die britischen Slowdive (oder auch die in solchen Momenten schnell herbeizitierten My Bloody Valentine) denken. Shoegaze also, und zwar der eher sehr verträumten Art, »zart« möchte ich fast sagen bzw. »ozeanisch entgrenzt« (Theweleit). Um also kurz den Popdiskurs-Gaul vom Gnadenhof zu holen: Weit aus dem Fenster gelehnt kann hier vielleicht folgendes behauptet werden: Unru versuchen Jungsmusik in einer nicht-mackerhaften Variante zu spielen und ich würde sagen, dass es ihnen über weite Strecken auch sehr gut gelingt. Sie wissen, was sie tun, wenn sie sich in der Umsetzung an einer Vielzahl von Stilen bedienen, ohne dass sich der Spannungsbogen über die Spielzeit von immerhin 54 Minuten in orientierungslosem Wabern oder Geknüppel verliert. Das ist, mit Blick auf die erspielte Freiheit, kein kleines Kunststück. Wie dieses mutige, stilistisch quer liegende Album in seinen angrenzenden Szenen aufgenommen wird, das wird sich noch zeigen.