Und wie er Recht hatte!

Bereits in den Sechzigern prognostizierte uns der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan ein Leben im total vernetzten »globalen Dorf«. Zu seinem 100. Geburtstag ist nun eine ungewöhnliche Biografie von Douglas Coupland über ihn erschienen. Diese zeigt, wieso McLuhan zurecht als Prophet des Internets bezeichnet wird.

Marshall McLuhan war der Mann, der auf dem Cover des Time-Magazins als »Kanadas intellektueller Komet« gefeiert wurde. In den sechziger Jahren avancierte er mit seiner Aussage, dass das Medium die Botschaft ist, zum Mediensuperstar und revolutionierte mit seinen Ideen das Verständnis von Kommunikation. Doch kaum jemand hat die Gedankenwelt McLuhans je wirklich erschlossen. Seine Aussagen werden heute oftmals als leere Worthülsen in Diskussionen über die Postmoderne und den Identitätszerfall unserer Kultur eingeworfen.

Douglas Coupland will dem Leser nicht nur das Werk McLuhans, sondern auch den Menschen »Marshall« – wie er ihn die ganze Zeit über nennt – näher bringen. Die Biografie ist ein feinsinniges Psychogramm des zerstreuten Literaturprofessors für Renaissance-Rhetorik, der ein begnadeter Redner war und ein besonderes Talent dafür hatte, die Muster seiner Zeit zu erkennen. Dieses Talent ist es auch, wieso Coupland geeignet ist, eine Biografie über McLuhan zu schreiben. Mit seinem vor gut zwanzig Jahren erschienenen Erstlingswerk »Generation X – Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur« hatte er den Nerv einer Generation getroffen. Es ist die von ihm beschriebene Generation X, die in dem von McLuhan prophezeiten »globalen Dorf« lebt.

Prometheus unbound

Die Biografie beginnt mit der Beschreibung einer Szene aus dem Leben des 68-jährigen McLuhan nach seinem letzten Schlaganfall. Ab diesem Zeitpunkt konnte McLuhan nicht mehr lesen, schreiben und sprechen. Ausgehend von diesem tragischen Punkt in McLuhans Leben blickt Coupland zurück auf dessen Werdegang. Dabei erfährt man auch etwas über die unschönen Charakterzüge McLuhans: Sein Wesen war exzentrisch und er war kompliziert im sozialen Umgang. Zudem war seine Person geprägt von Widersprüchen: Einerseits war er seiner Zeit immer einen Schritt voraus, andererseits war er auch ein rückschrittlicher und konservativer Mensch. McLuhan konvertierte im Alter von 26 Jahren zum Katholizismus und war bis zu seinem Lebensende ein frommer Kirchgänger. Zu neu entwickelten Technologien hatte McLuhan ein ambivalentes Verhältnis. Zwar hasste er die moderne Welt und ihre Technik, er war jedoch fasziniert davon, sie akribisch zu beobachten, da er sie unbedingt verstehen wollte: »Um Ordnung in diesen aufgewirbelten Kosmos zu bringen, muss der Mensch dessen Zentrum finden.« Obwohl McLuhan klarstellte: »Ich bin nicht unbedingt mit allem einverstanden, was ich sage«, wurde fälschlicherweise oft davon ausgegangen, dass McLuhan die Welt, die er beschrieb, gefiel. Ein Grund dafür ist, dass McLuhans Beobachtungen keine wertende Dimension aufweisen.

Welt Borg Dorf

So vernetzt wie wir heute im 21. Jahrhundert sind, so vernetzt konnte McLuhan denken. Diese Fähigkeit hatte unter anderem eine biologische Ursache: McLuhans Gehirn wurde von einer zusätzlichen Arterie mit Sauerstoff versorgt. Dadurch konnte er mehrere Schlaganfälle überleben. McLuhan wirklich zu verstehen ist schwierig, denn seine Werke zeichnen sich durch einen rätselhaften und kryptischen Schreibstil aus, der auch »Mosaikstil« genannt wird. Diesem Stil bedient sich Coupland in der Biografie und nähert sich so auch formal an McLuhans Werk an: McLuhans Lebensgeschichte wird immer wieder von Anagrammen, Kommentaren, Internet-Angeboten der Werke McLuhans und Zitaten unterbrochen.

McLuhan sagte uns bereits in den sechziger Jahren voraus, wie uns zukünftige Technologien in eine orale Stammesgesellschaft, in das »globale Dorf«, zurückführen werden. Er beschrieb elektronische Medien als Ausweitungen des menschlichen Nervensystems, die zu einer »Selbstamputation« menschlicher Gliedma&szligen führen. Ausschlaggebend ist, dass dieser Vorgang unbewusst bleibt und ihn der Mensch darum nicht erkennen kann. Das Problem dabei ist, dass die Menschheit nicht mehr auf ein Leben in einer Stammeskultur eingestellt ist.

»Was, wenn er Recht hat?« lautete Mitte der sechziger Jahre die ?berschrift eines Artikels des Journalisten Tom Wolfe über McLuhan. Und wie er Recht hatte: »Die Welt, die er beschrieb, trat erst Ende des 20. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Internets wirklich zutage«, so Coupland. Den Verlust der Identität, den McLuhan als die Schattenseite des »globalen Dorfs« voraussagte, erleben wir heute tagtäglich, wenn wir uns mit unserer fiktiven Identität in virtuellen sozialen Netzwerken einloggen. Aus diesem Grund ist es in der heutigen Zeit sinnvoller als je zuvor, sich mit McLuhans Werk auseinanderzusetzen. Genau das macht uns Coupland mit seiner au&szligergewöhnlichen Biografie schmackhaft.

Douglas Coupland : »Marshall McLuhan«. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Stuttgart: Tropen 2011, 222 Seiten, EUR 19,50