The Great Harry Hillman

»Live at Donau115«

Self-release

Wer ist er bloß, dieser Harry Hillman? Gewissen Quellen zufolge ist es der US-amerikanische Leichtathlet (er lief über Hürden) mit selbem Namen. Lauscht man der Musik des Schweizer Quartetts, dann lässt sich behaupten, sie haben da so etwas wie einen Golem geschaffen, ein Wesen, ähnlich dem impliziten Autor in der Literatur, das unabhängig vom Erschaffer ein Eigenleben führt und dessen Werke verrichtet … und nun unter dem Pseudonym Harry Hillman sein Unwesen treibt. In einer guten Band passiert das ja, wenn aus dem Zusammenspiel und Aufeinander-Reagieren eine Einheit entsteht. Das Album beginnt mit »Der Vogel« gleich recht bestimmt. Die Bass-Klarinette Nils Fischers tönt in die Welt hinaus, erst zaghaft, aber dann fährt sie auf, gemeinsam mit Gitarrenflächen von David Koch und Bassist Samuel Huwyler. Dem Zappeln im Gebüsch ertönen wunderschönste Melodien zum Durch-die-Lüfte-Schwirren, werden dann jedoch wieder zurückgeworfen auf die Erde, durch heftige, King-Crimson’eske Prog-Rock-Stampfer. Und dieser sensible Umgang mit verschiedenen Lautstärken und die Fähigkeit, Intensität nicht an diese zu knüpfen, macht Spaß und fesselt. Gerne lässt man sich dann von Harry in die Hände nehmen und durchkneten, denn man weiß, dass er einen danach wieder in seinen Armen wiegen wird. Wie in den ruhigen Momenten auf »Lost«, da klingt es zeit- und raumvergessen, verträumt wie in einem Stück von Bohren & der Club of Gore, Bass und Schlagzeug geben nur einen leisen Puls vor, während die Klarinette darüber hinwegschwirrt wie ein Schmetterling in einem verrauchten Lokal. Apropos Schmetterling: Eidechse. »Eidechsen Sie« ist auch eine tolle Nummer, das Blasinstrument schafft es gekonnt, zwischen Noise-Gespiele und den warmen Tonfolgen zu wählen, besonders hier funktioniert es mit dem groovigen Schlagzeug schön, erinnert von der Twilight-mäßigen Atmosphäre ein bisserl – vielleicht weit hergeholt – an den treibenden Fusion-Sound von Herbie Hancocks »Sextant«. Mit »Taube Taube« schwebt die Platte zum Ende, und gerne schickt man einen Golem zum Plattenspieler, um sie wieder umzudrehen. »Live at Donau115«, an drei Abenden im Berliner Donau115 aufgenommen, ist weder ein klassisches reguläres Studio-Album noch ein klassisches Live-Album, irgendwie. Aber das ist ja egal.