Ernstalbrecht Stiebler

»Ton in Ton«

Kompakt

Erst vergangenes Jahr wurde eine CD von Ernstalbrecht Stiebler veröffentlicht. Der lange Jahre beim Hessischen Rundfunk tätige Komponist wurde im letztjährigen Pressetext noch als »sehr unbekannt« bedauert und eine Gesamtedition seiner Werke beim Label M=Minimal angekündigt. »Ton in Ton« könnte nun die Folge 2 der Gesamtwerke Stieblers sein, wird aber weder so präsentiert, noch findet sich auf der CD ein Verweis darauf. Während der Vorgänger »Sequenz II« Werke aus den 1980ern präsentierte, stammt das Titelstück »Ton in Ton« aus dem Jahr 2011. Wir hören einen zur vollen reduktionistischen Blüte herangereiften Stiebler, ergo klangflächenartige Mikrostrukturen mit einem Hauch von minimalistischer Repetition. Zugleich schleicht sich aber ein traditionalistisches Element ein, von einem »Sonett« ist die Rede, aber zurückgenommene Archaik passt vielleicht eher. Stiebler in voller Blüte, das klingt ein wenig wie Arvo Pärt auf den Spuren von Terry Riley oder der frühe Ligeti, zwar weniger genial, dafür mit der Zurückhaltung von Morton Feldman. Man muss nicht dazu sagen, dass »Ton in Ton« für Genrefreunde der reinste Hörgenuss ist. »Torsi« aus dem Jahr 2002 und »Betonungen« von 1968 sind Kompositionen für die Orgel. Auch hier bleibt Stiebler der meditativen Introspektion treu, ein Hauch von Konservatorium kommt aufgrund der formal eher strengen Umsetzung hinzu. Ûberraschend ist hier dennoch die Stringenz des brodelnden Gewabers, um es mal so zu formulieren. Denn alle drei Stücke von »Torsi« bleiben unnachgiebig in den tiefen Registern. Das Stichwort bei »Betonungen« lautet wiederum Intensivierung, die durch eben das erzeugt wird, was der Titel besagt, durch verschiedene Betonungen desselben Akkordes. Man kann sich gut vorstellen, dass Stiebler mit diesem Zugang 1968 noch auf ungläubig-taube Ohren gestoßen ist, 2013 darf man sein Werk mit offenen Armen – und vor allem Ohren natürlich – empfangen. Schwerste Empfehlung.